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Dienstag, 13.04.2021

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Zentralfriedhof: Diese Persönlichkeiten liegen in Erlangen

Auf dem Zentralfriedhof spiegelt sich auch die Erlanger Geschichte wider. Ein Spaziergang über eine schmuckvolle Ruhestätte. - 08.04.2021 18:30 Uhr

Mit 60 000 Quadratmetern ist der Zentralfriedhof die größte Ruhestätte der Stadt. Eröffnet wurde er 1895, hier konnten Menschen aller Konfessionen begraben werden.

07.04.2021 © Foto: Harald Sippel


Melancholische Jünglinge hier, schmucklose Kreuze dort, Engel am Rande des Nervenzusammenbruchs und schlichte Urnennischen – was sich an Grabgestaltung auf den Friedhöfen von Erlangens Alt- und Neustadt verteilt, findet sich auf dem Zentralfriedhof in bunter Vielfalt. Dort kann man den Wandel der Sepulkralkultur vom Pomp und Pathos bis zur aktuellen Schlichtheit und naturverbundenen Anonymität in all seiner Vielfalt studieren.

Der Haupteingang an der Äußeren Brucker Straße führt direkt zur Aussegnungshalle, einem Gebäude, das so gar nicht einer Kapelle entspricht. Wer dort je einer Beerdigung beigewohnt hat, dem bleiben zweierlei Geräusche in unauslöschlicher Erinnerung: das gellende Scheppern des Totenglöckleins und das Rauschen des Verkehrs auf der Werner von Siemens-Brücke – trotz Lärm- und Sichtschutzwänden.

Klein und schlicht

Bei diesem Besuch bevorzugen wir den Seiteneingang an der Ecke Äußere Brucker und Fließbachstraße. Dort flanieren wir entlang der alten Friedhofsmauer, die den alten Friedhof von dessen Erweiterung trennt. Da befinden wir uns schon auf den Wiesen der Urnengräber.

Klein und schlicht sind die Grabsteine. Entweder liegen sie zu ebener Erde oder ragen allenfalls bis in Kniehöhe. Meistens liegen sie in Reih’ und Glied, doch es geht auch fantasievoller: auf einer Abteilung sind die Urnengräber in drei konzentrischen Ringen um einen Baum angeordnet. Im Winter verhüllt die Schneedecke wie ein reines Linnen die Gräber. Das hat etwas leicht Entrücktes an sich – solange keine Fußspur den weißen Schimmer stört.

Baumbestattung möglich

Wer seinen Angehörigen die Grabespflege ersparen will, kann auch auf dem Zentralfriedhof eine Baumbestattung – sowohl an alten knorrigen wie jung gepflanzten Bäumen – in Anspruch nehmen. Ein massiver Holzbalken fungiert als Wegweiser: auf zwei Seiten kleben bronzene Lindenblätter mit Namen, Daten und der Nummer des Baumes, in dessen Schatten die Urne ruht. Freilich, Grabschmuck hat an den Baumgräbern nichts zu suchen. Die Bäume sollen frei und natürlich im Grase stehen. Da hält sich nicht jeder daran.

Mit 60 000 Quadratmetern ist der Zentralfriedhof die größte Ruhestätte der Stadt. Eröffnet wurde er 1895, hier konnten Menschen aller Konfessionen begraben werden.

07.04.2021


Inzwischen bestehen die Urnen aus auflöslichem Material, so dass sich die Asche nach geraumer Zeit mit der Erde vermischt. Urnen aus festem Material ruhen im Columbarium. Das bedeutet eigentlich Taubenschlag, denn es leitet sich von Columba, die Taube, her. Im Columbarium des Zentralfriedhofs sind die Urnen in Nischen in fünf Reihen in die Wände eingelassen. Vor den meisten Nischenplatten liegen Gedecke aus künstlichen Blumen und leuchten Kerzen in roten Gläsern, deren Flammen in auffällig regelmäßigem Abstand flackern. Es sind allesamt künstliche Kerzen mit Batteriebetrieb. Denn die Friedhofsverwaltung duldet laut Hinweistafel keine echten Kerzen. Diese rußen nämlich zu sehr.

"Pinsel" Königsreuther

Den schönsten Grabschmuck im Columbarium hat der unvergessene "Pinsel" Erhard Königsreuther, der 2009 dem Krebs erlegen war. Vor seiner Platte prangt eine Staffelei en miniature. Auf ihr prangt eine Fotografie, die den Pinsel zeigt, wie man ihn kennt: auf dem Berg, die Krone auf dem Haupt und den Bierkrug in der Hand. Gerne prosten wir ihm im Geiste zu.

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Morbider Charme: Der Zentralfriedhof in Erlangen

Der Erlanger Zentralfriedhof ist mit 60000 qm der größte Friedhof der Stadt. Eröffnet wurde er 1895, hier konnten Menschen aller Konfessionen begraben werden, u.a. verstorbene russische Kriegsgefangene aus dem 1. WK, gefallene des 2. WK und Verstorbene aus Heil- und Pflegeanstalten. begraben sind hier auch einige Bürgermeister der Stadt. Aussegnungshalle und Eingangstor stammen auch aus dem Jahr 1895.


In der Fußgängerzone flattern die Spatzen umher, auf dem Friedhof sind es all die kleinen Keramikengelchen. Hier feiert der Kitsch Triumph! Auch auf den Steinen selbst, deren Oberfläche funkelnde Klunkerchen zieren.

Eigentumswohnung oder Grabmal?

Nach dem Pathos des 19. Jahrhunderts muss man lange suchen, aber so mancher Universitätsprofessor nennt Grabmale sein Eigen, für die man eine Eigentumswohnung erstehen könnte.

Sehr schön macht sich das Elterngrab eines Handschuhmachers: Vater, Mutter und Kleinkind neigen sich aneinandergeschmiegt vor dem Kreuz, links und rechts davon mäht eine Sichel drei Ähren nieder. Das ist Pathos!

Wundervoll auch präsentieren sich Reliefs einer halbliegenden jungen Dame unter dem Ast einer Trauerweide. Ein Motiv, das der Steinmetz mehrfach verwendet hat.

Pyramide ohne Sphinx

Doch den Vogel schießt ein riesiges Familiengrabmal an der Friedhofsmauer ab. Auf seinem bronzenen Epitaph sitzt ein beinahe entblößter Jüngling, dessen Gewandtuch sich im Winde bauscht.

Mit 60 000 Quadratmetern ist der Zentralfriedhof die größte Ruhestätte der Stadt. Eröffnet wurde er 1895, hier konnten Menschen aller Konfessionen begraben werden.

07.04.2021


Weiter hinten ragt eine ägyptische Pyramide in den Nachthimmel. Und die Sphinx? Die müssen wir uns halt dazudenken.

Auf dem Nachbargrab geleitet uns schließlich ein schöner Spruch zum Ausgang:
"Wechselnde Pfade
Schatten und Licht
Alles ist Gnade
Fürchte dich nicht."

REINHARD KALB

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