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Theater Erlangen: Misslungener Start aus der Corona-Krise

Die "Bartholomäusnacht" im Markgrafentheaer als monarchische Geisterstunde - 17.09.2020 08:13 Uhr

Immerhin das Lichtspiel ist reizvoll: Szene aus der Erlanger „Bartholomäusnacht“.

13.09.2020 © Jochen Quast


Nun spielen sie also auch in der Region wieder. Den Anfang machte das Erlanger Theater. Und man ging hinein und erwartete das niedlich-üppige Ambiente – und dann war man schon schwer irritiert: weit in den Zuschauerraum und über die ersten Sitzreihen hinweg ragte ein riesiges, schwarz spiegelndes Podest, man hatte dem leeren Saal selber seine Dimension genommen und aus der Not eine Tugend gemacht.

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Nachdem nach geltenden Abstandsregelungen ohnehin nur wenig Stühle besetzt werden dürfen, ließ man die hier gleich ganz verschwinden. In den restlichen Reihen wurden zwischen die freien Plätze große Glühbirnen gestellt, was dem Ganzen den Charakter eines Vorstadtkabaretts gab. Was sonst noch an Publikum hineindurfte – herzlich wenig! –, verteilte sich coronagebührend auf den Rängen.

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Und auch im Verlauf der Vorstellung versuchte man in Erlangen vom schütter gefüllten Auditorium abzulenken. Mittels Lichtinstallationen, die auf und mit der barocken Innenarchitektur spielten, die Logen und Ränge in schwimmende, fließende, gleißende, an- und abschwellende Farb- und Schattenflächen tauchten, erfuhr der Raum immer wieder neue Verwandlungen, erstrahlte einmal und versank dann wieder in tiefe Dunkelheit, schien zu schweben, um gleich zu erstarren. Reizvoll!

Als dann vom obersten Rang auch noch die Stimmen eines Chores erschallten, hatte das Theater endlich wieder seinen lange zwangsweise zurückgehaltenen Auftrag erfüllt: Es präsentierte eine Welt fernab der Wirklichkeit, in der ganz andere Gesetze herrschen und Geschichten ganz anders erzählt werden als man sie kennt. Das hätte gut gehen können, ging aber gehörig schief.

Als Requiem interpretiert

Denn bis auf das perfekt ausgetüftelte Ambiente leuchtete an diesem Abend so gut wie gar nichts ein. Thomas Krupa als Autor und gleich auch als eigener Regisseur und Bühnenbildner hatte sich die "Bartholomäusnacht" vorgenommen, um sie als "Requiem" zu interpretieren. Nun gehören die grausamen Geschehnisse im Paris des Jahres 1572, als Tausende von Hugenotten bestialisch ermordet wurden, nicht unbedingt zum Historienstoff unseres Landes, will sagen: die Franzosen werden wissen um die dynastischen Verquickungen und klerikalen Verwicklungen, die zu diesem Abschlachten führten, werden mit den Personen aus dem Umkreis der Königsfamilie vertraut sein – ohne konkretere Einführung bleiben uns aber diese Tage eher fremd.

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Krupa setzt das Wissen um Nacht und Macht einfach voraus, führt Könige, Prinzessinnen, Thronfolger und -verweigerer wie alte Bekannte vor, versucht erst gar nicht, nur einen Funken Klarheit in die Verhältnisse zwischen katholischen und protestantischen Anhängern zu bringen und lässt die Beteiligten seines wirren Ritts durch das dunkle französische Kapitel aus dem Stand und ohne große Zusammenhänge endlos reden und palavern, rechtfertigen und anklagen, siegen und scheitern.

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Keine einzige Figur, die einen schärfer gezeichneten Charakter hätte, alle sprechen wie zufällig aufgestellte Pappkameraden ihre Sätze, hinter deren Sinn und Zusammenhang sie scheinbar selber nicht recht gekommen sind. Wie bei Shakespeare werden wir zwar Zeugen der Grabenkämpfe der oberen Wenigen, aber es fehlt in diesem Text an jeglichem Einfühlungsvermögen, an psychologischer Tiefenbohrung, letztlich an Handlung überhaupt. Von Chronologie hält Krupa gar nichts, ihm schwebte eine Collage vor. Heraus kam Chaos.

Aufgepeppt wird die monarchische Geisterstunde, in der die wahren Leidenden, die unschuldig erschlagenen Hugenotten, seltsam nur am Rande vorkommen, durch allerhand aktuelle Spirenzchen: eine nicht enden und einleuchten wollende Modenschau, eine pompöse Preisverleihung, ein netter Show-Gesang (das Talent der hier mitspielenden Elke Wollmann musste irgendwie untergebracht werden), schließlich die Dia-Projektion der in unseren Tagen brennenden Kathedrale Notre Dame, unterlegt von der zynisch-kühnen Behauptung, das wäre der Scheiterhaufen Europas gewesen!

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Möglich, Krupa wollte da einen Bogen schlagen vom 16. in unser Jahrhundert, möglich, er wollte uns sagen, dass wir Schuld tragen, wo immer wir unserem eigenen Heil alles andere unterordnen, möglich er wollte etwas ganz anderes: Es war an diesem langen, drögen Abend nicht zu erfahren.

Wäre da nicht das Lichterspiel im schönen Ambiente gewesen, man hätte mit dem Beginn der Theatersaison gerne (schmerzlich) noch eine Weile gewartet.

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BERND NOACK

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