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Immer mehr Tote: Bestatter im Nürnberger Land kommen kaum hinterher

Statistisches Bundesamt bestätigt Übersterblichkeit - 20.01.2021 17:05 Uhr

Bei Urnenbestattungen kann es aufgrund der vielen Sterbefälle derzeit zu längeren Wartezeiten kommen

20.01.2021 © Christian Geist


"Ich hatte letzte Woche drei Bestattungen und acht Trauerfeiern. In der Regel habe ich das im ganzen Monat", sagt Erhard Hupfer vom gleichnamigen Bestattungsinstitut in Leinburg. Sicher spielen bei diesem Beispiel die Feiertage eine Rolle. Und auch die Tatsache, dass er einen vergleichsweise kleinen Betrieb führt, bei dem wenige Sterbefälle stark ins Gewicht fallen, meint Hupfer. "Trotzdem habe ich es in 30 Jahren in dem Beruf noch nicht erlebt, dass vor dem Krematorium in Nürnberg zwei Kühlcontainer stehen und dass mich Krankenhäuser anrufen und fragen, ob ich nicht bitte jemanden abholen kann."

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Erst am vergangenen Freitag berichtete das statistische Bundesamt von einer Übersterblichkeit im Jahr 2020. Das heißt, dass im abgelaufenen Kalenderjahr mehr Menschen gestorben sind als im Durchschnitt der vergangenen vier Jahre. Aktuell gehen die Berechnungen bis Mitte Dezember 2020. Im April vergangenen Jahres etwa lagen die Zahlen deutlich über dem Durchschnitt der Vorjahre, mit einem Plus von zehn Prozent. In den Folgemonaten bewegten sich die Sterbefallzahlen dann zunächst wieder etwa im Durchschnitt. In den beiden Wochen vor Weihnachten übertrafen die Sterbezahlen jene der Vorjahre um 24 beziehungsweise 25 Prozent. Zur gleichen Zeit stiegen die vom Robert-Koch-Institut gemeldeten Todesfälle, die auf eine Corona-Infektion zurückgehen, deutlich an.

"Das wird uns noch verfolgen"

Regionalisierte Zahlen für das Nürnberger Land liegen laut Landratsamt noch nicht vor. Bestatter Erhard Hupfer kann aktuell zwar allen Anfragen von Angehörigen nachkommen. Aber nur, weil er vor geraumer Zeit einen dritten Mitarbeiter eingestellt hat. "Ich kann natürlich jeden Tag von früh um sechs bis abends um sieben arbeiten. Aber nicht über Monate. Da bleibt das Menschliche auf der Strecke und das ist unbefriedigend – für die Angehörigen und für mich", sagt Hupfer und richtet seine Worte ausdrücklich auch an all jene, die die Corona-Pandemie mit einer Grippewelle vergleichen wollen.


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Dabei sieht er den Virus nicht nur als direkte Todesursache. Hupfer geht davon aus, dass im abgelaufenen Kalenderjahr viele Patienten Arztbesuche und wichtige Untersuchungen haben schleifen lassen oder bei akuten Problemen zu spät ein Krankenhaus aufgesucht haben. Seiner Meinung nach tragen sie neben den Corona-Toten zur Übersterblichkeit bei. "Und das wird uns locker noch ein, zwei Jahre verfolgen."

Nimmt die Isolation den Lebenswillen?

Eine weitere Nebenwirkung der Pandemie hat sein Berufskollege Klaus Lengenfelder aus Altenthann ausgemacht. "Ich habe das Gefühl, dass Menschen, die im Heim kaum mehr Besuch bekommen, vereinsamen, sich aufgeben und schließlich früher sterben", sagt Lengenfelder, der in seinem Unternehmen einen Anstieg der Nachfrage um 15 bis 20 Prozent verzeichnet.

Bestatter Heinz Matschke aus Unterferrieden ist sich ob der Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht ganz so sicher. Zwar spricht er von einer "gewaltigen Flut an Sterbefällen im November und Dezember", doch zugleich hofft er, dass die Monate Januar und Februar nun etwas ruhiger ausfallen und sich die Statistik wieder normalisiert. Denn konstant seien die Menschen in den vergangenen 47 Jahren seiner Berufstätigkeit noch nie gestorben. Bei aller Diskussion über die Übersterblichkeit ist ihm wichtig zu erwähnen, dass Angehörige bei ihm auch bei einer Urnenbeisetzung nicht länger als zehn Tage warten müssten. Zwar habe er schon von Kollegen von Wartezeiten von bis zu vier Wochen gehört. Das liege aber nicht an Krematorien und Bestattern, sondern an Gemeinden, die die Zahl der Beisetzungen reduziert hätten. Für Matschke aufgrund von Hygieneregeln und Desinfektionsmöglichkeiten ein ausgemachter "Humbug".


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Kühlcontainer am Krematorium

Ist eine Urnenbeisetzung gewünscht, fahren Lengenfelder, Matschke und Hupfer die gleichen Krematorien an: Nürnberg und Hohenburg in der Oberpfalz - je nach Wohnort des Verstorbenen. Die Einrichtung am Nürnberger Westfriedhof machte erst vor knapp zwei Wochen Schlagzeilen, als sie zwei Kühlcontainer aufstellen ließ, um der Anzahl der angelieferten Särge Herr zu werden. Laut Hupfer dürfen Bestatter das Krematorium inzwischen nur noch mit Termin ansteuern. In Hohenburg hat man derweil die Kapazitäten hochgefahren: Statt im Zweischicht- werden die beiden Öfen dort nun im Dreischichtbetrieb befeuert. An die Kapazitätsgrenzen komme man aber sicher nicht, berichtet der Hohenburger Geschäftsführer Gerhard Büttner. Er habe dem Nürnberger Krematorium deshalb bereits seine Hilfe angeboten.

Christian Geist

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