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Sonntag, 25.08.2019

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Woodstock ließ auch Erlangen nicht kalt

Fünf Kulturarbeiter erinnern sich lebhaft an ihre Eindrücke vom Musikfestival vor 50 Jahren. - 16.08.2019 06:00 Uhr

„In den Nachrichten hieß es, dass immer mehr und mehr Leute gekommen sind, 500 000 Zuschauer, das sprengt alle Vorstellungskraft. Und dass ein Farmer sein Gelände zur Verfügung gestellt hatte, war fantastisch“, erzählt der Erlanger Schauspieler und Musiker Winni Wittkopp. An drei Tagen folgten die Festival-Besucher dem Motto „Love, Peace & Happiness“. © Aus dem Bildband "Woodstock"/Collection Rolf Heyne


Die Erlanger Nachrichten haben sich bei Kulturschaffenden umgehört, die damals musikalisch und politisch engagiert in den Startlöchern saßen.

 

Klaus Karl-Kraus: "1968 hatte ich die Schule abgeschlossen. Damals stand man schon vor einem Verweis, wenn man bloß in Blue Jeans zum Unterricht kam. 1969 also machte ich meine Ausbildung bei der Sparkasse Erlangen in Anzug und Krawatte. Woodstock hatten wir alle mitgekriegt, ich hatte Ausschnitte vom Konzert auf AFN gehört. Ich habe auch noch Bilder von Hippies in Erinnerung, die durch den Schlamm schlidderten, das muss in einer Wochenschau oder in den Nachrichten gekommen sein, jedenfalls noch vor dem Woodstock-Film.

Die Wirkung war enorm, Woodstock hatte bei uns wie eine Bombe eingeschlagen, wir spielten in der ,Pupille‘ Songs von Country Joe and the Fish, die ,Bravo‘ brachte Bilder vom Festival, und meine Mutter sprach nur was von Gammlern und Arbeitslager. Überhaupt die ,Bravo‘! Der Doktor Sommer war total wichtig, denn unsere Eltern klärten uns nicht auf, und der katholische Pfarrer meinte nur, dass man ja nicht schwimmen gehen dürfe. Wenn im Modegeschäft eine Schaufensterpuppe umgezogen wurde, dann zogen die Angestellten einen Vorhang herunter, dass man ja keine nackte Puppe zu sehen bekam. So war das damals! In den Zeitungen tauchte Woodstock erst später auf, da wurde diskutiert, was Jimi Hendrix mit der Nationalhymne angestellt hatte. Das Faszinierende an Woodstock für mich ist, dass einem erst mit etwas Zeitverzug klar geworden ist, dass da etwas wirklich Epochales passiert war."

Winfried Wittkopp: "Damals war ich 18, hatte meine Ausbildung zum Maschinenschlosser bei Siemens beendet und bin dann ins künstlerische Fach gewechselt. In den Nachrichten ist Woodstock sicher erwähnt worden, in den Clubs wie ,Pupille‘ und ,Sesam‘ hatte sich das wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Und die Platte hatte sich dann auch jeder gekauft. Was mich damals besonders beeindruckt hatte: In den Nachrichten hieß es, dass immer mehr und mehr Leute gekommen sind, 500 000 Zuschauer, das sprengt alle Vorstellungskraft. Und dass ein Farmer sein Gelände zur Verfügung gestellt hatte, war fantastisch. Mit meinem Opa zusammen hatte ich immer die Tagesschau gesehen, und als zum ersten Mal die Beatles auftauchten, meinte Opa nur: ,Völlig Verrückte! Eintagsfliegen!‘ Aber am Samstagabend durfte ich immer den ,Beat Club‘ sehen, zusammen mit einem Freund, der keinen Fernseher hatte."

 

Andreas Büeler, Musiker und Ex-Chef des "fifty fifty": "Von Woodstock hatte ich gar nichts mitbekommen, denn Mitte August 1969 kamen wir gerade aus Vietnam zurück. Ein halbes Jahr lang, von Februar bis August, hatte unsere Band ,Bentox‘ Rock, Pop und Soul vor den amerikanischen Streitkräften gespielt, alles, was das amerikanische Herz und unser Herz begehrte. Ein Manager hatte uns das ermöglicht. Wir liefen da mit Stahlhelm und Schutzweste herum und traten vom Mekong-Delta bis zur Demarkationslinie überall auf. Und als wir dann zurückkamen, galten wir hier als Verräter, weil wir den US-Imperialismus unterstützt hätten. Da wollte das ASTA nichts mehr von uns wissen. Dann spielten wir eben Psychedelic."

 

Auch Michael Heine hatte Woodstock nicht so richtig mitgekriegt: "Das war kurz vor meinem 16. Geburtstag, damals lebte ich in der Nähe von Hannover und ging dort zur Schule. Wir alle in der Klasse waren noch zu jung und noch nicht soweit. Ich trug als einziger lange Haare und eine Nickelbrille wie John Lennon. Das gab natürlich Ärger in der Schule. Es gab damals so viele Leute, die einfach bloß brav waren. Mit der Musik war das so eine Sache: Dazu brauchte man Platten und einen Plattenspieler. Und dafür brauchte man Geld. Die Mädchen hörten Jefferson Airplane, die Freunde um mich herum Hendrix, Santana und Ten Years After. Joan Baez und Folk waren in meiner Clique nicht so angesagt, ich gehörte eher zur Stones- als zur Beatles-Fraktion." Auch den Konzertfilm hatte Michael Heine nicht gesehen, das holte er später auf DVD nach: "Vor zwei Jahren habe ich mir den mal wieder angeschaut, auch mit Leuten, die zehn Jahre jünger sind als ich. Und das ist und bleibt eine tolle Musik."

 

Berndt Urban: "Damals war ich 15 und schon im Club 66, dem Vorläufer des ,Sesam‘, aktiv. Ich hatte im Vorfeld nichts von Woodstock mitbekommen, obwohl angeblich auch in Europa Anzeigen dafür geschaltet worden sind. Die Musiker, die in Woodstock auftraten, hatte ich bereits auf dem Schirm, aber das eigentliche Ereignis war für uns der Konzertfilm, den haben wir dann auch im ,Sesam‘ gezeigt. Schade, ich wäre gern dabei gewesen, aber mit 15 fliegt man nicht alleine in die USA." 

  

Reinhard Kalb

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