Rückblick auf eine Revolution der Malerei

18.9.2012, 00:00 Uhr
Blick in die Ausstellung „toujours informel“ des Erlanger Kunstmuseums.

© Erich Malter Blick in die Ausstellung „toujours informel“ des Erlanger Kunstmuseums.

Informel, das war eine Revolution der Malerei und, wie es sich gehört, Aufbruch und Skandal zugleich. Gegen die im Formalismus erstarrte Abstraktion der konkreten Kunst entstand in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Paris und New York eine Malerei, die sämtliche Regelwerke über Bord warf.

An ihre Stelle traten die Spontaneität des emotionalen Ausdrucks und die unmittelbare Kraft der Assoziationen. Gegen eine verkopfte Kunst wurden Material und Werkzeug der Malerei dem ungehemmten Einsatz der körperlichen Aktion freigegeben.

Nach Diktatur, Krieg und Zerstörung versprach das Informel den Aufbruch zu neuen Ufern der Kunst. Das umso intensiver, als es kein Stil ist, sondern eine Haltung beschreibt, die ganz im Sinne des damaligen Existenzialismus die Freiheit des Individuums voraussetzt. In den USA und Westeuropa hat das Informel zu großer Malerei angestiftet, Bilder, die zu den berührendsten der Abstraktion überhaupt gehören. In den Biografien der fränkischen Kunst nach 1945 trat das Informel vorrangig als Episode auf, die aber durchaus entscheidend für künftige individuelle Entwicklungen war. Das zeigt sich etwa bei Oskar Koller, der über das Informel den Weg in eine neue Form des Gegenständlichen fand. Das trifft ähnlich für Friedrich Herlt zu, während Herbert Bessel die opulenten Strukturen des Informel zu einer zeichenhaften Abstraktion reduzierte.

Für Herbert Martius eröffnete die spontane Malerei den Blick für die Möglichkeiten der Email-Malerei. Selbst Gerhard Baumgärtel aber, der seit den späten 50er Jahren als entschiedener Repräsentant des „action painting“ auftrat, hat sich später wieder konstruktiven Bildlösungen zugewandt. Für Max Söllner und Egon Eppich hat das Informel nur die Bedeutung einer malerischen Hintergrundmusik, über der sie an der Entwicklung konzeptioneller Bildlösungen arbeiten.

Für die Jüngeren, die nicht mehr zur Gründergeneration gehörten, spielte der historische Ursprung des Informel keine Rolle mehr. Es wurde zu einer gleichsam zeitlosen Malweise, die der Inspiration und dem Experiment freie Bahn ließ. Werner Knaupp und Klaus Peter Wrede folgten den Assoziationen ins weitläufig Gegenständliche. Ernst Neukamp, Vera Lassen und Klaus Schneider entwickelten daraus eine Archäologie ihrer subjektiven Bildvorstellungen. Ein Extremfall ist Liz Bayerlein, deren aktuelle figürliche Malerei mit ihren informellen Anfängen kaum mehr zu schaffen hat.

Die Lebenskraft des Informel, die es von den zahlreichen „Ismen“ der Moderne unterscheidet, zeigt sich aber darin, dass es immer neue Varianten seiner Urformen ermöglicht. Anna Gertrud Wenning, Susanne Schreyer und Werner Schmidt knüpfen an die emotionale Tradition des „action painting“ und des „abstrakten Expressionismus“ an: Noch einmal, aber mit Gefühl.

Dem Geist des Informel entspricht vor allem die eigenständige Bilderfindung. Christine Colditz entfesselt auf ihren monumentalen Leinwänden reliefartig strukturierte Farborgien. Gisela Aulfes-Daeschler erfindet mit ihrer spielerisch skizzenhaften Malerei immer neue Assoziationen zu Bildwirklichkeiten, die sich auf keine konkreten Erscheinungen einlassen. Der Titel der Ausstellung trifft schon ins Schwarze: „toujours informel“.

„toujours informel“. Kunstmuseum im Loewenichschen Palais, Nürnberger Straße 9. Bis 21. Oktober, Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 16 Uhr.

 

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