Muttertag: Für Kinder im "Puckenhof" oft ein schwerer Tag

9.5.2021, 10:30 Uhr
Muttertag

Muttertag © dpa/Karl-Josef Hildenbrand

„Wir lieben unsere Mutter“: Angela Barnert mit einigen Heranwachsenden aus ihrer therapeutischen Wohngruppe des „Puckenhof“ in Buckenhof.

„Wir lieben unsere Mutter“: Angela Barnert mit einigen Heranwachsenden aus ihrer therapeutischen Wohngruppe des „Puckenhof“ in Buckenhof. © Foto: Puckenhof

Wenn an diesem Sonntag, 9. Mai 2021,  Kinder und Jugendliche für ihre Mama Kuchen backen und Blumen kaufen, dann wird so manchem Jungen oder Mädchen im "Puckenhof" wohl wieder schmerzlich bewusst, was er oder sie im Moment eben nicht hat: eine Mutter, die ihrer Erziehungsaufgabe und Verantwortung wirklich nachkommen kann.

Mit einigen von ihnen werden die Betreuer und Pädagogen in der Einrichtung des Evangelischen Jugendhilfeverbundes dann am 9. Mai womöglich über Probleme sprechen, darüber, weshalb sie nicht nach Hause fahren können oder wollen – zu einer Mutter, die über einen gewissen Zeitraum und aus unterschiedlichsten Gründen eben nicht in der Lage ist, diese Rolle wirklich wahrzunehmen.

Viele der rund 100 Schützlinge haben Eltern und damit auch Mütter, die mit der Erziehung überfordert sind oder an psychischen oder physischen Erkrankungen leiden. Manche Kinder wurden zu Hause missbraucht oder körperlich misshandelt, andere vernachlässigt.

Angela Barnert weiß, wie schwer dann gerade traditionelle Familien-Festtage wie Geburtstag, Weihnachten, Silvester oder auch Muttertag für solche Kinder sind. "Bei manchen verdunkelt sich die Stimmung", erzählt die Erzieherin, die für den "Puckenhof" eine therapeutische Wohngruppe für Heranwachsende betreut.

Die Jugendlichen dort, die zwischen 16 und 21 Jahre alt sind, kommen mit größtenteils dysfunktionalen Strukturen, das heißt, sie haben sehr schwierige Beziehungen zu den Eltern. "Es gibt so schwierige Konstellationen, dass dieser Kontakt, der auf der Muttertagsebene mit Dankbarkeitsbezeugung, was es ja letztendlich ist, auf der Ebene wirklich stattfinden kann", sagt die 51-Jährige.

In weitläufiger Anlage 

Es gebe daher in der weitläufigen Anlage in Buckenhof im Landkreis Erlangen-Höchstadt auch nur wenige, die an diesem Wochenende nach Hause gehen zu den Familien. Für die, die da bleiben, ist der Tag dann umso schwieriger, erzählt die Erzieherin: "Sie spüren, ich habe nicht das Verhältnis zu meinen Eltern oder zu meiner Mutter", berichtet sie.

Bei einigen suche man das Gespräch und versuche, Vorschläge zu machen, wie sie wieder in Austausch miteinander kommen könnten. Aber manche, sagt die Betreuerin, sagten auch deutlich: "Mit dem Thema will ich gerade nichts zu tun haben".

Um es Kindern und Jugendlichen an einem solch emotionsbeladenen Tag nicht noch schlimmer zu machen, mache die Einrichtung auch keine besonderen Bastel- oder Mal-Angebote. Manche Ältere, die zu Muttertag irgendetwas vorbereiten möchten, kümmerten sich selbst darum. Sie besorgen ein Geschenk, machen sich Gedanken, schreiben eine Karte – vielleicht auch dann, wenn die in einer bestimmten Phase ihre Lebens aus welchen Gründen auch immer überforderte Mutter keine richtige Mutter sein kann.

