Topmanager, Nachbar und Sportsfreund: Heinrich von Pierer wird 80

26.1.2021, 05:55 Uhr
„Demut lernt man im Geschäft“: Heinrich von Pierer (hier 2002 in seinem Büro) lenkte höchst erfolgreich einen Weltkonzern, sein Stammplatz auf der Erlanger Bergkirchweih blieb trotzdem immer derselbe.

„Demut lernt man im Geschäft“: Heinrich von Pierer (hier 2002 in seinem Büro) lenkte höchst erfolgreich einen Weltkonzern, sein Stammplatz auf der Erlanger Bergkirchweih blieb trotzdem immer derselbe. © Foto: imago images/H. R. Schulz

20 Pfennige pro Zeile betrug das Honorar, 400 D-Mark im Monat wurden es manchmal – "eine Menge Geld für einen jungen Mann". Die Namen der damaligen Redakteure kennt er noch alle, "es waren tolle Leute, von denen ich viel gelernt habe". Der junge Mann fiel als kreativer Schreiber auf, manchmal, sagt er lächelnd, habe er es wohl übertrieben damit und darüber "verstanden, dass man präzise sein muss".

Kreativ und präzise, das sollte Heinrich von Pierer bleiben – nicht als Sportjournalist, und bald sollte es um ganz andere Summen gehen. Aber man erreicht ihn seit Jahrzehnten unter derselben Telefonnummer, und wer sich mit von Pierer über Sport unterhält, über Erlangen, über die Bergkirchweih, der käme kaum auf die Idee, mit einem der bedeutendsten Wirtschaftsführer dieses Landes zu sprechen.

Mit vielen Menschen per Du

In Erlangen kam Heinrich von Pierer 1941 zur Welt, seine Eltern waren gerade aus Wien hierher gezogen, er besuchte das Gymnasium Friedericianum, spielte Handball und, sehr erfolgreich, Tennis, er avancierte zum bayerischen Jugendmeister. "Freundschaften fürs Leben", sagt er, sind darüber gewachsen, sein Stammplatz auf der Bergkirchweih – neben dem Ausschank am Erich-Keller – ist seit Jahrzehnten derselbe, "und nach einer Maß am Abend", sagt er, "ist man per Du – auch am nächsten Tag".

Per Du ist von Pierer, "der Heini", wie ihn alte Freunde nennen, mit vielen Menschen in Erlangen. Weil ihn die Enkelkinder einmal darum gebeten haben, markierte er auf einer Weltkarte die Länder, in denen er beruflich unterwegs war – 70 Fähnchen wurden es. Aber seine Heimat blieb immer Erlangen, hier blieb er immer der Nachbar. 18 Jahre gehörte er für die CSU dem Stadtrat an, im Juni startet er mit den Senioren des TB 88 in seine 71. Saison als Tennis-Verbandsspieler hintereinander, vermutlich ist das ein deutscher Rekord.

Heinrich von Pierer lacht. Seine Frau schaut nicht mehr zu, "weil sie sagt, dass das mit Tennis nicht mehr viel zu tun hat", das findet er "nicht ganz gerecht". Beim Tennis lernten sie sich kennen, von Pierer war noch Sportreporter und Student der Rechtswissenschaften, nach der Promotion und einem Volkswirtschaftsstudium trat er in die Dienste der Siemens AG ein, mit dem Gedanken, "in der Rechtsabteilung ein bisschen voranzukommen", nur, sagt er: "Es hat sich dann alles anders ergeben."


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Es sollte ein steiler Aufstieg werden, am 1. Oktober 1992, er war 51 Jahre alt, berief ihn der Weltkonzern zum Vorstandsvorsitzenden – "mutig", sagt er noch heute, sei es gewesen, ihn, den Juristen, "als Kaufmann einzusetzen". Siemens galt damals als dahindämmernder Riese, etwas aus der Zeit gefallen. "Hochintelligente, glänzende Leute", formuliert es von Pierer, habe der Konzern versammelt gehabt, "aber das Geldverdienen stand nicht so im Vordergrund."

Berater im Kanzleramt

Die Zeit des globalen Wettbewerbs hatte gerade begonnen, wie sehr sich die Welt verändern würde, ließ sich noch kaum erahnen. "Wir mussten Geld verdienen und Arbeitsplätze sichern", sagt von Pierer; er blieb in diesem oft schmerzhaften Prozess immer ein überzeugter Anhänger einer sozialen Marktwirtschaft. "In den ersten Jahren", erzählt er, "habe ich kaum auf den Aktienkurs geschaut, das wäre heute unter dem Druck der Kapitalmärkte völlig undenkbar."

Der "gute Mensch aus Erlangen", wie ihn das Handelsblatt nannte, machte sich beim Umbau auch einige Gegner, aber führte den Konzern in zwölf Jahren als Vorstandsvorsitzender in die Neuzeit, "Mister Siemens" hieß er bald. Vom Habitus des Mächtigen blieb er frei, "Demut lernt man im Geschäft", sagt er im Blick auf seine Lehrjahre "als Kofferträger des Vorstands". In Erfurt ernannten sie ihn zum Ehrenmitglied des Betriebsrats, er beriet Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel, die ihn zum Wirtschaftsminister machen wollte. "Aber davon", sagt er, "wäre meine Frau kurz vor dem Ruhestand nicht so begeistert gewesen."

Als Vorsitzender des Aufsichtsrats trat er im April 2007 zurück, unter Druck geraten durch die Schmiergeld-Affäre im Konzern. Gegen ihn persönlich blieb kein Verdacht zurück, aber es war von Pierers schwerste Zeit, er fühlte sich "gejagt", wie er sagt, "das hat weh getan". Ob etwas geblieben ist? Nein, sagt er ohne zu zögern, er sei mit allem im Reinen.

Heute wird Heinrich von Pierer, seit 15 Jahren Honorar-Professor an der Friedrich-Alexander-Universität, 80 Jahre alt. Er hat sich selbst ein kleines Geschenk gemacht und ein Buch geschrieben, einen launigen Beraterband für Wirtschafts- und Lebensfragen – ohne fremde Hilfe. Das Schreiben hat er ja gelernt als junger Mann.

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