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Donnerstag, 05.12.2019

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Stadtrat in Erlangen war für Brüssel gute Lehre

Die Erlangerin Pierrette Herzberger-Fofana sitzt seit Anfang Juli für Bündnis 90/Die Grünen im Europaparlament. Zur Person - 16.11.2019 17:00 Uhr

Widmet sich im Europaparlament vor allem der Beziehung zwischen der EU und Afrika: Pierrette Herzberger-Fofana. © privat


Die pensionierte Erlanger Gymnasiallehrerin Pierrette Herzberger-Fofana (70) wurde im Mai 2019 für die Grünen ins Europaparlament gewählt. Dort ist sie unter anderen stellvertretende Vorsitzende des Entwicklungsausschusses und stellvertretende Vorsitzende der Delegation für die Beziehungen zum Panafrikanischen Parlament. Von 2005 bis Ende Juni 2019 war die in Mali geborene und im Senegal aufgewachsene Politikerin mit deutscher Staatsangehörigkeit für die Grüne Liste im Erlanger Stadtrat. Herzberger-Fofana hat drei Kinder und sechs Enkelkinder.

Frau Herzberger-Fofana, Sie haben bald ein halbes Jahr als Europaabgeordnete hinter sich. Wie schwer war es, sich an den zwei Standorten zurechtzufinden?

Am Anfang war es ein bisschen schwierig, aber wir bekamen zu Beginn Assistenten und auch einen Guide zur Seite gestellt, der uns Neuen zeigte, wo sich was befindet. Das einzige Problem ist das Pendeln: Ich fahre jedes Wochenende heim.

 

Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte?

Ich kümmere mich um afrikanische Länder und gleichzeitig auch um Frauen und ihre Rechte. Das ist alles für mich ein Block. Im Grunde genommen führe ich im EU-Parlament fort, was ich hier gemacht habe. Nur dass es gehört wird (lacht). Ja, es hat einen anderen Wert. Ich habe das Gefühl, vielleicht täusche ich mich, dass das, was ich sage, nicht irgendwo versandet. Zum Beispiel ging es kürzlich im Entwicklungsausschuss um die Frage, wie Milch aus Europa Produzenten in Afrika kaputt macht. Es ist schon ein anderes Gefühl, zu wissen, man kann wirklich etwas bewegen und bewirken. Das freut mich.

 

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie in Erlangen nichts bewegen konnten?

Nein, so kann man es nicht sagen. Initiativen, die ich angestoßen und entwickelt habe, gehen ja weiter, etwa die "Black-History-Reihe" oder Schule ohne Rassismus. Entwicklungspolitik war in Erlangen, bis auf den Schwerpunkt Migration, kein Thema.

Sie wissen selber, wie die Geschichte ist. Sagen wir: Mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik in Brüssel bin ich sehr zufrieden.

Gibt es etwas, das Ihnen aus der Stadtratstätigkeit bei Ihrer neuen Arbeit hilft?

Ja, sogar sehr viel. Zunächst einmal bei den Anträgen: Für einige meiner Kollegen ist das etwas ganz Neues. Aber ich weiß, wie man solche Anträge schreibt. Auch die politische Arbeit, die ich hier gemacht habe, war meiner Meinung nach eine gute Schule für mich. Wenn ich etwas mache, ist es nicht ganz neu. Ich brauche keine extra Schulungen zum Thema Ausschuss, das habe ich schon in Erlangen alles mitbekommen.

 

Wollen Sie in Erlangen jetzt auch vermitteln, was Europa macht?

Das ist mein zweiter Schritt. Jetzt muss ich mich erst selbst einmal zurechtfinden. Wenn ich dann in Erlangen oder Umgebung hoffentlich noch vor Weihnachten mein Lokalbüro eröffnet habe, werde ich vor Ort zeigen, was ich im Europaparlament mache.

Ich möchte auch mit Menschen sprechen, die sich mit Anliegen an mich wenden. Zu uns kommen ja Besuchergruppen, und da freue ich mich immer, wenn jemand aus Bayern kommt. Da sage ich immer: Wow, das ist ein Stück Heimat in Brüssel (lacht).

 

Wie viel Sacharbeit ist in Straßburg und Brüssel möglich? Es heißt ja immer, das EU-Parlament ist ein zahnloser Tiger.

Sicherlich haben wir nicht die riesige Macht, wie mancher meint. Aber ich denke, wir können sehr viel machen. Wir sagen unsere Meinung und werden gehört. Sie haben doch gesehen: Wir haben im Parlament drei Kommissare abgelehnt, da muss die Kommission auch auf uns hören. Wir können etwas bewirken. Dafür sind wir auch angetreten.

 

Ist es schwierig, sich im Europaparlament als Neuling gegen alte Hasen oder Stars wie Ihre Parteifreunde Sven Giegold oder Reinhard Bütikofer durchzusetzen?

Das geht schon, wir haben sehr oft Sitzungen, wo sich nur die deutsche Grünen-Delegation trifft. Sven hört zu, er teilt uns auch alles mit und im Allgemeinen darf jeder was sagen. Wir haben unsere Ausschüsse und Schwerpunkte, da überschneidet sich nicht viel. Sven macht Budget, Finanzen, Korruption, Wirtschaft, und Reinhard China. Ich habe damit nichts zu tun, daher gibt es auch kein Problem.

 

Möchten Sie mit Ihrer Arbeit auch der Europa-Verdrossenheit entgegenwirken?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Stimmung jetzt so ist. Gucken Sie mal die jungen Menschen an, die sich an der Europawahl beteiligt haben. Man kann da nicht von Verdrossenheit sprechen. In Erlangen haben wir mehr als 28 Prozent, das ist weit mehr als 2014. Zu unseren Gunsten wirkte sich wohl die Klimafrage aus, aber ich sehe, dass sich junge Menschen überall engagieren.

Sie sprechen das Spitzen-Ergebnis der Erlanger Grünen schon an. Ihre Partei war ja eher skeptisch, was Ihre Nominierung anging. Haben Sie es Ihren Parteikollegen gezeigt, dass Sie es geschafft haben?

Ich denke, ich muss es nicht zeigen. Entweder man sieht es oder man sieht das nicht. Ganz einfach. Was soll ich da mehr machen? Ich kann ja nicht sagen: Guck mal, was ich hier getan habe. Ich habe meinen Wahlkampf durchgeführt, Sie wissen, wie das gelaufen ist, da braucht man nicht auf die Vergangenheit schauen, und ich habe es geschafft. Ich denke, dass ich gute Arbeit mache.

 

Aber die parteiinterne Unterstützung für Ihre Kandidatur war nicht besonders groß.

Ja, weil niemand mit meiner Wahl gerechnet hat. In dem Moment, als die Leute gedacht haben, ich käme da nicht rein, war die Unterstützung gleich null. Ich denke, das ist Vergangenheit für mich, und ich gucke nach vorne. Ich habe gesagt, ich will es gut machen. Ich möchte am Ende der Legislatur zeigen und sagen können: Das und das habe ich gemacht.

 

INTERVIEW: SHARON CHAFFIN

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