Montag, 18.11.2019

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Söders Nein bremst Erlanger Nanomedizin aus

Staatsregierung lehnt Bitte nach Fördergeldern ab - 09.11.2019 06:00 Uhr

Im September präsentierten Seon-Leiter Prof. Christoph Alexiou (re.) und sein Kollege Stefan Lyer in Erlangen den laut Uniklinik ersten Magnet-Roboter weltweit. © Hans-Joachim Winckler


Den zehnten Geburtstag der Sektion für Experimentelle Onkologie und Nanomedizin (kurz Seon) hat Leiter Professor Christoph Alexiou mitsamt seinem Team vor wenigen Wochen noch groß gefeiert. Mit einem an der Erlanger Uniklinik entwickelten Magnet-Roboter präsentierten die Experten im Bereich der Nano- und Krebsmedizin sogar eine richtige Weltneuheit.

Doch zum Jubeln ist dem Mediziner des Universitätsklinikums inzwischen nicht mehr wirklich zumute: Ein Jahrzehnt nach Gründung der Sektion ist die von ihm erhoffte Aufwertung der Einrichtung zum Nanomedizin- und Nanotoxologiezentrum Bayern (NZB) in weite Ferne gerückt.

Hilfe für Tumorpatienten

In einem Brief, den Alexiou Mitte Juli persönlich an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) geschickt hat, bittet er eindringlich um finanzielle Unterstützung für die Erlanger Nanomedizin. Ziel dieser Forschungsarbeiten ist es, Patienten in Zukunft besser zu diagnostizieren und schonender sowie effektiver behandeln zu können.

Gerade die jüngste Errungenschaft auf diesem Gebiet, eben jener Magnet-Roboter, könnte geschwächten und schwerkranken Tumorpatienten durch eine lokal gezieltere (Chemo-)Therapie etliche Nebenwirkungen ersparen. Die Technologie für das Verfahren wäre theoretisch vorhanden, doch praktisch fehlt das Geld. Insbesondere hierfür braucht Seon-Leiter Alexiou, der zugleich Oberarzt der HNO-Klinik und Else Kröner-Fresenius-Stiftungsprofessor ist, weitere Mittel. Um ein Nanomedizin- und Nanotoxologiezentrum mit langfristiger Ausrichtung zu errichten sind Mittel in Höhe von 35 Millionen Euro notwendig, heißt es in dem Schreiben, das dieser Redaktion vorliegt.

Für die "zum Greifen nahe liegende" Herstellung, Testung und erste klinische Anwendung der magnetischen Nanopartikel als Kontrastmittel sind 4,25 Millionen Euro nötig. "Mit diesem Beitrag", so schreibt Alexiou auch als Mitglied des Arbeitskreises Hochschule der CSU an seinen Parteifreund Söder, "könnten wir in zwei Jahren die Anwendung in der Klinik realisieren".

Mehr als zwei Monate sind bis zum negativen Bescheid aus München ins Land gezogen. Bis auf schöne Worte, viel Lob für Alexious Engagement in der Krebsforschung und den Hinweis auf bereits projektbezogene Fördermittel in Höhe von 860 000 Euro gibt es aus München aber nichts: keine Zusagen, kein Geld.

Die Enttäuschung darüber ist Alexiou, einem eher besonnenen Zeitgenossen, ungewöhnlich deutlich anzumerken: "Das Schreiben konterkariert alle Ankündigungen von Ministerpräsident Söder, in Bayern exzellente Forschung zu fördern", sagt er dieser Redaktion. Tatsächlich hatte der bayerische Regierungschef erst vor Kurzem vollmundig angekündigt, zwei Milliarden Euro in alle Hochschulen des Freistaats zu investieren und damit etwa die Forschung im Bereich von Künstlicher Intelligenz (KI) und Nanomedizin voranzutreiben.

Auch die von der Staatskanzlei genannten Mittel über 860 000 Euro, die Seon seit 2013 erhalten hat, muss genauer betrachtet werden. Diese Summe setzt sich nämlich aus zwei Einzelanträgen der Erlanger Seon-Mitarbeiter zusammen, die sich auf die vom Landtag beschlossene Begleitforschung Nanotoxikologie bezieht und somit reguläre Ausschreibungen waren, auf die sich alle Bayerischen Forschungseinrichtungen bewerben konnten.

Die Absage aus Söders Staatskanzlei ist für Alexiou daher gleich in mehrerer Hinsicht tragisch: Der Ausbau der Erlanger Nanomedizin könnte eine sinnvolle Ergänzung zu Münchener Programmen im selben Bereich sein, Krebspatienten zugute kommen und darüber hinaus mit zusätzlichen Mitteln und weiteren Forschungsergebnissen wiederum neue Geldgeber anziehen. Das alles ist durch Söders Nein nun aber (noch) nicht möglich. Vorerst wird die Seon-Finanzierung wohl weitgehend über Drittmittel laufen.

Leserin will spenden

Eine Spenderin zumindest ist schon gefunden: Als Reaktion auf den Bericht "Hilfe wäre möglich, aber das Geld fehlt" im EN-Hauptteil vom 18. September will eine Leserin Alexious Krebs-Projekte mit bis zu 80 000 Euro unterstützen. Ihr verstorbener Mann hat sich gewünscht, mit einem Teil des Erbes Krebsforschung oder -patienten zu helfen, berichtet sie den EN. Mit Alexious Nanomedizin macht sie dann beides.

Der Seon-Leiter freut sich riesig über diese Großzügigkeit: "Das ist wirklich großartig", sagt er begeistert. Der Kontakt ist auch schon hergestellt: Alexiou und sein Team laden die Spenderin in die Einrichtung in der Glückstraße ein, damit sie sich vor Ort einen Eindruck von den Forschungsarbeiten machen kann.

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