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Sonntag, 22.09.2019

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Lob und Kritik für unechte Einbahnstraße in Erlangen

Seit 19. August gilt rund um den Maximiliansplatz geänderte Verkehrsführung - 09.09.2019 06:00 Uhr

Um die neue Verkehrsführung in der Neuen Straße in Erlangen deutlich zu machen, wurde die eingeschränkte Fahrspur Richtung Westen blau eingefärbt. © Klaus-Dieter Schreiter


An diesem Montag (9. September) ist die Sommerpause vorbei, schon am Dienstag (10. September) wird der normale Berufsverkehr wieder einsetzen und morgen mit Beginn des neuen Schuljahres zunehmen: Das macht sich sicher auch rund um den Erlanger Maximiliansplatz bemerkbar — mitsamt seiner "unechten Einbahnstraße". Denn die Achse Neue Straße kann seit 19. August vom Autoverkehr mit Ausnahme von Notfallfahrten nicht mehr in Fahrtrichtung Westen durchfahren werden. Die Umbaumaßnahmen sind beendet, nun beginnt eine einjährige Pilotphase. Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Die blaue Farbe auf der Straße hält zwar doch vom Falschfahren den ein oder anderen Pkw-Fahrer ab, der die neue Verkehrsführung Richtung Autobahn A 73 über die Werner-von-Siemens-Straße befolgt. Das heißt aber nicht, dass sich alle Autofahrer an die Regelung halten. Im Gegenteil: Das Verbotsschild wird auch nach drei Wochen gerne und oft ignoriert.

Kontrollen sind laut Polizei aber rechtlich und personell schwierig. Die Stadt weist die Kritik der Polizei, man habe die Stadt auf die Probleme vorab hingewiesen, indes zurück und spricht von einer Berücksichtigung vieler Interessen. "Im Fall der Neuen Straße ging es darum, die Anwohner von Lärm und Abgasen zu entlasten, ohne die gute Erreichbarkeit der Notaufnahmen am Universitätsklinikum zu gefährden", sagt Tilmann Lohse, der Leiter des Amts für Stadtentwicklung und -planung.

Bei der Überwachung verweist der Amtsleiter auf die Polizei: "Die gefundene Lösung erfordert einen gewissen Kontrollaufwand der Polizei, der bei Verkehrsanforderungen generell zu erbringen ist". Wie häufig Falschfahrten tatsächlich stattfinden, lasse sich erst auf Grundlage einer Verkehrszählung "seriös" bewerten. Die Stadt werde eine solche Verkehrszählung "zeitnah" vornehmen, um "belastbare Zahlen" zum geänderten Verkehrsaufkommen in der Neuen Straße und zu den Verkehrsverlagerungen zu bekommen. Bislang lägen nur Eindrücke aus der verkehrsarmen Ferienzeit vor. Doch eines kann Lohse jetzt schon sagen: "Wir erhalten Lob ebenso wie kritische Rückmeldungen".

Auch die Universitätsklinik, die mit ihren Einrichtungen rund um die Neue Straße vor allem von den Änderungen betroffen ist, hat bereits "zahlreiche Rückmeldungen" erhalten, sagt der Ärztliche Direktor, Prof. Heinrich Iro. Für eine endgültige Bewertung sei es aufgrund der erst jetzt zu Ende gehenden Ferienzeit noch zu früh. Doch es zeichneten sich bereits vor allem "drei Problembereiche" ab: "Die Rettungswagen mussten manches Mal durch die Verkehrshindernisse in der Neuen Straße Richtung Martin-Luther-Platz Slalomfahrten absolvieren, was die Einsatzgeschwindigkeit reduziert und Patienten zusätzlich belastet hat." Patienten und Mitarbeiter hätten sich außerdem über "lange Umwege" und über die "irritierende Fahrbahnmarkierung" bei der Parkplatzausfahrt Maximiliansplatz beschwert.

Für Anwohnerin Karin Bildl reichen die drei Wochen für ein positives Urteil aus: "Es fühlt sich fast wie Urlaub an", sagt die Erlangerin, "oder wie Wohnen". Bisher nämlich hatte es sich für die Psychiaterin, die in der Neuen Straße lebt, nicht wirklich nach Wohnen angefühlt. Nun aber ist sie von der Halbsperrung begeistert, berichtet sie: "Man merkt einen deutlich geringeren Verkehr", sagt sie, "das bedeutet vor allem weniger Lärm." Wenn sie vor die Haustür geht, werde sie nicht mehr "von einer Autoschlange mit dem zugehörigen Lärm und Abgasen erschlagen." Entweder sei da jetzt gar kein Auto oder es komme gerade eins. Das aber sei besser als Stau vor der eigenen Tür.

Für die 46-Jährige, die sich unter anderem für die Klimaliste engagiert, ist eine andere Verkehrspolitik wichtig: "Ich bin froh, dass die Richtung weggeht von den Auto-Städten hin zu Städten, die von Menschen bewohnt und genutzt werden."

Diese Meinung vertritt im Prinzip auch Martin Segler, der Inhaber der Studentenkneipe "Kanapee" in der Neuen Straße. Schließlich sei es nicht schlecht, die vielbefahrene Straße etwas ruhiger zu machen, betont er. Doch über die (bisherige) Umsetzung schüttelt der Gastronom nur den Kopf. Direkt vor seinem Lokal nämlich stehen nun ein mobiler Pflanzkübel und ein mobiler Fahrradständer.

Beides aber lasse sich von übermütigen und auch angeheiterten jungen Menschen schnell zweckentfremden. So hat er schon beobachtet, wie einer auf dem Fahrradständer gesessen und die Beine in die Neue Straße gestreckt hat. Ein anderer hat die Schrauben des Fahrradständers entfernt. Spätestens wenn das Wintersemester los geht und die Studenten zurückkehren, wird der Fahrradständer zum Dauer-Abstellplatz für Alträder, vermutet der Gastronom.

Fahrradständer und Blumenkasten haben darüber hinaus die Raucher von ihrem Stammplatz verdrängt, die sich deshalb verstärkt vor den anliegenden Häusern aufhalten: "Ich habe von Nachbarn schon die ersten Beschwerden." 

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