Vertreter der Bahn vor Ort

Demonstrationen gegen geplantes ICE-Werk

17.6.2021, 09:38 Uhr
Tanja Holl spricht als Mitglied des Gemeinderats und Sprecherin einer Bürgerinitiative zu den Demonstranten vor der Bürgerhalle.

Tanja Holl spricht als Mitglied des Gemeinderats und Sprecherin einer Bürgerinitiative zu den Demonstranten vor der Bürgerhalle.

Sie pfeifen, hupen und rufen: Über 100 Menschen warten vor der Bürgerhalle auf die Vertreter der Bahn. Manche als stumme Beobachter, manche ausgerüstet mit Hupe oder Megafon. Mal mit kleinen und mal mit großen Transparenten. Auf ihnen stehen Sätze wie „Finger weg von uns‘rem Wald“ oder „Nein zum ICE-Werk“. Im Chor stimmen sie die Fußballhymne „Ihr könnt nach Hause fahren“ an, eine Frau folgt einem der Bahnsprecher, hält ihm ein Megafon direkt ans Ohr. Vereinzelt fallen sogar beleidigende Worte.

Unter den Demonstranten ist Ursula Siebenlist vom Bund Naturschutz: „Da werden wichtige Schutzgebiete zerstört. Es geht nicht nur um das ICE-Werk, es gibt immer mehr Eingriffe in den Bannwald: der Sandabbau, die geplante Trasse. So geht das nicht.“ Auch eine weitere Einschränkung der S-Bahn-Anbindung mache ihr Sorgen. „Der Fahrplan ist mit der Begründung fehlender Kapazität eingeschränkt. Jetzt gibt es auf der Strecke plötzlich genug Lücken für ein ganzes Werk“, wundert sie sich. Viele finden, dass es geeignetere Orte für das Vorhaben gäbe. So auch Reinhold Dresel: „Dass es ein Werk braucht, ist klar. Aber an dieser Stelle auf keinen Fall, hier wird zu viel Natur zerstört.“ Er fordert, dass die Bahn ihre Entscheidung noch mal überdenkt.


ICE-Werk: Neun Standorte im Großraum Nürnberg unter der Lupe.


Als die Sitzung um 18 Uhr startet, beruhigen sich die Demonstranten. Einige von ihnen nehmen im Saal Platz, um Karl Heinz Holzwarth, Qualitätsmanager der Deutschen Bahn, und Carsten Burmeister, Projektleiter, über das weitere Vorgehen der Planung des ICE-Werkes zu folgen. Als Holzwarth seinen Vortrag beginnt, bricht von außen wieder der Lärm einer Sirene herein. Kein Wort ist mehr zu verstehen. Bürgermeister Markus Holzammer (CSU) schließt die Tür, wenig später ist Ruhe auf dem Vorplatz. Holzwarths Stand wird nicht leichter, als er immer wieder von Mimbach spricht.

Nach ihm ist sein Kollege Burmeister an der Reihe. Beide wiederholen in ihren Vorträgen vor allem allgemeine, bereits in Burgthann genannte Informationen (wir berichteten): Warum es ein ICE-Werk brauche, welche Arbeitsschritte darin vorgenommen werden und welche Anforderungen das Werk hätte. Sie weisen auch darauf hin, dass es bisher nur um Untersuchungen gehe und es noch keinen Vorzugsstandort gäbe. Das Werk soll 3,2 Kilometer lang werden und 25 Züge gleichzeitig beherbergen können. Während die untersuchte Fläche 265 Hektar beträgt, wird das Werksgelände später nur 35 Hektar groß sein.

