Tektonik und Flächen

8.9.2012, 00:00 Uhr
Landschaft als Ereignis: Anna-Maria Kursawe in der Ausstellung.

Landschaft als Ereignis: Anna-Maria Kursawe in der Ausstellung. © Hofmann

Landschaft als Motiv hat eine lange Tradition. Anna-Maria Kursawes Bilder geben sich leise, aber bestimmt als Kontrast zu dieser Tradition. Ihre Malerei zielt weder auf topographische Vollständigkeit noch auf Stimmungsbilder. Sie macht sich kein Bild, sondern hält sich an die vorgefundene Wirklichkeit: Bilder einer Landschaft im Wandel.

Damit ist kein, wie auch immer definierter Realismus gemeint. Auf die alte Konkurrenz mit der Fotografie, die noch die fotorealistische Malerei bestimmt, lässt sie sich gar nicht erst ein. Obwohl ihre Bilder auf konkrete Motive zurückgehen, spielen diese nur eine untergeordnete Rolle. Die Bilder entwickeln Räume, die in den Titeln als „Transitraum“, „Raumdehnung“ oder „Horizontraum“ auftauchen oder auf allgemeine Formen der Landschaft verweisen.

Menschliche Eingriffe

Das Bild der gegenwärtigen Kulturlandschaft ist durch menschliche Eingriffe in die Natur geprägt, die gemeinhin als konstruktiv oder destruktiv empfunden werden. Die Malerei hat auf solche Urteile einen entscheidenden Einfluss, je nachdem ob die Wiedergabe eines Motivs als „malerisch“ oder als Zerstörung des natürlichen Vorbildes interpretiert wird.

Anna-Maria Kursawe vermeidet das „Malerische“ ebenso wie jegliche „Kulturkritik“. Die Architektur einer Ferienanlage im „Haus am Meer“ steht nicht im Widerspruch zum tektonischen Aufbau der Landschaft. Eine „Haldenlandschaft“ und eine „Aufschüttung“ im Braunkohlerevier verbreiten keine düsteren Stimmungen. Das Motiv stiftet auf fast abstrakte Weise die formale Bildgestalt.

Stimmungen, die Landschaften unter wechselnden meteorologischen Bedingungen hervorrufen können, spielen keine Rolle. Auf Kursawes Bildern gibt es kein Wetter, sie erscheinen stets in einer neutralen Beleuchtung. Was interessiert, ist die Tektonik der Landschaft, der Zusammenhang von Flächen, Linien und Blöcken. Die Erinnerung an das realistische Motiv ist zwar bewahrt, zugleich aber entwirft die Choreografie von Linien, Flächen und Farben eine Landschaft, in der es nicht um Urteile, sondern um Farbwerte geht.

Gegenüber den Arbeiten, die in bisherigen Ausstellungen zu sehen waren, hat sich die Tendenz zur Abstrahierung vom Gegenstand verstärkt. Der Mensch, der als Betrachter ins Bild einbezogen war, ist verschwunden und mit ihm der Hinweis auf den subjektiven Blick. Landschaft erscheint als Ereignis, das im Wechsel von Licht und Schatten objektiv wahrzunehmende farbige Bildräume hervorbringt.

Anna-Maria Kursawe: Malerei. Galerie des Kunstvereins, Hauptstraße 72. Bis 29. September, Di., Mi., Fr. 15 bis 18 Uhr, Do. 15 bis 19 Uhr, Sa. 11 bis 14 Uhr.

 

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