Interview mit Tayra Kunstmann

Volksfest-Verbot in der Corona-Pandemie: Erlanger Schaustellerin ist verzweifelt

13.9.2021, 14:12 Uhr
Tayra Kunstmann.

Tayra Kunstmann. © Helmut Bresler, NN

Frau Kunstmann, wie und wann ist Ihre Rede entstanden?
Das war eher zufällig, Ende März, nachdem der Süddeutsche Schaustellerverband sich nach unserem Befinden erkundigt hat, da wir uns lange nicht gesprochen hatten. Der Verband hat das Ziel die Schaustellerjugend verstärkt einzubinden. Das ist wegen Corona und der akuten Probleme, die in diesem Zusammenhang für unsere Berufsgruppe gelöst werden mussten, im letzten Jahr ein bisschen kurz gekommen. Die Presseaktion zum symbolischen Auftakt des Frühlingsfestes am Ostersamstag war für unsere Berufsorganisation der Anlass, mich als Sprecherin der Jugend wieder einmal zu kontaktieren.

Ich habe lange überlegt, was ich sagen soll, da gerade in dieser schweren Zeit viele Emotionen auf mich eingebrochen sind. Ich habe schließlich den Entschluss gefasst meine echten Gefühle und Gedanken zu artikulieren und ganz einfach die Wahrheit zu sagen.

Wie haben Sie den Vortrag am Mikrophon erlebt?
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich die komplette Aufmerksamkeit aller Zuhörer hatte. Ich wollte als Schaustellerin, stellvertretend für die Berufsgruppe, die Gefühle zeigen, die mich bewegen und damit gegenüber der Öffentlichkeit ein konkretes Bild abgeben. Ich konnte so zum Ausdruck bringen, dass uns die Pandemie nicht nur wirtschaftlich schwer zu schaffen macht, sondern auch psychisch extrem belastet!

Wie war die Resonanz?

Anfangs hatte ich Bedenken, da man sich mit der persönlichen Äußerung von Gefühlen doch recht angreifbar macht. Die Resonanz von den Kollegen sowie von den Medien war nur positiv. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Wie ist die Situation heute und - was hat sich verändert?
Die jetzige Situation ist glücklicherweise positiver als vorher. Zumindest ein Lichtblick. Die Genehmigung des temporären Freizeitparks am Dutzendteich war, wie ich finde, ein großer Schritt in die richtige Richtung, für den sicher alle Beschicker dankbar sind! Ein Kompliment an die außerordentlich gute Planung und Umsetzung. Trotz allem wünschen wir uns natürlich, in der Zukunft unserem Beruf wieder voll und ganz nachgehen zu können. Keine Ersatzveranstaltung kann den Charakter eines traditionellen Volksfestes oder einer beliebten Kirchweih ersetzen.

Wie geht es der Schaustellerfamilie Kunstmann?

Den Umständen entsprechend. Wobei ich an dieser Stelle ganz klar sagen muss, dass wir uns nicht unterkriegen lassen, wir sind Schausteller, das ist für uns eine Berufung und ein Kulturgut, das nicht wegzudenken ist und immer ein Teil der Welt sein wird. Es ist anstrengend, mit dieser aktuellen Unsicherheit umzugehen, aber die Zuversicht steht an erster Stelle, dass auch unser altes Leben wieder voll und ganz zurückkommen wird.

Wie wird es weitergehen?
Schwierig zu sagen. Natürlich hoffe ich, dass sich die Situation schnellstmöglich weiter entspannt. Ich erlaube mir zusagen, dass wir alle als Gemeinschaft alles Erdenkliche dafür tun werden, dass unser Weg hier nicht endet. Ich persönlich sehe immer optimistisch in die Zukunft.

Aktuell gilt in Bayern weiterhin das Verbot von Volksfesten. Ungerecht?

Keine Frage! Sport- und Kulturveranstaltungen mit bis zu 25 000 Besuchern hat die Staatsregierung jetzt wieder erlaubt. Bei Messen sind maximal 50 000 Gäste kein Problem. Und wir? Bei uns gibt es Unterhaltung für die Familie mit Auto-Scooter, Zuckerwatte und einem Bratwurst-Brötchen. Warum ist es bei uns gefährlicher als bei einem Konzert? Ich verstehe es nicht. In meinen Augen ist diese Regel nur absurd. Ich war optimistisch. Die zu verspürende Aufbruchstimmung ist abgestürzt - leider.

Wird es 2022 wieder eine Bergkirchweih geben?

Der Mandel- und Süßigkeitenstand der Familie Kunstmann.

Der Mandel- und Süßigkeitenstand der Familie Kunstmann. © Foto: Klaus-Dieter Schreiter

Das weiß heute natürlich keiner. Und natürlich hoffen wir alle, dass das nächste Jahr wieder ein Jahr sein wird, wo wir unsere Feste abhalten können, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen!
Nachdem meine Familie bereits in der fünften Generation auf der Bergkirchweih vertreten ist und ich eine Erlangerin bin, wären wir jedenfalls überglücklich, wenn es so wäre. Wir freuen uns schon heute auf den nächsten „Berch“ zu Pfingsten und auf all die anderen Feste, die in den letzten beiden Jahren nicht stattfinden konnten.

Leider liegt es am Ende nicht in unserer Hand, wir sind hier von der Entscheidung der Kommunen abhängig und von der weiteren Entwicklung der Pandemie. Ich finde aber, dass man den Menschen auch irgendwann wieder ihre Eigenverantwortung zurückgeben muss. Die Inzidenz bzw. die neue Krankenhaus-Ampel kann meiner Meinung nach nicht mehr die einzige Grundlage sein für solch einschneidende Entscheidungen, ob eine Veranstaltung stattfinden kann oder nicht, ob wir unseren Beruf ausüben dürfen oder nicht. Und die Menschen brauchen – wie auch ich selbst – unsere Schaustellerveranstaltungen als analoge Treffpunkte für alle Generationen und Nationalitäten, bei uns finden alle zusammen, um sich mit Familie oder Freunden zu treffen und so für ein paar Stunden dem Alltag zu entfliehen. Wir wollen endlich wieder Freude ins Leben bringen.

ZUR PERSON


Tayra Kunstmann lebt in Erlangen und arbeitet als Unternehmerin in der Süßwaren- und Imbissbranche. Das Geschäft „Willi’s Mandeln“ ist auch auf dem Erlanger Berg seit Generationen bekannt und beliebt. Die 25-jährige Frau ist Sprecherin der Jungschausteller im Süddeutschen Verband reisender Schausteller und Handelsleute e.V. mit den Sektionen in Nürnberg, Fürth, Erlangen, Bayreuth und Coburg.

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