Zufluchtsorte und schattenlose Landschaft

6.12.2011, 00:00 Uhr
Kunst aus Wladimir: Blick in die „Schnee“-Schau beim KVE.

Kunst aus Wladimir: Blick in die „Schnee“-Schau beim KVE. © Hofmann

Wahrscheinlich ist der gemalte Schnee sowieso der schönste, weil er auf den Bildern noch als weiße Pracht und nicht nur als Verkehrshindernis wahrgenommen wird: mit dem Blick von Kindern, für die der erste Schnee noch der Beginn eines großen Abenteuers ist.

Für die russische Malerei ist die verschneite Landschaft seit den Realisten des späten 19. Jahrhunderts immer ein bevorzugtes Motiv gewesen. Diese Tradition wird besonders von Alexander Sacharenko weiter geführt. Seine Malerei hebt im Kontrast zwischen Helligkeit und Dunkelheit das Unheimliche des Naturereignisses hervor.

Charakteristisch für die Weite der russischen Schneelandschaft ist auch ihre Schattenlosigkeit. Es gibt keine Hindernisse, an denen sich die Flut des Lichtes brechen könnte. Boris Schikov malt Landschaften, in denen sich das Weiß des Schnees in durchsichtigen Himmeln verliert. Die verlorenen menschlichen Behausungen nehmen sich darin wie Schemen aus: eine impressionistische Lichtmalerei.

In diesem diffusen Licht treten die Häuser, Kirchen und Dörfer, deren Erscheinung Natalia Britova durch den Wechsel der Jahreszeiten vom tiefen Winter bis zur Schneeschmelze festhält, wie unter einem Bühnenlicht hervor. Sie sind keine anonymen Behausungen, sondern reale Zufluchtsorte für den Menschen in einer menschenfeindlichen Schneewelt.

Auf eine andere Tradition beruft sich der verstorbene Kim Britov. Die Winterlandschaft erscheint bei ihm als eine ikonenhafte Einheit von menschlicher Behausung und Natur, die in expressiver Farbigkeit als Bilderzählung in der Fläche entwickelt wird.

Wie er hat sich auch Elena Sacharova mit ihren Emailbildern vom naturalistischen Motiv gelöst. Die technischen Prozesse der Emailmalerei, mit denen sie souverän umgeht, führen zu einer durchsichtigen Farbigkeit, in der die Schneelandschaft zum Märchenbild wird.

Die Figurinen der Keramikerin Natalia Pavlichina berufen sich zwar auf den „Russischen Schnee“ und tragen ihm auch in ihrem Habitus Rechnung. Vordringlich aber erzählen sie menschliche Geschichten in einer wunderbaren Mischung aus Melancholie und Humor.

Die Wladimirer Schule der Landschaftsmalerei: „Schnee“. Galerie des Kunstvereins, Hauptstraße 72. Bis 23. Dezember, geöffnet: Di., Mi. u. Fr. 15—18, Do. 15—19 Uhr, Sa. 11—14 Uhr.

 

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