1822 war der Bau vollendet

Wechselvolle Geschichte: Die Synagoge Ermreuth gibt es seit 200 Jahren

Pauline Lindner

16.1.2022, 14:57 Uhr
Die Außenansicht der Synagoge Ermreuth von Osten mit der Nische für den Aron haKodesch.  

© Pauline Lindner, NN Die Außenansicht der Synagoge Ermreuth von Osten mit der Nische für den Aron haKodesch.  

1822 war der Bau einer neuen Synagoge in dem ritterschaftlichen Ort Ermreuth vollendet. 200 Jahre sind keine lange Zeit im Vergleich zu den 1700 Jahren, seit denen jüdische Mitbürger in Deutschland nachgewiesen sind; noch dazu wenn man bedenkt, dass die Synagoge nur 116 Jahre einer jüdischen Gemeinde als Gebetsstätte diente.

1738 hatten die Ermreuther Juden ihr erstes Bet haKnesset (hebräisch: Haus der Versammlung) an derselben Stelle errichtet. 200 Jahre nur hatte ein knappes Drittel der Einwohner ein Gotteshaus. Denn Anfang 1939 wurden die letzten jüdischen Bewohner in Nürnberger Judenhäuser deportiert.

Ermreuth war eine typische fränkische Landjudengemeinde. Die Grundherren aus der Familie von Egloffstein hatten nach der Vertreibung der Juden aus den Städten solche Flüchtlinge in ihrem Eigentum angesiedelt. Von Peuplierung sprach man, durch die sich die verarmte Ritterschaft Einnahmen verschaffte, mussten doch die neuen Bewohner jährlich Schutzgelder zahlen und für überlassene Grundstücke eine Art Erbpacht. Da das Schlossarchiv Ermreuth verloren gegangen ist, ist die Quellenlage schlecht. Die Verhältnisse dürften aber ähnlich gewesen sein wie für die Juden von Kunreuth, das ebenfalls egloffsteinisch war und dessen Schlossarchiv erhalten ist.

Im 18. Jahrhundert besserte sich die Lage für Juden relativ. Davon zeugt eine ganze Reihe von Synagogenbauten in Franken. Mit der Auflösung des alten Deutschen Reichs kamen die auch in die ritterschaftlichen Gebiete und damit eine größere Anzahl Juden zum Königreich Bayern. Es erließ 1813 ein Gesetz, das die bürgerlichen Verhältnisse regeln sollte, das Judenedikt.

Ein Ausschnitt aus der Schablonenmalerei. 

Ein Ausschnitt aus der Schablonenmalerei.  © Pauline Lindner, NN

Es verpflichtete alle Juden, einen Nachnamen anzunehmen, und gewährte ihnen Zugang zu bürgerlichen Berufen. Ein großer Schritt zur Gleichstellung. Dennoch wurde die Zahl der jüdischen Mitbürger pro Ort begrenzt. Nur der wurde „immatrikuliert“, der einen Schutzbrief vorweisen konnte. Dadurch sollte die Zahl der Juden im ländlichen Raum vermindert werden. Erst 1861 wurde der Matrikelparagraf aufgehoben und die freie Wohnortwahl möglich. Das führte zu einer Landflucht und auch einer Auswanderungswelle.

Heiligenstädter Juden nicht erlaubt

Für die Ermreuther Juden muss dennoch das Judenedikt befreiend gewesen sein, weil sie es als eine der ganz wenigen Gemeinden in Oberfranken wagte, eine neue größere Synagoge zu bauen. Und der es genehmigt wurde. Die Heiligenstädter wollten auch bauen, doch ihnen wurde dies nicht erlaubt, weil man keine 50 jüdischen Familien am Ort zählte. In Ermreuth scheint dies der Fall gewesen zu sein, auch wenn das Landgericht Gräfenberg in diesem Zeitraum nur 37 Matrikelstellen für die 199 jüdischen Ermreuther gelistet hatte.

Der Leseplatz, die Bima, beim Gedenkgottesdienst zur Reichspogromnacht. 

Der Leseplatz, die Bima, beim Gedenkgottesdienst zur Reichspogromnacht.  © Pauline Lindner, NN

Schon wenige Jahre nach dem Erlass des Edikts konnten sie ein Stück Grund dazu erwerben, hat Synagogenkuratorin Rajaa Nadler eruiert. Man beauftragte den christlichen Maurermeister Conrad M. Wörner mit dem Bau und seiner künstlerischen Ausstattung des stattlichen, 14 Meter hohen Baues. Zwei Stockwerke hoch ist es aus gelben Sandsteinblöcken gemauert. Noble Zurückhaltung bescheinigt Theodor Harburger, ein deutsch-jüdischer Kunsthistoriker, der in den späten 20er Jahren Synagogen und ihren Kunstbestand dokumentierte. Er hat auch eine Fotosammlung hinterlassen, aber entweder machte er keine Bilder in Ermreuth oder sie sind verloren gegangen.

Der augenfälligste Platz in der Synagoge. 

Der augenfälligste Platz in der Synagoge.  © Pauline Lindner, NN

Das Synagogengebäude ist sogar etwas höher als das Kirchenschiff; das Schloss war das höchste Haus im Ort. Das zeugt nach Nadler und auch Rolf Kießling von einem hohen Selbstbewusstsein der örtlichen Juden, das nicht zuletzt durch eine sich verbessernde wirtschaftliche Lage bestimmt worden war. Eva Groiss-Lau zählt in „Jüdisches Kulturgut auf dem Land“ Ermreuth zu den jüdischen Gemeinden mittleren Einkommens. So gab es um die Bauzeit 22 Viehhändler, 38 Hausierer, 41 Schnittwaren- und fünf Spezereihändler im Ort. Ohne staatliche oder kommunale Hilfe finanzierten sie den Synagogenbau, mussten aber Kredite aufnehmen. Hierüber hat sich ein Brief an den bayerischen König erhalten. Vielleicht waren die Schulden auch der Grund, weshalb die Synagoge vergleichsweise bescheiden ausgestattet war.

Schrein für Thorarollen

Von der Innenausstattung haben sich nur Spuren erhalten, wie Reste von Schablonenmalerei und Deckenstuck sowie die gemalte Umrahmung des Aron haKodesch, des Schreins für die Thorarollen, mit einem Sternenmotiv. Der „Schrank für die heiligen Schriften“ war aus schlichtem dunklen Holz.

Nach den denkmalschützerischen Untersuchungen 1988 wurden die Reste vervollständigt und sowohl der Aron haKodesch sowie die Leseplattform in der Mitte nach einer Beschreibung eines ausgewanderten Ermreuthers wiederhergestellt. Die Frauenempore, zu der eine separate Treppe führt, dient heute als Ausstellungsraum, besonders für die Funde aus der Genisa. Unter dem Walmdach hatte man das Gemeindearchiv und religiöse Gegenstände, die unbrauchbar geworden waren, aufbewahrt.

2 Kommentare