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Weihnachten im Corona-Jahr: Wer einsam ist, wird noch einsamer

Erlanger Psychiatrie-Chef über Zusammenhang von Pandemie und Depression - 24.12.2020 18:00 Uhr

Depression

14.04.2017 © dpa


Herr Prof. Kornhuber, Umfragen und Erhebungen von Krankenkassen zeigten schon vor dem neuerlichen Lockdown einen Anstieg von Depressionen in den vergangenen Monaten. Sehen Sie auch eine solche Zunahme in Ihrem Haus?

Wir sehen ja nicht alle Patienten mit Depressionen, die es hier in der Stadt und im Landkreis gibt, sondern nur eine Auswahl. Wir behandeln stationär, teilstationär und auch ambulant, aber viele scheuen sich, das Krankenhaus aufzusuchen, aus Angst vor Infektionen. Insofern ist das verzerrt, was wir hier sehen. Insgesamt glaube ich aber schon, dass Depressionen zunehmen, und das sehen wir auch an den Patienten, die zu uns kommen.

Spielt da Covid-19 eine Rolle?

Ja, und zwar eine große, aus ganz verschiedenen Gründen. Neben der Angst vor Infektionen führen die Nachrichten über die Corona-Toten zu einer Dauerstresssituation. Hinzu kommen existenzielle Sorgen durch Kurzarbeit und Einkommenseinbußen. Oder dass die Kinder nicht in die Schule können und es bei der häuslichen Betreuung in beengten Wohnverhältnissen zu Problemen kommt. Es gibt also viele Faktoren, die erklären können, warum in der Pandemie Depressionen zunehmen.

Es lässt sich also ein kausaler Zusammenhang feststellen?

Es ist zumindest sehr plausibel, dass es Zusammenhänge gibt und dass unglaubliche Veränderungen eingetreten sind, die sehr belastend wirken.

Führt denn die Angst vor Ansteckung eher zu Depressionen als die Isolation?

Der Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Erlanger Uni-Klinikums, Professor Johannes Kornhuber.

25.01.2015 © Harald Sippel


Das hängt zusammen: Angst vor Ansteckung führt zu einem Rückzug in die Isolation. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen über Risikofaktoren für psychische Belastungen und Depressionen. Beschäftigte im Gesundheitswesen sind stärker gestresst, wegen der Infektionsrisiken durch Patientenkontakte, aber auch, weil sie jetzt viel mehr zu tun haben. Weibliche Beschäftigte sind mehr gestresst, möglicherweise durch die verstärkte Doppelbelastung, wenn die Kinder nicht zur Schule gehen können. Ein von vorneherein reduzierter Gesundheitsstatus ist ein weiterer Faktor, diese Leute leiden besonders darunter. Oder Sorgen um Nahestehende, wenn man etwa die Eltern nicht mehr so besuchen kann. Es gibt also eine ganze Reihe von Risikofaktoren.

Sind die Auswirkungen auf Depressionen bei Älteren stärker?

Ja, das Alter spielt eine große Rolle. Ältere haben ein größeres Risiko, weil sie oft schon krank sind und nicht mehr so oft Besuch bekommen können.

 

Wie äußert sich eine Depression? Und vor allem: Äußert sie sich in Coronazeiten anders?

Nein, es sind die typischen klassischen Symptome. Also eine depressive Verstimmung, ein Verlust an Interesse und Freude und eine Verminderung des Antriebs. Es können Konzentrationsstörungen dazu kommen, mangelndes Selbstwertgefühl und Vertrauen, oder auch Schuldgefühle und Gefühle der Wertlosigkeit, pessimistische Zukunftsperspektiven, Suizidgedanken, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und auch Gewichtsabnahme bei schwereren Depressionen. Oft gibt es auch tageszeitliche Schwankungen, bei denen es zum Beispiel morgens schlechter geht als abends. Diese klassischen Symptome werden von Covid praktisch nicht beeinflusst.

Wenn es einem morgens nicht so gut geht, wann ist das nur schlechte Laune oder doch Depression, wann soll man zum Arzt gehen?

