Mütter wünschen sich in Erlangen mehr Zeit ohne Väter

3.1.2021, 14:00 Uhr
Teils zu erstaunlichen Ergebnissen führte eine Befragung der Mütter in der Geburtshilfe der Frauenklinik.

Teils zu erstaunlichen Ergebnissen führte eine Befragung der Mütter in der Geburtshilfe der Frauenklinik.

Was war im Covid-Jahr 2020 in der Geburtshilfe das Erstaunlichste? Professor Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen, kann es beinahe immer noch nicht so recht glauben. Doch tatsächlich war es genau die von der Klinik vorgeschriebene Kontaktreduzierung während des Lockdowns, die bei den Frauen besonders gut ankam, wie sich bereits im Frühjahr zeigte. Zwar dürfen die Väter weiterhin bei der Geburt dabei sein, doch danach ist ihre Besuchszeit auf eine Stunde am Tag beschränkt. Und andere Besucher sind überhaupt nicht zugelassen.

"Wir dachten, es ist super, wenn der Vater da ist"

"Das hört sich relativ hart an", meint Prof. Beckmann. "Und wir haben ja auch alle immer gedacht, dass es super ist, wenn der Vater immer da ist." Doch was die Frauen in Fragebögen nach dem in der Regel dreitägigen stationären Aufenthalt bei Entbindungen geantwortet haben, zeigt nun ganz deutlich, dass genau diese durch Covid-19 aufgezwungene Beschränkung sehr gut ankommt. Zum gleichen Resultat kommt eine von Hebammenschülerinnen durchgeführte Jahresarbeit. "Finden Sie es gut, dass Sie vom Kontakt her so reduziert sind?", wurde darin gefragt.

Die Antworten waren eindeutig. Zwar fanden einige Frauen es nicht so schön, dass ihre Männer nicht bei ihnen in der Klinik übernachten konnten. Doch insgesamt bewerteten die meisten die Situation überwiegend sehr positiv. Keinen Besuch zu bekommen – dieser Wunsch wurde sogar mit einer gewissen Vehemenz vertreten.

Chance, Ruhe zu finden

Prof. Matthias W. Beckmann, Leiter der Frauenklinik.

Prof. Matthias W. Beckmann, Leiter der Frauenklinik. © Foto: Universitätsklinikum Erlangen

Zeitlich befristeter Besuch vom eigenen Mann, überhaupt kein Besuch von Geschwisterkindern der Neugeborenen, von Großeltern, Geschwistern, Tante, Onkel, Freunden: "Die Frauen haben eine größere Chance, sich mit ihren neugeborenen Kindern zu beschäftigen und Ruhe zu finden", sagt Prof. Beckmann. Die Station sei ruhiger, das Stillen gehe besser. "Wir sind hochgradig erstaunt darüber, wie viele positive Rückmeldungen wir haben über die Möglichkeit der Mütter, sich um ihre Kinder zu kümmern."

"Wir haben das Gefühl, dass die Gesamtsituation für die Frauen besser ist", erklärt der ärztliche Direktor der Frauenklinik. "Für uns ist das eine neue Situation in der Geburtshilfe. Wir denken ernsthaft darüber nach, diese Einschränkungen – wenn auch nicht ganz so umfassend wie jetzt – nach Covid-19 selbstbestimmend weiterhin zu empfehlen."

Rund 2700 Geburten gab es in der Erlanger Frauenklinik in diesem Jahr, im Jahr zuvor waren es noch rund 2550 Geburten. Die Zunahme könnte aus einem Sicherheitsbedürfnis bei den gebärenden Frauen resultieren, die sich wegen Covid-19 zur Geburt lieber in ein größeres Haus mit vielen Entbindungen statt in eine kleine Klinik begaben.

Covid-Fälle bei Hebammen

"Wir gehen davon aus, dass nicht die Geburtenrate gestiegen ist, sondern dass wir eine Verschiebung haben", erklärt Prof. Beckmann. Zudem seien die Geburtsabteilungen in den Krankenhäusern in Forchheim, Ansbach und Lauf im Frühjahr zeitweise wegen Covid-Fällen bei den Hebammen geschlossen gewesen. An der Frauenklinik in Erlangen gab es keine derartigen Vorkommnisse.

Die Kaiserschnittrate wird auch dieses Jahr an der Uniklinik wieder im bundesweiten Vergleich mit am niedrigsten sein. Sie lag in Erlangen zuletzt bei 26 Prozent. Die aktuellen Daten für das Jahr 2020 durch die bayerische Arbeitsgemeinschaft für Qualitätssicherung liegen noch nicht vor.

"Nicht zu viele Wunsch-Kaiserschnitte"

An einer Leitlinie, die vor einigen Monaten als Handlungsempfehlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zum Thema Kaiserschnitte herausgegeben wurde, haben die Erlanger Professoren Matthias Beckmann und Sven Kehl mitgearbeitet, ebenso an einer soeben erschienenen Leitlinie zur Geburtseinleitung. Im Januar soll eine Leitlinie zur vaginalen Geburt folgen.

Denn trotz Covid-19 geht der ganz normale Betrieb in der Geburtshilfe weiter. Den Vorwurf, dass in Deutschland zu viele (Wunsch)Kaiserschnitte gemacht würden, sieht Prof. Beckmann zwar längst wieder als entkräftet an, doch würden die neuen, jetzt erstmals erstellten Leitlinien dem Ganzen nun einen eindeutigen Handlungsrahmen geben.

Über 30 Prozent Kaiserschnitte

Die Kaiserschnittrate beträgt hierzulande im bundesweiten Durchschnitt über 30 Prozent. Wenn man sich an die Leitlinien halte, werde eine Kaiserschnittrate von 25 bis 30 Prozent erreicht. "Wir haben nun mehr Sicherheit im Hinblick darauf, wann Kaiserschnitte und Geburtseinleitung indiziert sind", sagt Beckmann. 

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