60 Prozent der Arbeit bei Nacht

Auf Nachfrage von Isolde Hollweck (CSU) sagt Burmeister, dass etwa 60 Prozent der Arbeit im Werk in der Nacht geschehe. Das ließe sich nicht verhindern. Während der Huptests solle eine Einhausung den Schall einfangen. „Es darf zu keiner Beeinträchtigung der Grenzwerte kommen, deswegen führen wir ein Lärmschutzgutachten durch“, sagt Burmeister. Neben dem Lärm bereitet auch die Lichtverschmutzung den Anwesenden Sorge. Auf Nachfrage erklärt Burmeister, dass an der Wendeschleife in der Nähe des alten Kanals keine Beleuchtung notwendig sei. Weiterhin fällt den Anwesenden auf, dass der geplante Standort des Werkes die bestehende B8 kreuzt. Erst auf Nachfrage wird erklärt, dass an diesem Abschnitt die B8 als Tunnel unter dem ICE-Werk verlaufen soll.

Erwin Haubner (FWG) fragt, ob das Material zum Befüllen der Züge auf der Schiene oder per LKW komme. Denn damit würde die Infrastruktur, egal ob Straße oder Schiene, noch weiter belastet. Bei der Antwort bleiben die Bahnvertreter wage. Sie würden natürlich auch prüfen, ob der Bedarf an Strom, Trink- und Abwasser gedeckt werden könne. „Wenn nicht geputzt werden kann, kann das Werk nicht kommen“ sagte Burmeister.

„Die Natur hat ein Recht auf Ruhe“

Tanja Holl (parteilos) findet klare Worte gegenüber den Vertretern der Bahn: „Wir haben ein Recht auf Ruhe, die Natur hat ein Recht auf Ruhe und deswegen werden wir keine Ruhe geben.“ Danach verdeutlicht sie noch einmal, warum der Standort ungeeignet sei. Zum einen würden passendere Plätze wie eine Industriebrache bei Ingolstadt oder die Maxhütte Sulzbach-Rosenberg ignoriert. „Es wird hier ein CO2-Speicher zerstört. Eine Aufforstung würde 30 bis 40 Jahre dauern. In unserer heutigen Zeit kann man sich so eine Naturzerstörung nicht mehr leisten. An keinem der verbleibenden neun Standorte. Ist das Klimaschutz für Sie?“ Für ihren Beitrag erntet sie Applaus.

Die genannten Alternativen erkennt Burmeister nicht als solche an. Die Fläche der Maxhütte sei mit 18 Hektar zu klein, außerdem fehle die Oberleitung. Bei dem Standort in Ingolstadt würden die Nürnberger ICEs 1,6 Millionen Kilometer im Jahr zusätzlich leer fahren und das sei in Bezug auf den Verschleiß und den Umweltschutz nicht zu rechtfertigen.
Holl weist die Anwesenden auch auf die früheren Versäumnisse der Bahn hin. Flächen wurden verkauft, die heute dringend benötigt würden. „Wir würden uns freuen, wenn es den Rangierbahnhof noch gäbe“, gibt Burmeister zu, „wir müssen aber den Blick nach vorne richten und schauen, was realistisch ist“.

Einstimmig gegen das Werk

Stoff zur Diskussion gibt es, nachdem die Vertreter der Bahn gegangen sind, kaum noch. „Wir sprechen uns einstimmig, Hand in Hand, gegen das ICE-Werk aus“, sagt Holzammer. Nacheinander befürworten Mitglieder aller Fraktionen zudem eine juristische Beratung. Marc Wunder (CSU) spricht dabei von dem parteiübergreifenden Ziel, das Werk zu verhindern. „Es ist essenziell, einen Rechtsanwalt einzuschalten und juristisch Geld für etwas zu investieren, das unser Leben generationenübergreifend verändern würde.“ So spricht sich der Gemeinderat einstimmig gegen das ICE-Werk und für rechtlichen Beistand aus. Im Oktober gibt die Deutsche Bahn bekannt, bei welchen der neuen Standorte sie ein Raumordnungsverfahren einleiten wird. Vorher aber wollen Burmeister und Holzwarth noch mindestens einmal nach Schwarzenbruck kommen und ihre Detailpläne vorstellen.

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