Verschiedene Gründe

Bisweilen sind es Drogenprobleme oder psychische Erkrankungen, unter denen die Frauen leiden. Auch Überforderung kann ein Grund sein. In einem Fall, so erzählt Barnert, sei die Mutter mit der Erziehungsarbeit so überlastet, dass sie das Kind in Wohngruppen gegeben hat und jetzt vom Jugendlichen den Vorwurf bekommt, sie hätte keinen Bock auf das Kind und seine komplexen Problemen.

mache den Alltag für die Eltern oft schwierig: die Kinder und Jugendlichen litten unter Selbstverletzungen und einer latenten Suizidalität; aber auch die Bewältigung des Alltags falle ihnen schwer, sei es das morgendliche Aufstehen, die Beteiligung im Haushalt oder die Kommunikation in der Familie, sagt die Erzieherin: "Bei den Jugendlichen herrscht letztlich die Enttäuschung, meine Familie kommt nicht mit mir klar, ich muss hier in einer Einrichtung unterkommen."

Dieses Gefühl verstärkt sich an Muttertag: "Es ist ein Tag, an dem andere heile Familien leben und Spaß, Freude und Bindung erleben", sagt Barnert. Die das nicht können, richten den Blick noch mehr in ihr Innerstes und sehen: Das ist für mich nicht möglich. Diejenigen, die nach Hause fahren, versuchen, dass es dann dort möglichst gut wird. In den Familien herrsche immer der latente Vorwurf und auch die Unsicherheit, ob die Entscheidung, das Kind abzugeben, die richtige war.

Auch Jugendliche machen sich Vorwürfe 

Viele Mütter schämten sich dafür, dass sie an einem Punkt standen und stehen, an dem sie für ihr Kind nicht mehr ausreichend sorgen können. Auch die Jugendlichen machten sich Vorwürfe und sagten, wenn ich nicht so wäre, dann könnte ich dort bleiben – zuhause, bei der Mutter. Denn die Bindung gebe es nach wie vor, allerdings gingen die Kinder unterschiedlich damit um. "Die Wege, wieder eine Beziehung zu den Eltern oder der Mutter aufzubauen, schaffen die Jugendlichen meistens hier noch nicht."

Oft empfinden die Jugendlichen es als Verletzung, wenn die Mutter in einem Hilfeplangespräch betont, sie könne sich nicht vorstellen, das Kind wieder bei sich aufzunehmen. Das Bedürfnis der Kinder aber bleibt trotzdem, sagt die Erzieherin.

Noch seien die Heranwachsenden nicht an einem Punkt, die Sache rational zu betrachten. "Deshalb ist Muttertag so ein Tag, an denen es Jugendlichen wieder bewusst wird, dass ihr Leben anders ist als sie es sich wünschen, als es normal wäre."

Da spiele auch das Alter keine Rolle, sagt Barnert, die selbst drei erwachsene Kinder hat. "Die Sehnsucht ist bei allen gleich da, das Bedürfnis nach dieser familiären mütterlichen Nähe." Die Jüngeren, vermutet sie, nutzten einen Tag wie Muttertag eher, der Mutter trotz vorhandener Enttäuschungen zu signalisieren: Ich liebe Dich und ich möchte Dir hier über den Muttertag diesen Kuchen überreichen. Je älter die Kinder und Jugendlichen sind, desto mehr erkennen sie, dass die Beziehung gestört ist. Die Jüngeren merkten das noch nicht so, berichtet die "Puckenhof"-Mitarbeiterin. Daher können die Kleinen leichter in Kontakt zu ihren Müttern treten, sie haben die Hemmnisse nicht.

Formale Funktion 

Welche Rolle haben Barnert und ihre KollegInnen? "Faktisch wollen und können wir auch gar nicht Ersatzmutter sein", sagt die Betreuerin. Man übernehme die formale Funktion der Eltern, indem man Entscheidungen trifft, die Schützlinge zur Alltagsbewältigung anhält und auch Ratschläge gibt. "Wir sind auch als Gesprächspartner da, aber wir wollen bewusst nicht die Mutter ersetzen oder in die mütterliche Rolle schlüpfen, denn da wäre die Bindung irgendwann so stark, dass sich die Kinder schwer wieder hier lösen können."

Das "Puckenhof"-Team sieht sich als Begleiter für die Kinder und Jugendlichen in einer bestimmten Lebensphase. "Trotzdem", sagt Angela Barnert, "versuchen wir natürlich mit einem Kakao am Bett gemeinsam mit den Kindern über ihren Frust zu reden und ihnen die nötige Nestwärme zu geben."

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