Montag, 30.11.2020

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Wer ist der Erlanger Street Art-Künstler "Dachs"?

Künstler spricht über die Intentionen seiner ungenehmigten Aktionen - 02.11.2020 09:13 Uhr

Das war einmal: Diese jüngste „Dachs“-Arbeit an einem Universitätsgebäude in der Bismarckstraße wurde bereits wieder übermalt.

23.10.2020 © privat


Liebe(r) Dachs, zu Beginn gleich eine Orientierungsfrage: Sind Sie weiblich oder männlich? Und wie kamen Sie auf Ihren Künstlernamen "Dachs"?

Ich bin ein Kerl. Der Name stammt von einer guten Freundin, das echte Tier ist gemeint. Sie meinte einmal, dass ich vom Verhalten und der Körpersprache her einem Dachs ähnlich bin, ich fand das lustig und kann mich sowohl mit dem Bau/Schaffensdrang als auch mit der Nachtaktivität identifizieren. Das mit dem Outen des Klarnamens ist so eine Sache. An sich hätte ich damit kein Problem, und glücklicherweise ist die Resonanz soweit so gut, dass ich tatsächlich nicht davon ausgehe, gejagt zu werden, trotzdem bleibt die Geschichte eine illegale Sache. Besonders, da ich noch weitermachen werde, wäre es unklug, sich jetzt zu outen.

Wie sind Sie auf die Idee mit der illegalen Wandmalerei gekommen? Hatten Sie sich schon immer für bildende Kunst interessiert, und gab und gibt es Vorbilder?

Grundsätzlich bin ich schon immer kunstschaffend und kunstinteressiert gewesen, besonders im Bereich Malerei. Am meisten bewundere ich Van Gogh und Singer Sargent, aber auch Rothko oder Francis Bacon. Banksy ist im öffentlichen Raum unterwegs und ich kann mich mit seiner gesellschaftskritischen Haltung identifizieren, aber ich würde ihn nicht als ein Vorbild bezeichnen. Angefangen mit handgroßen Schablonen, hat die Street Art bei mir eine lange Karriere, jedoch nie Graffiti im "klassischen" Sinne, also keine Styles.

Wie lange arbeiten Sie an Ihren Projekten, welche Materialien verwenden Sie? Sie müssten ja eigentlich immer im Schutz der Nacht arbeiten.

Der Schutz der Nacht ist natürlich wichtig. Je nach Projekt ist die aufgewendete Zeit dabei sehr unterschiedlich, bei meiner letzten Arbeit bin ich in drei Nächten hintereinander los. Die Vorbereitung nimmt meist den größten Teil der Arbeitszeit ein, besonders aufwendige Schablonen sind zeithungrig. Zum Material: Bei den Fliesen handelt es sich immer um auf der Straße gefundene, ich finde es interessant, wenn sich die Stadt an sich selbst niederschlägt. Fliesen haben zudem den großen Vorteil, dass man sie in Ruhe bemalen kann, um sie dann schnell anzubringen. Außerdem gefällt es mir, die "Leinwand" nach dem Malvorgang neu zu arrangieren.

Auch das war einmal: Das sich der sexuellen Lust hingebende Paar war ganz . . .

23.10.2020 © Foto: Christoph Benesch


Gibt es zusätzlich zu den drei in den Erlanger Nachrichten bereits vorgestellten Standorten (Henke-, Schleifmühl- und Universitätsstraße) auch noch andere von Ihnen "bearbeitete" Locations?

Ja, gab es. Ich habe mittlerweile festgestellt, dass das Gemälde bereits wieder professionell übermalt wurde. Es befand sich über einem Übergang im Innenhof der Universitätsgebäude an der Bismarckstraße 1. Offensichtlich hatte die Uni etwas dagegen, es wurde auch Anzeige gegen unbekannte Täter erstattet.

Die Motive mit den nackten Menschen, in einem Fall ja noch dazu in eindeutiger Pose, sind ja einigermaßen gewagt. Welche Absicht steckt dahinter? Wollen Sie Aufmerksamkeit erregen oder gar ein bisschen schockieren?

Die Motivwahl bei den Liebenden beispielsweise ist eigentlich sehr spontan gekommen, ich fand diese verzierten roten Fliesen und musste wegen Farbe und Stil an Pornos aus den 70ern denken, genau das ist auch drauf. Der nackte Mann (in der Schleifmühlstraße, d. Red.) entstand danach aus dieser Idee der Nacktheit in der Öffentlichkeit, hier eher als Bloßstellung. Also nicht nur um Aufmerksamkeit zu generieren, aber natürlich muss man mit der Werbung mithalten.

. . . offensichtlich jemandem zu obszön und so wurde es „bereinigt“.

23.10.2020 © Foto: Christoph Benesch


Was sagen Sie zu dem an Ihrem Bild in der Henkestraße angerichteten Frevel?

Dass das Fliesenbild zerstört wurde, habe ich erfahren. Natürlich ist es schade, aber der Anspruch der Unvergänglichkeit ist besonders bei Street Art ein Wunschtraum. Sobald ich ein Bild in der Stadt lasse, ist es nicht mehr meines, sondern gehört dem Organismus Stadt.


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Werden Sie weiterarbeiten? Und wenn ja, wo darf man demnächst mit "Dachs"-Kunstwerken rechnen?

Die Arbeit läuft auf jeden Fall weiter und das zunächst in Erlangen – wo genau, wird natürlich nicht verraten! Ob ich einen großen Auftrag annehmen würde, geht die Frage voraus, warum ich das überhaupt mache. Arbeiten wie die am Audimax behandeln meine Wut über die allgemeine Ohnmacht und Hinnahme gegenüber den Problemen der Welt. Jeder weiß, dass Plastik in der verbrauchten Menge schlecht für den Planeten ist, aber kaum jemand ändert deshalb seinen Lebensstil. Das Paradoxon des kurzen Glücks, verpackt im Stoff des allgemeinen Untergangs. Meine Arbeiten entstehen aber auch über die Freude am Leben oder um seinen Namen an der Wand zu sehen. Aufträge in der Street Art geben einem Künstler die Möglichkeit, hochwertig zu arbeiten, dafür ist man in der Motivwahl meist nicht frei. Wenn ich eine große Idee habe und mir eine Wand gefällt, werde ich mich um einen Auftrag bemühen.

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Interview: MANFRED KOCH

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