Wir haben das Zeitkriterium. Wenn das ganze zwei Wochen oder länger dauert und wenn mehrere Symptome auftreten, also zum Beispiel depressive Verstimmung, Verminderung des Antriebs als Hauptsymptome und zusätzlich Schlaf-und Appetitlosigkeit. Wir stellen die Diagnose nach der internationalen Klassifikation von Krankheiten. Das ist eine operationale Diagnostik, da gibt es Kriterien, die durch Regeln verbunden sind, also Hauptsymptome und Zusatzsymptome in einer bestimmen Anzahl und eine gewisse Dauer. Wir machen also keine Diagnose nach Bauchgefühl.

Wo kann man Hilfe suchen?

In Erlangen haben wir ja Uniklinik und der Klinik am Europakanal zwei große Versorger mit jeweils Ambulanz, teilstationärer und vollstationärer Behandlung. Man kann sich zuerst aber, vor allem wenn die Symptome milde ausgeprägt sind, an einen niedergelassenen Nervenarzt wenden oder einfach an den Hausarzt.

Wie gehen Sie selbst vor?

Wir nennen das eine multimodale Behandlung. Es gibt verschiedene Therapien, die antidepressiv wirken. Wichtig ist, dass wir alle diese Therapien am Patienten anbringen. Also nicht nur allein Medikamente oder Psychotherapie. Bei den Medikamenten gibt es gut wirksame Antidepressiva, die nicht abhängig machen, die auch nicht zur Gewichtszunahme führen, und die man wieder absetzen kann, ohne dass etwas passiert. Es gibt Psychotherapien, die wir regelmäßig bei allen Patienten anwenden und Therapien, die zu wenig angewendet werden.

Welche sind das?

Dazu gehört Sport, also körperliche Aktivität. Im Vergleich der Therapien ist Sport genau so wirksam wie Medikation oder Psychotherapie. Deshalb ist die körperliche Aktivierung besonders wichtig, die aber an die körperlichen Fähigkeiten angepasst sein muss. Für junge fitte Menschen haben wir Sportgruppen. Ältere Menschen, die in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt sind, können sich zum Beispiel im Sitzen Bälle zuwerfen.

Steigt durch Corona auch die Zahl der Suizide oder Suizidversuche?

Wahrscheinlich schon. Aber wir haben noch nicht ausreichend Daten. Doch wenn Depressionen ansteigen, steigen auch die Suizide.

Trifft die gegenwärtige Ausnahmesituation die Ärmeren wieder stärker?

Ja sicher, das ist ein wichtiger Aspekt. Wenn man in einem schönen Haus mit Garten im Homeoffice sitzt, ist das etwas anderes als die beengten Wohnverhältnisse, in denen viele ärmere Familien leben müssen. Oder nehmen Sie die technische Ausstattung, Internetanschluss und die nötigen Geräte. Nicht alle haben die Möglichkeit, Videosprechstunden wahrzunehmen. Das trifft sozial Schwächere besonders hart.

Soll man lieber nicht in die Klinik aus Angst vor Ansteckung und damit eine Depression riskieren?

Das ist eine schwierige Entscheidung. Oftmals ist die Sorge vor einer Ansteckung im Krankenhaus übertrieben. Bei uns werden ja alle Sicherheitsmaßnahmen eingehalten. Wir halten den Abstand ein, tragen Masken, es wird laufend desinfiziert, wir haben Eingangskontrollen.Auch alle Patienten werden regelmäßig getestet, weil sie sich ja anstecken könnten, wenn sie mal rausgehen. Wir hatten hier in der Psychiatrischen Klinik noch keine Probleme. Aus meiner Sicht wäre es risikoreicher, sich bei einer ausgeprägten Depression nicht behandeln zu lassen, wenn nötig auch stationär.

Es kann doch sein, dass Ältere zum Schutz vor Ansteckung ohne Kontakte allein in ihrer Wohnung bleiben und ihre Kinder und Enkel nicht sehen sollen und dann in eine Depression verfallen.

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Steigt jetzt in der dunklen Jahreszeit das Risiko von Depressionen?

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Welche Folgen hat das?

Wenn man die Suizide betrachtet, ist nicht Heiligabend der Höhepunkt, sondern die Zeit danach. Aber unabhängig davon ist das für alle, die wegen Covid nicht besucht werden können, eine schwere Zeit.

Könnte es sein, dass durch die Diskussion um Corona und Depressionen das Thema psychische Erkrankungen wieder enttabuisiert wird?

Das ist zu hoffen. Es wird mehr über das Thema gesprochen. Es wird verstehbar und wirkt damit weniger stigmatisierend.

 

 

INTERVIEW: SHARON CHAFFIN

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