Die letzten drei Ordensschwestern verlassen Walburgisheim

13.7.2013, 15:30 Uhr
Sie sehen ihrem Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen: Schwester Magdalenis, Schwester Terenta und Schwester Elise (von links).

Sie sehen ihrem Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen: Schwester Magdalenis, Schwester Terenta und Schwester Elise (von links). © Kappes

„Wir sind nicht mehr die Jüngsten“, meint Schwester Magdalenis. Die 72-Jährige ist vor 55 Jahren in den Orden eingetreten. Seit 22 Jahren arbeitet sie nun schon im Walburgisheim in Feucht. Schwester Elise, geboren 1938, ist seit 27 Jahren die Ersatz-Oma für die Kinder der Einrichtung. Doch Schwester Terenta toppt sie alle: Die 93-Jährige ist ein Feuchter Urgestein. Seit 1947 werkelt, hilft und tröstet die Ordensschwester die Kinder und Jugendlichen.

Die Geschichte des Walburgisheims ist fast so alt wie Schwester Terenta selbst: Es blickt auf eine fast 90-jährige Geschichte zurück. Das Seraphische Liebeswerk gründete die Einrichtung im Jahr 1926, die bis um die Jahrtausendwende von Mallersdorfer Schwestern geleitet wurde. Mit Elfriede Prottengeier übernahm die erste „Weltliche“ die Führung. Seit März 2012 ist Norbert Clausen neuer Leiter.

Heute werden in vier Wohngruppen 36 Kinder und Jugendliche von vier bis 17 Jahren betreut. Darüber hinaus können sechs Jugendlichen fast selbstständig, im betreuten Wohnen leben. Dazu kommt das Betreuungsangebot für Kinder aus der Gemeinde: In der Hortgruppe werden 22 Schulkinder betreut, die Kinderkrippe bietet Platz für zwölf Kinder aus der Gemeinde und wird derzeit noch durch einen Neubau erweitert.

Den Heimkindern eine Heimat durch Geborgenheit geben, das war es, was die drei Nonnen all die Jahre angespornt und ihnen die Kraft gegeben hat, durchzuhalten - auch wenn es nicht immer einfach war. „Wir waren die Mädchen für alles und sind eingesprungen, wenn Not am Mann war“, erzählt Schwester Elise. „Tag und Nacht und Jahr und Tag waren wir bei den Kindern.“

Drogen, Missbrauch, Überforderung

Zeit für sich selbst blieb da kaum. Dafür war die Aufgabe zu wichtig. Denn die Kinder und Jugendlichen, die im Walburgsheim leben, kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Drogen, Missbrauch, Überforderung: Das Jugendamt holt die Kinder aus ihrem Zuhause und bringt sie nach Feucht. Keine leichte Aufgabe für das Personal, den kleinen Schützlingen wieder Vertrauen in die Welt einzuflößen.

„Ich kann gar nicht aufschreiben, was sich alles in der Kindheit geändert hat in den letzten Jahrzehnten“, sagt Schwester Terenta. Früher wären auch schon ganz kleine Kinder zu ihnen nach Feucht gekommen. „Die wachsen heute fast alle in Pflegefamilien auf“, berichtet Schwester Magdalenis. Auch dürften die Kinder öfter nach Hause zu ihren Eltern. Das mache es den Mitarbeitern nicht immer leicht. Denn viele Kinder kämen verstört und aufgedreht aus dem Wochenende zurück - und die Arbeit der Pädagogen fällt wieder ein paar Schritte zurück.

„Damals konnte man noch ganz anders mit den Kindern arbeiten“, weiß Schwester Magdalenis. Auch die Zeit ist knapper: „Alles muss dokumentiert werden.“ Der Bürokratiewahnsinn hält auf, nimmt kostbare Stunden der Fürsorge. „Heimerziehung ist schwieriger geworden“, sind sich die drei Schwestern deshalb einig. Dazu kommt der veränderte Umgang mit Statussymbolen wie Markenkleidung - „Die gab es früher höchstens mal zu Weihnachten“ - und Handys.

Da werde beim kleinsten Konflikt gleich die Mutter oder der Vater angerufen, bedauern die Schwestern. Dennoch: Das Walburgisheim ist nicht nur zur zweiten Heimat von Schwester Magdalenis, Schwester Terenta und Schwester Elise geworden, sondern auch von vielen Kindern. „Viele der Ehemaligen kommen zu uns und sagen: Wenn ihr weg seid, ist auch unsere Heimat weg“, sagt Schwester Magdalenis.

"Ich kann nicht ruhen"

Die sonst so fröhliche Frau wird dabei ganz leise und schaut für einen Moment verlegen auf ihre Hände, die schon so viel gearbeitet haben. Seit einigen Jahren sind die drei Oberpfälzerinnen bereits im Ruhestand und packen nur noch gelegentlich mit an. „Ich kann nicht ruhen, sondern muss immer etwas tun“, erzählt die 93-jährige Terenta und bewegt wie zum Beweis ihre Arme schnell hin und her.

„Doch die Finger machen nicht mehr so gut mit“; bedauert die Oberpfälzerin. Sie wird im klostereigenen Altersheim im niederbayerischen Mallersdorf leben, während Schwester Elise und Schwester Magdalenis weiterhin im Kloster tätig sind. In der WG im Walburgisheim Bislang wohnten die drei zusammen in einer WG in ihrem Haus auf dem Gelände des Walburgisheims.

Ab August werden sie mit über 360 anderen Nonnen ihren Alltag teilen. Ein wenig aufgeregt sind sie schon. Schließlich kommt da eine mächtige Umstellung auf sie zu. Die Freude überwiegt. Schließlich wussten sie alle drei von Kindesbeinen an, dass sie in einen Orden eintreten wollen. Alle kommen aus religiösen Familien: Die Cousine und die Tante von Schwester Elise sind ebenfalls Nonne. Schwester Terenta hat schon als kleines Mädchen Bilder von Kirchen gesammelt.

Im Zweiten Weltkrieg hat sie als junge Frau in einem Laden ausgeholfen, in dem die Schwestern eines nahe gelegenen Klosters zum Einkaufen kamen. Von Anfang an haben sie die Frauen fasziniert. Als sie selbst der Gemeinschaft beitrat, war sie überwältigt. „Ich hatte die Schwestern so lieb. Ich habe gewusst: Das ist richtig. Das ist mein Platz.“ Und das hat sie bis heute nicht bereut.

Großes Abschiedsfest

Genau wie die anderen zwei. Am Sonntag steigt das große Abschiedsfest. Es wird eine Kinderfeier im Hof geben und im großen Saal erwartet die drei Schwestern eine Überraschung. Auf ihre ehemaligen Schützlinge freuen sich die Frauen ganz besonders: Viele von ihnen sind zwischenzeitlich erwachsen, leben in aller Herren Länder, haben geheiratet und bringen ihre Familie mit.

Mit vielen pflegen die Ordensschwestern einen guten Kontakt, schreiben Briefe. Auch die Kinder sind untereinander gut vernetzt, über Facebook. Das sei allerdings nichts für sie, befinden die Nonnen. „Die können auch Papier und Stift zur Hand nehmen und uns schreiben.

So wie es schon immer gemacht wurde“, befindet Schwester Magdalenis resolut - und wird kurz darauf sentimental, wenn sie an die Feier am Sonntag denkt: „Da brauche ich ein Betttuch“, sagt sie. Denn ein Taschentuch allein würde bei Weitem nicht reichen, um all ihre Abschiedstränen zu trocknen.

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