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Trotz Corona: "Kreatives Potenzial" am Theater Erlangen

Intendantin Katja Ott über die schwierige Situation in Zeiten der Corona-Krise - 06.04.2020 18:00 Uhr

Mit einer Plakat-Kampagne weist das Theater Erlangen derzeit in der gesamten Stadt auf die Zwangspause des Hauses hin. © Stefan Mößler-Rademacher


Der Spiel- und Probenbetrieb in den Räumen des Theaters Erlangen ist wie überall in Deutschland – eingestellt, die Mitarbeiter sind zum Homeoffice angehalten, was die Weiterarbeit in manchen Bereichen des Theaters unmöglich macht. Wir haben uns mit Intendantin Katja Ott über die schwierige Situation für ihr Haus unterhalten.



Frau Ott, von heute auf morgen die Theaterbühnen (Markgrafentheater und Garage) schließen zu müssen, war sicherlich kein leichter Schritt. Wie groß ist der Schock ob dieser Maßnahme?

Nachdem die staatlichen Bühnen in Bayern bereits am 11. März aufgrund einer Verordnung den Spielbetrieb eingestellt hatten, war es absehbar, dass kurz darauf auch die städtischen Theater nachziehen würden – ein Schock war es somit nicht. Ich bin eher "geschockt", wenn ich die wachsenden Zahlen der Corona-Infizierten in Deutschland und weltweit beobachte. Die zwingende Notwendigkeit der getroffenen Maßnahmen steht daher außer Zweifel, aber dennoch bedauern wir sehr, dass die geplanten Vorstellungen so nicht stattfinden können.

Katja Ott studierte Germanistik, Theater- Film- und Fernsehwissenschaften in Frankfurt am Main. Sie inszenierte unter anderem an den Kammerspielen München, den Vereinigten Bühnen Krefeld Mönchengladbach und am Staatstheater Braunschweig. Seit der Spielzeit 2009/10 ist sie Intendantin des Theaters Erlangen.


Die künstlerische Arbeit kommt wahrscheinlich derzeit komplett zum Erliegen. Oder wird hinter den Kulissen doch "gewerkelt"?

Ein Theater, das nicht in der Spielzeitpause ist, kann künstlerisch gar nicht komplett zum Erliegen kommen. Das Ensemble ist zwar bei voller Fahrt im Spiel- und Probenbetrieb ausgebremst worden, aber um weiterhin mit unserem Publikum in Kontakt zu bleiben, hat es aus der Not eine Tugend gemacht und nimmt jetzt von zu Hause aus kleine selbstgedrehte Filme aus ihrem "Alltag abseits der Bühne" auf – mit großem Unterhaltungswert. Das kreative Potenzial sucht sich immer einen Weg. Ziel aller des Theaters ist es jetzt, gut vorbereitet wieder starten zu können. Alle Abteilungen und Gewerke arbeiten auf Abstand zusammen, und bereiten die nächsten Produktionen so gut vor, so dass wir verlorene Zeit wieder etwas gutmachen können. Teilweise nutzen wir die Kapazitäten aber auch anders: Unsere Schneiderei fertigt derzeit Schutzmasken für eine soziale Einrichtung an.

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Hinter den Kulissen des Theaters

Ein Blick hinter die Kulissen des Theaters - vom Markgrafentheater zur Schneiderei.


Wie sieht die Vorgehensweise hinsichtlich bereits gekaufter Karten aus? Können diese umgetauscht werden, behalten sie ihre Gültigkeit für einen späteren Termin?

Wir hatten zunächst gehofft, alle Vorstellungen noch in dieser Spielzeit nachholen zu können, doch angesichts der Situation sinkt unsere Zuversicht. Daher werden wir nun für bereits gekaufte Karten verschiedene Gutschein- und Erstattungsmöglichkeiten anbieten, wobei unsere Zuschauerinnen und Zuschauer aktuell auch alle persönlich informiert wurden und werden.

Spätere Termine hoffen wir insbesondere für unsere jüngsten Produktionen, "Der Untertan" und "Megafad oder Der längste Nachmittag des Universums", einrichten zu können, die am 7. und 8. März Premiere hatten. Wir möchten der großen Nachfrage natürlich gerecht werden – wir wissen nur noch nicht, wann.

