Künstler im Interview

Ralf König über schwule Comics

20.10.2021, 10:30 Uhr
So sehen sie aus, die schwulen Figuren aus Ralf Königs Comic-Universum.

So sehen sie aus, die schwulen Figuren aus Ralf Königs Comic-Universum. © Ralf König, NN

Mit heutigen Klassikern wie „Konrad und Paul“ und „Der bewegte Mann“ machte Comic-Künstler Ralf König Homosexualität nicht nur sichtbarer, sondern brachte durch Humor das Thema einem großen Publikum in den 80ern und 90ern näher. Mit seiner Interpretation von „Lucky Luke“ hat der gebürtige Soester aktuell zudem einen der bisher besten Comics des Jahres vorgelegt. Im Rahmen des Christopher Street Day Erlangen war er nun zu einer besonderen Lesung zu Gast im Saal des Erlanger E-Werks - um dort aus seinen frühen „Schwulcomix“ und anderen Klassikern zu lesen. Im Interview sprach der 61-Jährige vorab über Humorgesetze, Klischees und das bayerische Landesjugendamt.

Herr König, wieso haben Sie sich damals, Anfang der 80er Jahre, für das Medium Comic entschieden? Sie hätten ja auch Romane schreiben können.
Oh, das war keine Frage der Entscheidung. Ich habe schon als Kind lieber Donald Duck abgemalt als Fußball gespielt. Dazu hatte ich immer eine sprudelnde Fantasie. Ich habe meinen Cousin hinter dem Kasperltheater zu Lachkrämpfen gebracht. Keine Ahnung, in meiner Familie findet sich weit und breit niemand, der künstlerisch kreativ wäre, ich bin der einzige bunte König. Und weil ich mir gerne Geschichten ausgedacht und dazu gezeichnet habe, bin ich konsequenterweise beim Comic gelandet. Ich lese nicht viele Comics, ehrlich gesagt, ich zeichne sie lieber.

Warum funktionieren Lesungen mit Ihren Comics so gut?
Es ist ein Zwischending zwischen Lesung und Kino. Ich zeige auf der Leinwand die einzelnen Comicbilder und spreche dazu die Sprechblasen mit verschiedenen Stimmen. Ich habe früher Theater gespielt, bin also auch eine Rampensau, wenn ich auf der Bühne bin. Und ich weiß, wie das klingen muss, wenn meine Nasen sprechen. Manchmal ist das ziemlich hysterisch. Großer Spaß jedenfalls für alle, die meinen Humor teilen.

Was empfinden Sie denn heute, wenn Sie Ihre frühen „Schwulcomix“ sehen und vorlesen?
Puh, erst einmal möchte ich das alles noch mal zeichnen, weil ich das heute wohl besser kann als damals. Andererseits war genau dieser freche, ungeschliffene Strich für die Inhalte goldrichtig. Je minimalistischer die Zeichnung, umso mehr kann man sich Derbheiten erlauben, das ist ein Humorgesetz, scheint mir. „South Park“, meine Lieblings-Comedyserie, würde nicht funktionieren, wenn die Zeichnungen nicht so zweidimensional wären. Ich werde ein bisschen sentimental, wenn ich mein Zeug aus den 80ern und 90ern sehe. Diese Geschichten beinhalten ja auch, was damals in meinem Leben los war.

Also sind sie autobiografisch?
Es ist nicht wirklich autobiografisch, aber das damalige Lebensgefühl ist in den Geschichten, klar. Und die Schrift würde ich gern neu lettern. Das Gekrakel kann ich heute selbst kaum entziffern. Aber damals hat sich niemand beschwert, wir waren noch schräge Handschriften gewohnt anstatt glatter Computertypographie.

"Großer Spaß für alle, die meinen Humor teilen": Comic-Künstler Ralf König. © vvg-koeln Fotografie, NN

Lachen Sie heute noch über Ihre Gags von damals?
Oh ja! Ich denke: Boah, geht’s noch krasser? Aber ich liebe das Hemmungslose und Unverschämte daran. Wir reden über die 80er und 90er, da war vieles noch Tabu! Und „politisch korrekt“ gab es damals noch nicht, zum Glück! Das ist mein Lebensmotto, genau diesen Humor weiterzuführen. Ich werde als Comiczeichner nicht vorsichtig werden, ob irgendwer sich vielleicht beleidigt fühlt.

Gibt es Gags oder Comics, die Sie heute so nicht mehr machen würden?
Ich habe ein Bauchgefühl, das mir sagt, was okay ist und was nicht. Was nicht okay ist, fällt mir vermutlich gar nicht erst ein. Man sagt mir ja gerade nach, dass ich liebevoll mit meinen Figuren umgehe. Ich bin auch kein Aktivist, ich zeichne Comics nicht, um jemanden aufzuklären oder zu belehren. Ich bin Autor und weil ich schwul bin, sind es eben schwule Geschichten. Klischees gehören zu Comics und Cartoons dazu. Ich habe damit oft gespielt. Und an Klischees ist ja oft ein wahrer Kern, das haben mir meine schwulen Leser zumindest nie verübelt, da wurde von Anfang an lauthals mitgelacht.

Können Sie sich noch an die Reaktionen auf Ihre ersten Comics erinnern?
Damals habe ich eine Lücke gefüllt. Alles, was schwul war, war schrecklich problembeladen und tragisch. Homosexualität war etwas außerhalb der Gesellschaft, irgendwie krank. Das hatten die Schwulen ja teilweise selbst verinnerlicht. Und dann kam ich und machte meine Witze und Cartoons in den wenigen Schwulenzeitschriften. Der Nürnberger Rosa Flieder war mein erstes Heft, in dem ich regelmäßig zeichnen durfte. Es waren noch sehr schlecht gezeichnete Comics, aber die Reaktion war enorm positiv! Endlich nahm es mal jemand nicht so dramatisch! Das befreite vom Selbstmitleid. Und dann Mitte der 90er sollten zwei meiner Bücher indiziert werden: „Kondom des Grauens“ und „Bullenklöten“. Da war große Aufregung. Das bayerische Landesjugendamt behauptete, meine Comics würden Kinder und Jugendliche sozial-ethisch desorientieren und Heterosexualität diskriminieren. Ernsthaft! Aber die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften entschied, es seien Comics für Erwachsene und Kunst. In Deutschland waren Comics bis dahin Kinderkram. Und so ist es leider oft noch heute.

www.ralf-koenig.de

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