Staatsschutz ermittelt an Erlanger Grundschule

2.2.2021, 16:30 Uhr
Es geht ganz unbedarft um Zahlen, um Grammatik, um Fremdsprachen – doch plötzlich stört ein Unbekannter den Digitalunterricht.

Es geht ganz unbedarft um Zahlen, um Grammatik, um Fremdsprachen – doch plötzlich stört ein Unbekannter den Digitalunterricht.

Es geschah mitten im Unterricht einer vierten Klasse. Die neun- und zehnjährigen Schülerinnen und Schüler einer Grundschule im Stadtnorden von Erlangen verfolgten gerade über Laptop und Tablets den Distanzunterricht, als sich ein Unbekannter, zunächst als anonymer Mitschüler getarnt, in die Videotelefonie einwählte. Es dauerte nicht lang, da störte er den Unterricht, zeigte an der Stelle, wo die Frontkamera des technischen Geräts eigentlich das Gesicht des Nutzers darstellt, ein Bild des Diktators und Massenmörders Adolf Hitler mit Hakenkreuzen.

Verfassungsfeindliche Symbole

Es ist bislang der einzige zur Anzeige gebrachte Fall des sogenannten "Zoom-Bombing" in Erlangen. Aber einer, der weite Kreise zog und letztlich sogar den Staatsschutz auf den Plan rief – es wurden verfassungsfeindliche Symbole gezeigt. Die in diesem Fall überrumpelte wie geschockte Schule, die überhaupt keine Schuld traf, besaß durch technische Unterstützung von Fachleuten immerhin eine sehr gute Beweissicherung. Das vereinfacht die Verfolgung des Falles nun für die Polizei.

Befasst mit diesem und zahlreichen ähnlichen Fällen ist seit Wochen die Staatsanwaltschaft Bamberg. Deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Thomas Goger, sagt: "Dieses ,Zoom-Bombing‘ ist ein Phänomen, das über den Distanzunterricht entstanden ist. Und es besitzt bereits weitläufige Facetten."

Musik, Zwischenrufe und Hitlerbild

Die reichen vom harmlosen, aber nervigen Stören des Unterrichts durch Unbekannte, die nach Einwahl ins digitale Klassenzimmer laute Musik abspielen oder Zwischenrufe tätigen, bis hin zu "schweren Fällen von Kriminalität", so Goger. Hierzu zählt auch der Erlanger Fall mit dem Hitlerbild.

Aber es gab in ganz Bayern bei einer mittlerweile höheren zweistelligen Zahl an zur Anzeige gebrachten Vergehen auch schon Täter, die kinderpornografische Bilder und Videos zeigten, Nacktbilder aus dem Internet darstellten oder Gewaltvideos ablaufen ließen – dort, wo sich eine Klasse ganz unbedarft mit ihrem Lehrer getroffen hatte, um über Zahlen, Grammatik oder eine Fremdsprache zu sprechen.

Lehrerreaktionen gefilmt und auf Youtube gestellt

"Die Motivlage ist unterschiedlich", sagt Oberstaatsanwalt Goger, "es geht vom harmlosen Schülerstreich, der zum Ziel hat, den Unterricht zu sabotieren, bis zu schweren Straftaten." Auch wurden schon Lehrerinnen und Lehrer bei ihren Reaktionen gefilmt und das Video ins Internet gestellt.

Die Polizei rät, unbedingt den Zugang in die digitalen Klassenräume beziehungsweise zur Videokonferenz zu verschlüsseln, die Passwörter nur innerhalb der Klasse zu vergeben. Hilfe bietet in Erlangen auch kostenfrei Informatik-Professor Maier mit seinen Studierenden an. "Natürlich ist eine Schulklasse, die sich ungeschützt im Internet trifft, ein leichtes Opfer", sagt Thomas Goger. Allerdings sei es auch schon vorgekommen, dass Passwörter gehacked worden sind.

Schüler geben Passwörter bewusst weiter

Auch haben Schülerinnen und Schüler die Klassen-Passwörter teils bewusst an Dritte weitergegeben, damit diese den Unterricht stören können. Doch das lässt sich verhindern - der Erlanger Informatik-Professor Andreas Maier bietet mit seinen Studierenden sogar kostenlose Hilfe an.

"Sogar in Sozialen Medien haben wir Aufrufe gefunden. Es gab TikTok-Kampagnen, in denen dafür geworben wurde, den Unterricht gezielt zu stören", sagt Oberstaatsanwalt Goger. Auch sei die Nachahmungsrate hoch.

Justiz nimmt Fälle sehr ernst

Was die Täter seelisch damit anrichten können – nicht nur bei betroffenen Lehrern, sondern auch bei Minderjährigen, die schlagartig mit Pornografie in Kontakt kommen – ist immens. Daher nehme die Justiz diese Fälle auch sehr ernst, sagt Thomas Goger. Die Täter erwartet mindestens eine Anzeige wegen Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes. Das Gesetz sieht hierfür Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren vor.

Ermittlungserfolge lassen hoffen

Die Ermittlungserfolge lassen hoffen: Erst in der vergangenen Woche ist der Polizei im Allgäu ein 21-Jähriger ins Netz gegangen, der dazu aufgerufen hatte, ihm Zugangsdaten für Unterrichtssitzungen zukommen zu lassen. Er hatte diese dann massiv gestört und die betroffenen Lehrer gefilmt. Sein neuestes Youtube-Video aber zeigt ihn reumütig: Er entschuldigt sich zerknirscht bei Lehrern und Schülern und ruft dazu auf, bloß die Finger vom "Zoom-Bombing" zu lassen.

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