Düstere Prognosen bis zum Jahr 2100

Exklusive Daten: Franken trifft der Klimawandel besonders hart

7.8.2021, 05:53 Uhr
Die Temperaturen werden im Sommer deutlich stärker ansteigen - Hitze und Trockenheit könnten auf lange Sicht fast unerträglich werden.

Die Temperaturen werden im Sommer deutlich stärker ansteigen - Hitze und Trockenheit könnten auf lange Sicht fast unerträglich werden. © imago-images/Countrypixel

Erst im Frühjahr erschütterte der vom bayerischen Umweltministerium vorgelegte Klima-Report die Öffentlichkeit: Bis zu 4,8 Grad wärmer wird es bis zum Jahr 2100 im Extrem-Szenario im Freistaat, falls weltweit kein zusätzlicher Klimaschutz angegangen wird.

Bayern wurde in sieben Klimaregionen aufgeteilt

Doch die vorgelegten Daten waren nur Durchschnittswerte für ganz Bayern. Der Klimawandel trifft aber die Alpen in einem ganz anderen Ausmaß als den Bayerischen Wald oder gar die ohnehin schon heiße und trockene Mainregion. Um sich gut auf die Klima-Zukunft vorbereiten zu können, braucht es da schon präzisere und vor allem regionalere Daten.

Die Zahlen des Landesamtes für Umwelt zeigen deutlich, wie unterschiedlich die Auswirkungen des Klimawandels in den verschiedenen Klimazonen unserer Region sind.

Die Zahlen des Landesamtes für Umwelt zeigen deutlich, wie unterschiedlich die Auswirkungen des Klimawandels in den verschiedenen Klimazonen unserer Region sind. © Landesamt für Umwelt/NN-Grafik

Deshalb hat das Landesamt für Umwelt (LfU) Bayern jetzt in sieben Klimaregionen eingeteilt, in denen in Sachen Temperatur, Niederschlag sowie den Unterschieden zwischen Sommer und Winter sehr ähnliche Bedingungen herrschen.

Unsere Region besteht aus drei Klimazonen

Neben den Alpen, dem Alpenvorland, dem Südbayerischen Hügelland und Spessart-Rhön sind das auch drei Gebiete, die unsere Region umfassen. Zwar wird sich gefühlsmäßig kaum ein Nürnberger, Fürther, Schwabacher oder Altmühlfranke der Donauregion zugehörig fühlen - und doch hat man hier klimatisch deutlich mehr gemeinsam mit Ingolstadt, Regensburg oder Passau als mit Würzburg.

Auch Bewohner der Fränkischen Schweiz sind wohl selten im T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich bin stolzer Bewohner des Ostbayerischen Hügel- und Berglandes" unterwegs – doch auch hier hat man klimatisch eben mehr Ähnlichkeiten mit Hof und Deggendorf als Gunzenhausen. Erlangen, Forchheim, Bamberg und der größte Teil Westmittelfrankens schließlich zählen schon zur heißen und trockenen Mainregion – nicht zuletzt liegen die erwähnten Städte auch regnitzabwärts von Fürth und damit tiefer.

In Zukunft wird es in den Städten immer wichtiger, Abkühlungsmöglichkeiten zu schaffen. In den Fürther Paradiesbrunnen ist sogar ein Trinkwasserdrache integriert.
 

In Zukunft wird es in den Städten immer wichtiger, Abkühlungsmöglichkeiten zu schaffen. In den Fürther Paradiesbrunnen ist sogar ein Trinkwasserdrache integriert.   © Hans-Joachim Winckler

Das Landesamt für Umwelt hat nun unserer Zeitung exklusiv die Daten für diese Klimaregionen zur Verfügung gestellt. Dadurch wird auf den ersten Blick deutlich: Franken trifft der Klimawandel noch härter als andere Regionen Bayerns. Schon jetzt.

Im Sommer erhöht sich die Temperatur noch stärker

Denn während die Jahresmitteltemperatur bayernweit zwischen 1951 und 2019 um 1,9 Grad gestiegen ist, sind es in der Donauregion bereits 2,1 Grad. "In Franken gibt es da noch eine ganz andere Dynamik", betont deshalb auch Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler).

