Wirbel um das Gelände

Für einen umweltverträglicheren Standort: ICE-Werk kommt für Bewohner nicht in Frage

13.7.2021, 12:59 Uhr
Inge Jabs wohnt in der Waldsiedlung Weißensee. Für sie kommt ein ICE-Werk auf dem Muna-Gelände beziehungsweise südlich davon nicht in Frage, da es nur wenige hundert Meter hinter der Bebauungsgrenze liegen würde. Die Bahn soll „einen umweltverträglicheren Standort“ suchen.

Inge Jabs wohnt in der Waldsiedlung Weißensee. Für sie kommt ein ICE-Werk auf dem Muna-Gelände beziehungsweise südlich davon nicht in Frage, da es nur wenige hundert Meter hinter der Bebauungsgrenze liegen würde. Die Bahn soll „einen umweltverträglicheren Standort“ suchen.

Läuft man durch die Waldsiedlung Weißensee am Rande Feuchts, erkennt man schnell, dass für die Bewohner ein ICE-Werk nicht in Frage kommt. Beinahe an jedem Gartenzaun hängt ein Banner. Inge Jabs, Vorstandsmitglied der Wohngenossenschaft Waldsiedlung Weißensee Feucht, steht am Rande der kleinen Siedlung und zeigt den Weg in den Wald in Richtung Muna: „Hier endet das letzte Grundstück und nur 150 Meter weiter plant die Bahn das Werk. Viel weiter entfernt von unserer Siedlung können sie gar nicht bauen, dafür fehlt der Platz.“

Mitten im Wald stehen die Häuser – und damit auch mitten in einem der möglichen Standorte für das geplante ICE-Werk. Auf der Grafik (siehe unten) ist rechts am Rand ein kleiner Kasten ausgespart: die Waldsiedlung. Ein weiterer potentieller Standort südlich der Muna liegt direkt daneben. Die Ein- und Ausfahrt des Werkes läge dann über oder unterhalb der Siedlung. „Die Deutsche Bahn hatte uns zuerst gar nicht auf dem Schirm. Bei den ersten Gesprächen fanden sie heraus, dass unsere Siedlung auf der von ihnen untersuchten Fläche steht. Daraufhin haben sie einfach ein Ausschlusskriterium geändert“, ärgert sich Inge Jabs.

Und tatsächlich änderte sich die Formulierung der Kriterien Anfang Mai von „nicht im Bereich einer signifikanten Siedlung“ zu „keine unmittelbare Inanspruchnahme von signifikanten Siedlungsflächen“. Für die Anwohner ein Unding.

„Das Werk nimmt uns die grüne Lunge“

„Das ICE-Werk vernichtet im Bannwald die Natur und nimmt uns die grüne Lunge, unseren Lärm- und Luftfilter“, macht Jabs ihrem Ärger Luft und legt nach: „Ich lasse mich da auch nicht von Versprechungen von Lärmschutzwänden beeindrucken.“ Die Siedlung liegt zudem unweit vom Jägersee. Sollte das ICE-Werk südlich der Muna gebaut werden, wird für die Bewohner der Waldsiedlung der direkte Weg zum Wasser gekappt. „Ich frage mich, warum wir Gesetze zur Bannwaldausweisung machen, wenn sie einfach umgangen werden“, sagt Jabs.

Vor 20 Jahren kaufte die ehrenamtlich arbeitende Genossenschaft das Gelände. Die Geschichte der Nachbarschaft ist aber schon viel älter. Ursprünglich eine Wehrmachtssiedlung, wohnten dort Angestellte der Muna. Nach dem Krieg zogen Flüchtlinge in die Häuser. Mieter kamen und gingen, doch der soziale Anspruch blieb. Der Bund als Eigentümer wollte die Waldsiedlung über die Jahre immer wieder verkaufen. Das hinterließ bei den Mietern ein ungutes Gefühl. Um Immobilien-Spekulanten keine Chance zu geben, gründeten die Bewohner erst eine Interessengemeinschaft und schließlich die Genossenschaft.

Zehn Jahre Verhandlungen

Zehn Jahre verhandelten sie mit der ehemaligen Bundesvermögensverwaltung, bis sich beide Seiten auf einen Vertrag einigen konnten. Ein wichtiger Punkt des damaligen Vertrags ist heute eines der Hauptargumente der Anwohner gegen das ICE-Werk. „Der Giftgasbunker wurde aufwändig versiegelt“, erinnert Jabs. Das Risiko, die Atmosphäre bei einer Entfernung der Altlast aus dem Boden zu belasten, galt damals als zu hoch. „Das Gebiet wurde extra abgesichert und jegliche Nutzung untersagt. Diese Aussage hat uns ermutigt, die Siedlung zu kaufen.“

Laut Jabs ist die Entfernung der Altlast kein Argument für den Standort: „Damit soll doch nur die Bevölkerung besänftigt werden. Außerdem kann sich dort seit 70 Jahren die Natur ungestört entwickeln.“ Für das ICE-Werk müsste dann alles zerstört werden. Über die Jahre investierte die Genossenschaft viel in die alten Häuser. Sie sanierte sie, baute Dachböden aus und brachte Balköne an. Darüber hinaus sind weitere sechs bis acht Wohnungen geplant. „Wir haben ein Wohnmodell für mehrere Generationen geschaffen. Da brauche ich eigentlich nicht viel mehr erklären, warum wir uns das erhalten wollen.“

Die Notwendigkeit ist unbestritten, aber ...

Wichtig ist es der Feuchter Marktgemeinderätin zu betonen, sich nicht grundsätzlich gegen ein ICE-Werk zu stellen. Im Gegenteil: Die Notwendigkeit für das Projekt erkennt auch Jabs. „Wir brauchen eine Verkehrswende, mehr Züge und natürlich auch Orte, an denen die Züge gewartet werden. Aber das kann nicht auf Kosten der Menschen geschehen“, stellt sie klar. Für die Bahn stehe laut Jabs die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. „Die Bahn sollte an einen Ort gehen, der umweltverträglicher ist, auch wenn dieser weiter weg liegt.“ Als weiteren Protest gegen die Pläne der Bahn wollen die Anwohner der Waldsiedlung Weißensee ihre Garagen bemalen und weitere Kundgebungen planen.

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