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Sechs Tote, acht Genesene: Erlanger Pflegeeinrichtung kämpft gegen Corona

Bis Weihnachten kam das AWO Sozialzentrum coronafrei durch die Pandemie. Nun gibt es erste Fälle. - 27.01.2021 10:30 Uhr

An Heiligabend kam der Virus: Auch im AWO Sozialzentrum in Büchenbach kämpfen sie nach Kräften gegen Corona. Das hat große Einbußen zur Folge.

26.01.2021 © Foto: Harald Sippel


Die Glückssträhne riss ausgerechnet an Heiligabend. Das AWO Sozialzentrum in Büchenbach hatte sich schon – so gut es in der gegenwärtigen Situation möglich ist – auf besinnliche Stunden eingestellt, seine Gänge und Aufenthaltsräume festlich dekoriert. Ein bisschen Normalität in Zeiten ohne Normalität sozusagen. Einige Bewohnerinnen und Bewohner freuten sich auf Kurzbesuche bei oder von Verwandten – da geschah es: Bei einem routinemäßigen Corona-Test am Morgen kam erstmals überhaupt im Sozialzentrum eine Infektion ans Tageslicht. Eine Bewohnerin hatte sich angesteckt.

Damit starb schlagartig all das, worauf man sich an diesem Tag so gefreut hatte: Jegliche Hoffnung auf ein ruhiges, besinnliches Weihnachtsfest. Plötzlich ging die Angst um: Wer ist noch alles betroffen?

"Umfassende und strikte Maßnahmen"

Sofort wurden "umfassende und strikte Maßnahmen" ergriffen, schreibt die AWO in einer Stellungnahme, bis heute gilt ein striktes Besuchsverbot mit Ausnahme zur Sterbebegleitung. Videotelefonie bildet den einzigen Kontakt zu Verwandten und Angehörigen.

Für alle Pflege- und Seniorenheime, die Einrichtungen sind für Hochrisikogruppen in Zeiten der Corona-Pandemie, ist das Einschleppen des Coronavirus das Worst-Case-Szenario."Ich erlebe derzeit die mit Abstand schwierigste Situation meines Arbeitslebens", sagte Einrichtungsleiter Enno de Hahn bereits im März 2020. Er hatte mit seinem Team ein engmaschiges System eingeführt, um genau das zu verhindern: Einen Ausbruch im Sozialzentrum mit seinen 160 Bewohnerinnen und Bewohnern. Seniorinnen und Senioren in Lang- und Kurzzeitpflege sind das, aber auch Patienten, die an Multiple Sklerose erkrankt sind oder durch schwere Schädel-Hirnschädigungen Intensivpflege benötigen.

Virus nur vor der Haustür

Lange Zeit ging es erstaunlich gut, das Virus gab es nur vor der Haustür der Wohn- und Betreuungsanlagen – das AWO Sozialzentrum besaß neben eines guten Hygienekonzeptes mit regelmäßigen Schnelltests und Stichprobenkontrollen auch einfach das, was es vor allem braucht im Kampf mit Corona: das nötige Glück. Bis Heiligabend kam und bewies, wie machtlos man trotz aller Bemühungen sein kann.

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Im Kampf gegen die Pandemie: Frankens Straßen wie ausgestorben

Noch immer waren zu viele Menschen draußen in Gruppen unterwegs oder setzten sich bei schönem Wetter in öffentliche Parks. Deshalb ist im Rahmen einer zweiwöchigen Ausgangsbeschränkung das Verlassen der eigenen Wohnung ab dem heutigen Samstag um Null Uhr nicht mehr ohne triftigen Grund erlaubt. Dazu zählen der Weg zur Arbeit, notwendige Einkäufe, Arztbesuche, aber auch Bewegung an der frischen Luft.


Sechs Personen sind in Verbindung mit oder an Corona im Sozialzentrum verstorben, acht sind von ihrer Erkrankung genesen. "Wir rechnen damit, dass die Isolation bei zehn Personen in den nächsten Tagen aufgehoben werden kann", so Sonja Borzel, Vorstandsmitglied vom AWO Bezirksverband Ober- und Mittelfranken.

Sechs verstorben, acht genesen

Seit 24. Dezember hatten sich bis gestern insgesamt 17 Personen im Sozialzentrum mit Sars-CoV-2 infiziert. Es waren Einzelfälle. Einen großflächigen Ausbruch wie in anderen Pflegeheimen gab es bislang nicht. Und die Chancen stehen gut, dass es dabei bleibt: Seit 23. Januar ist ein erheblicher Teil der Mitarbeiter und Bewohner zweifach gegen das Coronavirus geimpft. Die übrigen Personen wurden gestern und werden in den kommenden Tagen geimpft.

Allerdings, schreibt Sonja Borzel auch: "Die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion versetzen unsere Einrichtung in einen Ausnahmezustand, in welchem ein normaler Ablauf im Alltag und im Zusammenleben nicht möglich ist. Insbesondere können derzeit keine gemeinsamen Aktivitäten oder Gruppenangebote stattfinden."

Personal und Personaleinsatz erhöht

Damit die Betreuung und das für alle Patienten und Bewohner so wichtige Zwischenmenschliche nicht gänzlich auf der Strecke bleibt, hat die AWO das Personal um vier Personen und auch den Personaleinsatz erhöht. So sei eine Einzelbetreuung gewährleistet, was vor allem Demenzerkrankte als "sehr hilfreich und wertvoll", so die AWO, empfinden.

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Corona-Krise: Das Foto-Tagebuch aus Erlangen

Die einzige derzeit mögliche Maßnahme, Corona-Virus-Infektionen zu vermeiden, geht nur über die Vermeidung persönlicher Kontakte. Die Folge: Das Alltagsleben in Erlangen wurde "runtergefahren". Seit den ersten Lockerungen nach den Osterferien hat die Staatsregierung das öffentliche Leben sukzessive wieder hochgefahren. Fotograf Harald Sippel zeigt die Situation in einem Bilder-Tagebuch: 120 Tage hat er damit dokumentiert.


"Wir sind sehr froh, dass die meisten Bewohnerinnen und Bewohner mit der aktuell sehr schwierigen und belastenden Situation gefasst umgehen", so Sonja Borzel. "Es ist beeindruckend, diese Tapferkeit zu erleben. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten in diesen Zeiten Außerordentliches. (. . .) Auch allen externen Beteiligten möchten wir herzlich danken. Gemeinsam tun wir alles, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern."

CHRISTOPH BENESCH

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