Besonders heftig wird es in den Sommermonaten werden. Denn während die Jahresmitteltemperatur etwa in der Donauregion bis zum Jahr 2100 im Extrem-Szenario ohne Klimaschutz um bis zu 4,7 Grad ansteigen könnte, erhöht sich die Sommertemperatur in allen drei beschriebenen Klimaregionen sogar um bis zu 5,6 Grad.

Die Temperaturen im Sommer werden also noch deutlich stärker ansteigen und die heißen Monate in Franken damit fast unerträglich machen. Zur Verdeutlichung: In der Donauregion gab es im Bezugszeitraum (1971 bis 2000) lediglich fünf Hitzetage mit mehr als 30 Grad pro Jahr. Schon bis 2085 könnten es 29 sein.

Wie schafft man Abhilfe in den überhitzten Städten?

In der ohnehin schon hitzegeplagten Mainregion könnte es laut LfU künftig 32 geben. Zumindest etwas angenehmer bleibt es im Ostbayerischen Hügel- und Bergland, wo 20 Hitzetage prognostiziert werden.

Besonders problematisch wird diese extreme Erwärmung speziell im Sommer für die Städte. Hier heizen sich Beton und Stein mächtig auf, nachts kühlt die Stadt kaum mehr ab, die Menschen haben keine Erholung mehr von der Hitze. "Für den Organismus wird die klimatische Veränderung in der Stadt noch gravierender werden als auf dem Land", sagt Umweltminister Glauber.

"Wir müssen noch mehr über Stadtplanung nachdenken. Wir brauchen Frischluftschneisen, Grünflächen, Bäume in der Stadt, grüne Fassaden und Dächer", fordert Glauber. Der Regen müsse wie in einem Schwamm unter der Stadt gespeichert werden und dürfe nicht im Kanal verschwinden.

"Dann kann man das Wasser verdunsten lassen und dadurch Abkühlung schaffen oder das Wasser für die Vegetation einsetzen", erklärt Glauber, der auch hart ins Gericht geht mit den Prioritäten in manchen Städten.

"Grünflächen muss man besser verteidigen"

"Manchmal muss man sich in der Stadtplanung vor Augen führen, dass wir nicht für Asphalt und Betonfläche mit Preisen ausgezeichnet werden sollten, sondern für Grünflächen. Grünflächen muss man verteidigen, auch wenn wir Druck beim Wohnraum haben. Das erwarte ich auch von Kommunalparlamenten", sagt der bayerische Umweltminister. Grünflächen sollten deshalb einen ähnlichen Schutz genießen wie Hochwasser-Überflutungsflächen.

Noch kann man durch die radikale Reduzierung von CO2-Emissionen einen Großteil der Erwärmung aufhalten – allerdings natürlich nur, wenn diese weltweit und nicht nur in Bayern geschieht. Mit Klimaschutz könnte man die Erwärmung im Vergleich zum Bezugszeitraum im bayerischen Durchschnitt auf 1,1 bis maximal 1,6 Grad begrenzen.

Helfen soll dabei in Bayern zum Beispiel das Klimaschutzgesetz, das in seiner ersten Ausgestaltung allerdings reichlich unkonkret geriet und deshalb nun schon wieder überarbeitet werden muss. Bis zum Anfang des vierten Quartals soll der Landtag es endlich verabschieden.

Wann kommt die Photovoltaik-Pflicht in Bayern?

Das Ziel immerhin ist ambitioniert: Bis 2040 will Bayern klimaneutral sein. Der Weg dorthin ist aber in vielen Details noch reichlich umstritten. Da wäre zum Beispiel die Photovoltaik-Pflicht. Nach einer Ankündigung des Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) sollte sie schon in diesem Jahr für gewerbliche Neubauten kommen, 2022 sollten private Neubauten folgen.

Doch daraus wird vorerst nichts. Nun will man im kommenden Jahr zunächst mit den staatlichen Gebäuden starten, wobei auch hier die genaue Ausgestaltung noch unklar ist. Umweltminister Glauber jedenfalls hält die PV-Pflicht nach wie vor für sinnvoll und setzt darauf, dass rund um die Bundestagswahl neue Dynamik in die Debatte kommt.