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Corona-Krise: Das Foto-Tagebuch aus Erlangen

Die einzige derzeit mögliche Maßnahme, Corona-Virus-Infektionen zu vermeiden, geht nur über die Vermeidung persönlicher Kontakte. Die Folge: Das Alltagsleben in Erlangen wurde "runtergefahren". Seit den ersten Lockerungen nach den Osterferien fährt die Staatsregierung das öffentliche Leben sukzessive wieder hoch. Fotograf Harald Sippel zeigt die Situation in einem Bilder-Tagebuch.


Da bis dato niemand sagen kann, wie lange der jetzige Zustand mit all seinen Beschränkungen andauern wird, wird die weitere Spielplangestaltung sicher immens schwierig. Die für April anberaumten Premieren sind ja bereits verschoben. Wie geht es jetzt programmatisch weiter? Wie wird mit den Folgen der bisherigen Ausfälle umgegangen?

Wir bereiten derzeit verschiedene Szenarien vor, wie es ab dem Tag X weitergeht. Unter Umständen müssen Probenblöcke getauscht und der bis dato geplante Produktionsprozess bis in die Werkstätten hinein verändert werden. Entscheidend sind jetzt also sowohl gute Planung als auch schnelles Handeln und Improvisationstalent. Programmatisch werden wir sicherlich ebenfalls reagieren. Zum Teil tun wir das auch schon erschreckend aktuell mit den Vorbereitungen zur Inszenierung von Andres Veiels Stück "Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!", das eine globale Ausnahmesituation nach dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft und Finanzmärkte schildert. Zudem wollen wir uns nach der Wiedereröffnung der Bühnen verstärkt auf den Spielbetrieb im Markgrafentheater konzentrieren, auch um möglichst viele Abo-Vorstellungen nachholen zu können. Zum anderen werden wir unsere etablierten Formate im Stadtraum wie das "Tresenlesen" dafür nutzen, wieder enger mit dem lange vermissten Publikum in Kontakt treten zu können. Welche künstlerischen Chancen – auch einer Vernetzung mit anderen Kulturinstitutionen der Stadt – durch diese Zwangspause noch entstehen werden, bleibt abzuwarten. Wir sind jedenfalls bereit, auch andere, neue Wege zu gehen. Den größtenteils fertigen Spielplan der kommenden Spielzeit wollen wir deshalb aber nicht aufgeben. Die Stoffe und Themen, die das Theater zur Reflexion wie Unterhaltung gleichermaßen bietet, sind vielleicht nach so einer langen Ausnahmesituation gerade nötig, um sich als Gesellschaft der eigenen Verfasstheit zu vergewissern und Zukunft neu zu denken.

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Google-Daten: So hat Corona unser Leben verändert

Aktuelle Google-Bewegungsdaten zeigen genau, wie das Coronavirus und die damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen das Verhalten der Menschen verändert haben. Durch die Vielzahl der Google-Nutzer ermöglichen die Daten ein zuverlässiges Bild und lassen erkennen, wie viel seltener sich die Menschen an Bahnhöfen, an ihrem Arbeitsplatz und in Läden aufhalten - und wie viel häufiger in ihren eigenen vier Wänden. Besonders groß im Vergleich zu den anderen Bundesländern war in Bayern der Rückgang im Bereich Handel und Freizeit.


Ist konkret damit zu rechnen, dass eine Premiere eventuell vom Spielplan verschwindet?

Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass alle Premieren stattfinden werden, wenn auch nicht zu den ursprünglich geplanten Terminen. Vor allem wichtig ist uns in diesem Zusammenhang aber, dass wir mit allen Künstlerinnen und Künstlern, die bei uns am Haus als Gäste arbeiten und die jetzt von dieser Situation ebenso betroffen sind, einen gemeinsamen und guten Weg finden, wie wir mit den Verschiebungen umgehen und niemanden mit der Situation alleine lassen.

Mit welchen Verlusten hinsichtlich zahlreicher Vorstellungsausfälle rechnen Sie in etwa?

Diese Krise wird in jeder Hinsicht verlustreich – auch in Bezug auf Vorstellungseinnahmen. Aber wir planen die Verluste durch das Nachholen von Vorstellungen möglichst gering zu halten. Wie groß der Schaden und die Einbußen aber letzten Endes seien werden, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht beziffern – denn die große Frage lautet ja, wie lange die Spielstätten geschlossen bleiben.

Interview: MANFRED KOCH

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