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Walter Sittler in Erlangen: "Ich bin immer noch da"

Schauspieler liest Texte von Dieter Hildebrandt. Eine Hommage. - 11.01.2017 15:00 Uhr

Foto: PR

10.01.2017


Herr Sittler, Dieter Hildebrandt ist vor über drei Jahren gestorben. Warum, meinen Sie, ist er — um den Titel Ihrer Lesung aufzugreifen — immer noch da?

Walter Sittler: Weil er das hat, was alle guten Kabarettisten haben: Sie gehen nicht nur auf die aktuellen Ereignisse ein. Sie greifen Dinge heraus, die über das tatsächliche Geschehen hinausweisen. Wir erleben ja ganz viel, und Dieter Hildebrandt ermöglicht uns mit seinen Texten, dass wir Lehren aus dem Erlebten ziehen und nicht denselben Scheiß immer wieder machen. Über die Politik an sich kann man gar nicht genug sprechen. Das hat Dieter Hildebrandt getan. Er macht die Verrücktheiten sichtbar.

Dieter Hildebrandts Art zu denken mochten Sie schon immer, haben Sie in einem früheren Interview gesagt. Was ist es genau, das Sie da mögen?

Sittler: Es ist diese Art, nicht rechthaberisch aufzutreten. Dieter Hildebrandt tut nie so, als wüsste er die Wahrheit. Aber er lässt sich auch nicht für blöd verkaufen. Er versucht immer, hinter die Dinge zu gehen. Durch ihn können wir lernen, dass wir in jedem Fall immer weiter denken und den Dingen auf den Grund gehen müssen. Außerdem mag ich seine Weigerung, vorauseilend gehorsam zu sein. Dieter Hildebrandt hat eine wunderbare klare Sicht auf die Menschen und eine große Empathie für die einfachen Leute — das gefällt mir.

Sie haben Dieter Hildebrandt gar nicht persönlich gekannt . . .

Sittler: Das stimmt. Heute weiß ich: Ich hätte hingehen sollen. Ich hätte versuchen sollen, ihn zu treffen. Dass ich das nicht getan habe, war ein Fehler, den ich zutiefst bedaure. Ich habe meine Scheu nicht überwunden, dabei hätte er ja ohne weiteres ein solches Treffen vermeiden können, wenn er es nicht gewollt hätte. Doch das wäre nicht der Fall gewesen. Wie ich inzwischen von seiner Witwe weiß, hat er mein Engagement gegen Stuttgart 21 sogar sehr genau verfolgt. Deshalb wollte sie auch, dass ich die Texte aus seinem Nachlass in die Öffentlichkeit bringe. Die irre Geschichte, die wir in Stuttgart haben, hat mir also den Hildebrandt ins Leben gespült. Das wenigstens ist glücklich.

Es sieht derzeit so aus, als ob sich alles, wovor Kritiker wie Sie bei Stuttgart 21 gewarnt haben, bewahrheitet — oder es kommt sogar noch schlimmer. Trotzdem wird der Bahnhof gebaut. Was empfinden Sie dabei?

Sittler: Ein Höchstmaß an Erstaunen über die Unwilligkeit, das wahrzunehmen, was offensichtlich ist, und über die Unfähigkeit der Entscheider einzugestehen, dass sie Fehler gemacht haben. Was den Volksentscheid von 2011 betrifft (bei dem eine Mehrheit sich für das Bahnprojekt aussprach, Anm. d. Red.), tun sie so, als ob das Gottes Wort ist. Wir schlittern sehenden Auges in ein Desaster.

Dieter Hildebrandt 2012, ein Jahr vor seinem Tod, in Erlangen.

10.01.2017 © Foto: Hofmann


Das heißt, es gibt kein Zurück.

Sittler: Doch, man kann immer zurück. Bei dem, was man inzwischen über Stuttgart 21 weiß und auch von offizieller Seite eingestanden werden muss, ist es gut möglich, dass bei einem Volksentscheid heute eine mehrheitliche Entscheidung gegen das Projekt fallen würde. In Stuttgart gibt es noch keine Richtlinien für die Bürgerbeteiligung, alles ist noch in der Schwebe. Aber eines lässt sich sagen: Man muss immer zuhören. Je mehr Macht man hat, desto mehr muss man zuhören . . .

Auch den Kabarettisten?

Sittler: Natürlich. Ihnen vor allem. Und die politisch Verantwortlichen sollen einmal monatlich einen Narren anhören, der alles sagen darf, ohne dass er Angst haben muss, gehängt zu werden.

Die Freiheit zu denken . . .

Sittler: Sie mündet in Vielfalt, und das ist gut. Die Einheit, die die AfD herstellen will, finde ich grauenvoll. Sie wollen die Leute gleich machen, gaukeln ihnen dabei aber eine falsch verstandene Heimat vor — und sie entscheiden, wer dazu gehört. Dagegen muss man aufstehen und in aller Ruhe reden und das sagen, was unsere freie Gesellschaft ausmacht. Ich will selbstständige, selbstbewusste, Rückgrat zeigende Menschen. Und ich habe keine Lust, zurückzugehen in die 60er Jahre.

Kommen Dieter Hildebrandts Texte heute noch beim Publikum an? Wie ist das in Ihren Lesungen?

Sittler: Im Prinzip lese ich zwar, aber es ist eigentlich auch eine Performance. Man muss die Texte zum Leben bringen. Wenn nur ein paar Leute etwas mitnehmen daraus, dann ist schon etwas bewirkt. Man hat ja manchmal ein Dreiviertel-Gefühl — man weiß, wie man sieht, aber man weiß nicht, wie man es sagen soll. Dieter Hildebrandt bringt es auf den Punkt. Dafür braucht man gute Kabarettisten — und um der Heiterkeit willen. Ich hoffe, dass die Menschen erheitert und denkwillig nach Hause gehen.

Sie selbst werden nach Ihrem Auftritt nicht nach Hause nach Stuttgart fahren, sondern sich mit Ihrer Tochter Jenny treffen, die am Theater Erlangen Regieassistentin ist?

Sittler: Es ist ein Zufall, dass am gleichen Abend, an dem ich auftrete, die szenische Lesung, bei der sie Regie führt (siehe Artikel links oben), aufgeführt wird. Ich kann also nicht auf die Premiere gehen, aber wir werden uns hinterher sehen. Ihr in Erlangen habt am Freitag einen Sittler-Overkill (lacht).

 

Interview: EVA KETTLER

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