"Ich bin überzeugt, dass wir im Sonnenland Bayern deutlich mehr können, als momentan geleistet wird. Wir sind da schon manchmal sehr speziell, was die Bedenken betrifft. Da ist mal der Denkmalschutz im Weg, manche stören sich daran, dass dann das Dach spiegelt oder man kein rein rotes Dach mehr hat. Ich glaube aber nicht, dass beim Klimaschutz nach speziell gefragt wird", verdeutlicht Glauber.

Die Klimaziele seien nur über einen technischen Transformationsprozess zu erreichen, nicht nur durch ein paar zusätzliche Bäume. Das habe eben zur Folge, das erneuerbare Energien überall sichtbar werden, auch auf den Dächern.

Der Traum des Umweltministers vom klimaneutralen Haus

"Mein großer Wunsch ist es, dass wir in den nächsten zehn Jahren zum klimaneutralen Haus kommen", sagt Bayerns Umweltminister. In Tirol oder im Tessin würden schon heute Plusenergiehäuser und moderne Baukultur in die Fläche gestellt, und das in einer traditionsreichen Landschaft.

Wichtig ist Glauber vor allem, dass die Sonnenenergie gespeichert wird – nicht nur für die Nacht, sondern auch für den Winter. Dafür könnten große Wassertanks im Sommer mit Wärme aufgeladen werden, die man dann im Winter wieder nutzen kann.

Das Heizen immerhin wird durch den Klimawandel leichter, vor allem in der Donauregion. Dort muss schon heute 33 Tage weniger geheizt werden als noch 1951 (gezählt werden hier Tage mit einer mittleren Temperatur unter 15 Grad). Bis 2085 könnte die Zahl der Heiztage um 54 Tage im Vergleich zum Bezugszeitraum abnehmen.

Schneereiche Winter gehören künftig der Vergangenheit an

Und auch Schnee und Frost wird es immer seltener geben. Die Zahl der Eistage, an denen das Thermometer nie über 0 Grad steigt, soll in der Donauregion von 30 im Bezugszeitraum auf nur noch acht im Jahr 2085 sinken, in der Mainregion wird es nur noch fünf solcher Tage geben.

Im kühleren Hügel- und Bergland bleiben zwar noch neun solcher Tage, hier ist der Rückgang von ehemals 37 solcher Tage aber besonders eklatant. Wo schneereiche Winter einstmals sicher waren, fallen künftig wohl nur noch selten viele Flocken vom Himmel.

Nicht ganz so deutlich ist der Trend bei den Regenfällen. Tendenziell soll aber im Sommer mehr und im Winter weniger Niederschlag fallen, die Summe des Jahresniederschlages wird sich wohl nicht wesentlich verändern.

Trend zu mehr Starkregen erhöht das Hochwasserrisiko

Deutlicher ist da schon der Trend zum Starkregen, der gerade im Hügel- und Bergland besonders häufig ist. Dort wird sich die Zahl der Starkregentage mit mindestens 30 Millimetern Niederschlag von 1,8 Tagen im Bezugszeitraum auf 2,7 im Jahr 2085 erhöhen.

Dadurch werden extreme Hochwasser in Zukunft deutlich wahrscheinlicher. Erst kürzlich wurde deshalb die staatliche Förderung für Schutzmaßnahmen an Gewässern dritter Ordnung, also kleineren Bächen, erhöht.

Grundsätzlich ist der Hochwasserschutz in Bayern auf ein Jahrhundert-Hochwasser ausgelegt. Bei neuen Maßnahmen wird ein Klima-Zuschlag von 15 Prozent draufgesattelt. "Damit ist man schon vor einem zweihundertjährlichen Hochwasser geschützt. Es kann aber natürlich sein, dass man in Zukunft durch vermehrte Starkregenereignisse zu der Erkenntnis kommt, dass der Klima-Zuschlag eher 25 Prozent sein sollte", erläutert Glauber.

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