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Freitag, 03.07.2020

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Paula Platz aus Baiersdorf macht sich über Mainstream lustig

Kindheit und Studium in Franken - Als "Paulanerweisse" auf Instagram - 27.06.2020 10:45 Uhr

Paula Platz aus Baiersdorf ist auf Instagram als "Paulanerweisse" unterwegs. © privat


Ein Zisch, ein Klack, ein Klick. Und ein Like. So hört es sich an, wenn Paula Platz aus dem Öffnen einer Bierflasche ein mediales Ereignis macht. Unter dem Video steht „Weil viele von euch fragten – so öffne ich mein Seidla.“ In ihrer Hand: eine Haarbürste. Den Trick kann sie noch immer. Trotzdem öffnet sie die Bierflaschen an diesem Sonntag in der Küche ihrer Hamburger WG mit einem normalen Flaschenöffner. Beim Zuprosten hat sie das gleiche Grinsen auf den Lippen wie auf Instagram. Nur filmt diesmal niemand.

Paula heißt auf Instagram Paulanerweisse und veröffentlicht Fotos von sich, von Bier und von peinlichen Kalendersprüchen und nimmt den Lokalpatriotismus ihrer fränkischen Heimat (sie stammt aus Baiersdorf) auf die Schippe. Mit Bildunterschriften im typischen Influencer-Stil wie „Vermisst ihr es auch so wie ich, auf Bierbänken Bratwürste zu essen?“ ruft sie ihre Fans zu Kommentaren auf und parodiert damit eine ganze Szene. Geld verdient sie mit ihren Inhalten nicht.

"Ich muss selbst oft darüber lachen"

Stattdessen bringt es der 24-Jährigen Spaß und Anerkennung. „Ich muss selbst oft darüber lachen. Aber noch unterhaltsamer finde ich es, mir vorzustellen, dass es andere Menschen lustig finden. Vor etwa anderthalb Jahren hat sie das Profil aus einer Laune heraus erstellt. Sie wollte den Quatsch loswerden, der ihr ein- und aufgefallen ist. Wenn sie nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, unternimmt sie viel mit Freunden, neben Biertrinken auch Rockkonzerte und Kunstausstellungen besuchen.
In Bamberg hat sie Kommunikationswissenschaft studiert. „Manchmal denke ich, ich hätte lieber Brauwesen studieren sollen“, sagt Paula. und pustet eine Strähne ihres blonden Ponys aus dem Gesicht.

Sie trägt ein schwarzes Print-Shirt und eine locker sitzende Jeans und sieht aus wie auf den meisten Fotos auf ihrem Instagram-Account. Ungeschminkt, uneitel, no filter, no Duckface. Stattdessen ein schiefes Grinsen. Keine zwei Anläufe braucht sie, um das passende Bild zu schießen. Der Inbegriff von mehr Authentizität auf Instagram.

Nie mehr als 100 Abonnenten

Als Kampf um Reichweite versteht Paula das Influencer-Dasein nicht. Ihr geht es um die Botschaft, sagt sie. Die Community um Paulanerweisse ist gewollt klein: Die Zahl der Abonnenten limitiert sie auf 100. Jedes Mal, wenn diese Grenze erreicht ist, löscht sie jemanden, der ihr nicht mehr nahesteht – oder einen stillen Beobachter, der nie kommentiert. Damit es nicht außer Kontrolle gerät: „Mir ist wichtig, dass meine Inhalte nur Leute sehen, die meinen Humor teilen und wissen, wie ich das meine.“ 
Trotzdem kennt sie nicht jeden Follower persönlich. Manche sind über eine Empfehlung von Freunden auf das Profil gestoßen. „Wenn jemand mich als Person gar nicht kennt und mir nur wegen meiner Beiträge folgt, dann habe ich ja mein Ziel erreicht, die Leute zu erheitern.“

Paula Platz ist auf Instagram als "Paulanerweisse" unterwegs. © privat


Letztes Jahr hat sie Socken mit Bier-Aufdruck zum Geburtstag bekommen, außerdem eine Bier-Floßfahrt und vier personalisierte Weizengläser. „Das hat mich schon geschockt.“

Umzug nach Hamburg 

Die Trinkkultur pflege sie zwar auch privat, aber nicht in dem Ausmaß, wie es auf Instagram den Anschein macht. Durch den Account ist die Liebe zu ihrer Heimat Franken noch gewachsen, sagt sie. Trotzdem ist sie vor einem halben Jahr nach Hamburg gezogen. Dass sie dort schräg gegenüber der einzigen fränkischen Wirtschaft wohnt, sei Zufall. Nicht jedes Bier, das sie trinkt, fotografiert sie. Und nicht jedes Mal, wenn sie ein Bier auf Instagram postet, trinkt sie gerade eines. Stattdessen hat sie einen Vorrat an Bildern und Videos, die sich für das Trash-Profil, wie sie es nennt, eignen. „Ich mache Content aus den lustigen Situationen, die mir passieren oder die ich beobachte.“ Ungezwungen, oft spontan.

Gerade ist Paula Praktikantin — in der Marketingabteilung eines nachhaltigen Start-ups. Auch beruflich zieht es sie in die sozialen Medien. „Das unterscheidet sich natürlich von der Art, wie ich meinen Bier-Account pflege. Aber ich versuche, auch dort meinen Humor unterzukriegen.“ Manchmal verlinkt sie die Biermarken auf ihren Paulanerweisse-Fotos – um damit die Influencer-Inflation solcher Markierungen zu veralbern. Und um ein bisschen pseudo-professionell zu wirken. Im Alltag ist sie eher der verpeilte Typ. Als sie zwei neue Flaschen holen will, stolpert Paula über den Bierkasten im WG-Flur. Hätte ein Post werden können. Vielleicht mit der Bildunterschrift: „Wenn der Job dir im Weg steht.“ Schade, dass niemand gefilmt hat. 

 

Kristina Kobl

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