Gewerkschaftschef im Interview

Mehr Geld für Beschäftigte in Reinigungsbranche - dennoch müssen viele weiter aufstocken

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

E-Mail zur Autorenseite

11.1.2022, 10:30 Uhr
Reinigungskräfte bekommen ab Januar 2022 mehr Geld, deshalb sollten sie ihren Lohnzettel genau überprüfen, rät die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt. 

Reinigungskräfte bekommen ab Januar 2022 mehr Geld, deshalb sollten sie ihren Lohnzettel genau überprüfen, rät die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt.  © IG Bau, NN

Herr Beer, für die Beschäftigten in der Reinigungsbranche gibt es mehr Geld, gelten die Erhöhungen auch für Beschäftigte in tariflosen Betrieben?

Für die nicht tarifgebundenen Beschäftigten gilt der branchenübliche Mindestlohn, der ebenfalls erhöht wurde. Es ist also in der Gebäudereinigung eine Verbesserung für alle Angehörigen der untersten Lohngruppe. Erhöhungen sind in diesem Bereich auch enorm wichtig, weil wirklich jeder Cent zählt. Beschäftigte sollten ihre Lohnzettel genau überprüfen. Für Gewerkschaftsmitglieder gibt es zum Beispiel noch zusätzliches Urlaubsgeld. Zum 1. Januar 2023 springen wir dann auf 12 Euro, aber da hat uns unser neuer Bundeskanzler positiv überrascht - weil er ja dann den gesetzlichen Mindestlohn auf 12 Euro anheben will.

Also macht die Ampel-Koalition für Sie da schon mal einen Schritt in die richtige Richtung. Haben Sie sonst noch einen Wunsch an die neue Regierung?

Ja, wenn man den Renteneintritt wieder absenken könnte, wäre das ein Herzenswunsch. Denn wenn jemand 40 oder 45 Jahre immer als Gebäudereiniger arbeitet, ist das genauso ein Knochenjob wie wenn man als Maurer, Betonbauer oder Zimmerer arbeitet. Man meint immer, die müssen nur einen Papierkorb ausleeren und den Schreibtisch säubern, aber damit ist es ja nicht getan.

Das ist wirklich harte Arbeit.

Auf jeden Fall. Und wenn man bedenkt, dass Angebote ausgeschrieben werden, bei denen man 300 Quadratmeter pro Stunde putzen muss, dann bedeutet das, dass man, wenn man eine Wohnung mit 100 Quadratmetern hat, diese in einer Stunde dreimal putzen muss. Das wird wahrscheinlich nicht funktionieren.

Der Leistungsdruck ist also sehr hoch.

Natürlich, und die Konkurrenz groß. In der Gebäudereinigung ist das meiste eben mit den Beschäftigten verdient. Wenn ich einen neuen Auftrag haben will, wo der alte Auftrag für vier Stunden läuft, biete ich die gleiche Leistung in dreieinhalb Stunden an. Dann geht es immer zu Lasten der Beschäftigten.

Die Löhne liegen daher im Niedriglohnbereich. Wie prekär ist die Lage für die Beschäftigten? Man denkt an Mitarbeitende, die in Containern übernachten.

In der Gebäudereinigung übernachtet niemand in Containern, wenn, dann sind das Glasreiniger, die für einen speziellen Auftrag an einen bestimmten Ort müssen. Ansonsten sind das lauter Beschäftigte, die aus der Stadt oder dem Umland Erlangen kommen, weil sie natürlich auch nicht allzu weit fahren. Denn alles, was sie fahren, geht ja von dem Lohn weg, der wie Sie richtig sagen, im Niedriglohnsektor angesiedelt ist. Aber nichtsdestotrotz: Wenn jemand Vollzeit beschäftigt ist, dann kommt er mit dem Lohn, der zwar deutlich über dem liegt, was gesetzlich vorgeschrieben ist, schon ein bisschen weiter. Aber es reicht natürlich nicht zu einer richtigen Rente später im Alter, wenn man immer nur diesen Lohn gehabt hat. Und selbst das gilt nur, wenn man wirklich immer Vollzeit arbeitet.

Was viele aber nicht tun.

Der Regionalleiter Franken für die IG Bau, Hans Beer,  freut sich über die Lohnerhöhung in der Gebäudereinigung. 

Der Regionalleiter Franken für die IG Bau, Hans Beer,  freut sich über die Lohnerhöhung in der Gebäudereinigung.  © IG Bau, NN

Genau, die meisten Reinigungskräfte haben so vier oder sechs Stunden, da kommt man zwar womöglich auf einen Verdienst, mit dem man vielleicht alleine leben kann. Aber wenn man Familie und Kinder hat, wird es schwierig. Wir haben auch sehr viele Alleinerziehende in dem Bereich, das ist schon immer heftig. Diese müssen dann aufstocken.

Auf was sollten private und kommunale Auftraggeber achten?

Wir haben als IG Bau unsere Gebäude auch manchmal an Gebäudereinigungsfirmen vergeben und wir kriegen dann von ihnen immer mitgeteilt, dass es eine Lohnerhöhung gegeben hat und dass der Auftrag, den wir an die Firma gegeben haben, um beispielsweise 2,5 Prozent teurer wird. Wer als Auftraggeber keine solche Nachricht bekommt, der weiß, dass etwas nicht stimmen kann. Deshalb sollten die Auftraggeber, also gerade auch die öffentliche Hand, darauf achten und mit den Firmen reden und sagen, wenn es eine Lohnerhöhung gibt, dann werden wir das zahlen und uns keinen billigeren Anbieter suchen.

Keine Kommentare