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Lärmgutachten soll Bürgerinitiative weiterbringen

Weiter Ärger um B8 - 23.11.2020 11:49 Uhr

Weil der Schwerlastverkehr bei weitem nicht der einzige Grund für die Lärmbelastung an der B8 ist, erwägt der Verein Avanti einen Bürgerentscheid, um den Radverkehr voranzutreiben.

23.11.2020 © Archiv/Alex Blinten


Projektgruppen, Diskussionsrunden, Fahrradkorsos: Drei Jahre schon arbeitet sich die Bürgerinitiative Albtraum B8 an der vermeintlichen Schwarzenbrucker Lebensader ab. "Wir haben viel Wind gemacht, für unsere Ziele geworben und versucht, zu sensibilisieren", sagt Achim Hofmann, "aber im Prinzip ist nichts passiert". Hofmann engagiert sich in der BI B8 und gehört zugleich dem Vorstand eines jungen Schwarzenbrucker Vereins namens Avanti an. Derzeit existieren BI und Verein nebeneinander, die eine verfolgt primär das Ziel, auf der B8 Tempo 30 durchzusetzen, der andere widmet sich der künftigen Mobilität in der Gemeinde.

Erst in der Septembersitzung des Schwarzenbrucker Gemeinderats bezeichnete Verkehrsgutachter Helmuth Ammerl die B8 mit ihren täglich 23 000 passierenden Fahrzeugen als "eine der höchstbelasteten Bundesstraßen", die ihm je untergekommen sei. In seinem Gutachten taxierte er das Limit für die Verkehrsader auf rund 25 000 und präsentierte die möglichen Effekte verschiedener Tunnellösungen und Umgehungsstraßen (wir berichteten). Ziel von Bürgermeister Markus Holzammer (CSU) ist nun, die B8 in den Bundesverkehrswegeplan zu bekommen und durch bauliche Maßnahmen eine Entlastung zu schaffen.


"Albtraum B8": Ärger um Umgehung von Ochenbruck


Dieser aber wird erst 2030 fortgeschrieben. Bis in Schwarzenbruck ein Bagger anrollt, dürften weitere Jahre ins Land gehen. So lange wollen BI und Avanti nicht warten. Befürworter einer Umgehung sind sie aufgrund der einhergehenden Umweltzerstörung ohnehin nicht. Vielmehr sehen die Verantwortlichen beider Initiativen in einem Reduzieren der Geschwindigkeit den einzigen Weg, die Belastung der Anwohner durch den Verkehr auf der B8 in absehbarer Zeit zu lindern. "Zu Tempo 30 kommt man im Grunde nur über das Instrument der Lärmemission", meint BI-Sprecher Reiner Dresel, "wiederholt haben wir die Gemeinde aufgefordert, ein Lärmgutachten in Auftrag zu geben, aber auch da ist drei Jahre nichts passiert".

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Bürgermeister Holzammer steht der Forderung nach Tempo 30 eigenen Angaben nach offen gegenüber. "Wenn es nach mir ginge, würde ich sofort Tempo 30 anordnen. Aber ich kann es nun mal nicht", sagt Holzammer. Aus diesem Grund hält er es auch fragwürdig, Geld in ein Lärmgutachten zu stecken, wenn die Entscheidungsgewalt nicht bei der Gemeinde liegt. Dresel und der BI ist das zu wenig. Hatten sie im Kommunalwahlkampf doch für einen Spurwechsel nach 60 Jahren SPD im Schwarzenbrucker Rathaus geworben. "Leider hat der Spurwechsel bisher auf die Standspur geführt", sagt Dresel enttäuscht.

Vor wenigen Wochen hat sich Norbert Dambaur, ebenfalls BI-Sprecher, nun ein Handmessgerät zugelegt. Ihm und seinen Mitstreitern ist freilich bewusst, dass seine Messdaten vor keinem Gericht Bestand hätten. Doch sie zeigen eine Tendenz. Sowohl tagsüber als auch nachts werden die im Bundes-Immissionsschutzgesetz definierten Grenzwerte von 64 beziehungsweise 54 Dezibel zwischen Tankstelle und Rathaus toujour gerissen. Die Lärmspitzen erreichen an Dambaurs Carport sogar mehr als 100 Dezibel: Das entspricht in etwa der Lautstärke von Motorsägen und Diskomusik. Vereins- und BI-Vertreter stützen ihre Argumentation für ein Tempolimit vor allem auf eine Studie des Umweltbundesamts aus dem Jahr 2016. Darin heißt es unter anderem: "Tempo 30 führt in der Mehrzahl der untersuchten Fälle zu wahrnehmbaren Lärmentlastungen. Dazu tragen vor allem nachts auch die geringeren Lärmspitzen bei."

Ein Problem, das Schwarzenbruck schon lange beschäftigt: Bereits 1994 wendet sich die Klasse 5a der Volksschule an den damaligen Bürgermeister Albrecht Frister. Ihre Kritik: zu viel Verkehr auf der B8.

23.11.2020 © Christian Geist


Dem Staatlichen Bauamt in Nürnberg ist das Problem bekannt. Dessen Leiter Andreas Eisgruber spricht von "deutlich hörbaren Überschreitungen", wenngleich ihn die Lärmspitzen nicht so sehr interessieren. "Ein einzelnes Fahrzeug, das besonders laut die Straße entlangfährt, das kann ich leider nicht verhindern", sagt er und erklärt damit, weshalb seine Behörde den Lärm an der B8 nicht misst, sondern berechnet: anhand des durchschnittlichen Verkehrsaufkommens. Auf den Lärm an der Bundesstraße mit Tempo 30 zu reagieren, hält Eisgruber für keine sinnhafte Idee. 2011 sei auf die Straße ein lärmminderner, im Volksmund als Flüsterasphalt bezeichneter Belag aufgebracht worden. Dieser entfalte seine Wirkung erst in einem Geschwindigkeitsbereich von etwa 50 Stundenkilometern. "Der Belag dämpft nur, was zwischen Reifen und Fahrbahn passiert. Bei langsamen Geschwindigkeiten aber dominieren die Motorengeräusche", sagt Eisgruber, "darum ist es bei Tempo 30 genauso laut wie bei Tempo 50, auch wenn man das individuell anders empfinden mag".

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Deshalb setzt seine Behörde in Schwarzenbruck weiterhin auf passiven Lärmschutz, etwa den Einbau von Schallschutzfenstern an betroffenen Wohnhäusern. Daran dürften auch die Tatsachen nichts ändern, dass der Gesetzgeber erst in diesem Sommer die Schallschutzgrenzen weiter gesenkt und für das Frühjahr eine neue Formel für die Berechnung des Lärms angekündigt hat. Exemplarisch führen Dresel, Dambaur und Hofmann in ihrer Argumentation die Gemeinden Schallstadt und Ehrenkirchen in Baden-Württemberg an. Dort gilt auf der B3 bereits seit 2014 eine erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h. Für Michael Jenne, den zuständigen Mitarbeiter der Ehrenkirchener Bauverwaltung, noch immer die "perfekte Lösung". Die Zahl der Fahrzeuge habe sich halbiert, die Klagen über den Lärm sind verstummt. In Ehrenkirchen hat tatsächlich ein Lärmgutachten den Ausschlag gegeben, angestoßen allerdings nicht von der Gemeinde selbst, sondern von Landratsamt und Regierungspräsidium.

Bei seinem Besuch im Gemeinderat sprach Verkehrsgutachter Ammerl nicht nur über die absolute Zahl der Fahrzeuge. Er schlüsselte den Verkehr auch nach dessen Start und Ziel auf. Demnach gehören 54 Prozent aller Autos, Lastwagen und sonstiger Fahrzeuge dem Durchgangsverkehr an, alle anderen bewegen sich innerhalb Schwarzenbrucks oder haben zumindest Start oder Ziel in der Gemeinde. Beim innerörtlichen Verkehr will nun Avanti ansetzen. Der Verein hat sich der Mobilität von morgen verschrieben und möchte die Gemeinde fahrradfreundlicher machen: unter anderem mit Lastenrädern, abschließbaren Fahrradboxen am Bahnhof, Fahrradstraßen, breiteren Radwegen und vielem mehr. "Man muss die Ortsteile an der B8 attraktiv für den Fahrradverkehr machen, damit die Menschen umsteigen", sagt Hofmann.

Weil die Gemeinde dabei aber zu wenig Initiative zeige, diskutiert man bei Avanti nun einen Bürgerentscheid. Die Idee ist, alle Einzelmaßnahmen zugunsten des Radverkehrs in einem Konzept zu vereinen und dieses zur Abstimmung zu bringen. Dazu müssten die Initiatoren zunächst einmal Unterschriften sammeln. Jeder zehnte Einwohner der Gemeinde müsste sich eintragen, um einen Bürgerentscheid herbeizuführen. "Die Hürde ist nicht klein", meint Hofmann, "aber wir trauen uns das zu". Ob dieser Weg tatsächlich eingeschlagen wird, muss der Verein erst noch entscheiden. Je nach Verlauf der Corona-Pandemie und der Möglichkeit von Veranstaltungen soll die Entscheidung noch in diesem Jahr oder spätestens im ersten Halbjahr 2021 fallen. "Die vergangenen drei Jahre sollen nicht umsonst gewesen sein. Würden wir jetzt hinwerfen, hätte die Aussitz-Strategie des Rathauses Erfolg gehabt", meint Dresel, "aber mit Avanti haben wir eine Blutauffrischung bekommen. Wir werden so schnell nicht aufgeben".

Christian Geist

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