Samstag, 21.09.2019

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Feuchtwangen: Kleine Flugroboter surren über dem Campus

In der Außenstelle der Hochschule Ansbach geht es um Bautechnik und um Drohnen - 26.08.2019 06:00 Uhr

Gernot Vogt (li.) und Helmut Roderus vor dem neuen Campus am Ortseingang von Feuchtwangen. In dem optisch relativ unspektakulären Kubus ist hochmoderne Gebäude- und Klimatechnik verbaut, auf dem Gelände lassen die Studierenden der „Drohnenakademie“ hin und wieder ihre ferngesteuerten Fluggeräte kreisen. Für intelligente Drohnen gibt es nämlich auch im Bauwesen vielfältige Einsatzmöglichkeiten. © Foto: André Ammer


Als "ein leuchtendes Beispiel für den Klimaschutz" bezeichnete sie Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU), doch auf den ersten Blick sieht die neue Außenstelle der Hochschule Ansbach relativ unspektakulär aus. Der holzverkleidete Kubus am Ortseingang von Feuchtwangen wirkt eher wie das Domizil einer kleinen örtlichen Firma; nur die Photovoltaikzellen auf dem Dach und die beiden Ladestationen für E-Autos auf dem Parkplatz deuten darauf hin, dass beim Bau auf Nachhaltigkeit geachtet wurde.

Wenn Gernot Vogt, der Koordinator des Studien- und Technologiezentrums, jedoch all die technischen Raffinessen erklärt, die im und am Campus Feuchtwangen verbaut wurden, dann kann der Laie nur staunen, was in Sachen ressourcenschonende Gebäude- und Klimatechnik inzwischen alles möglich ist. Das beginnt schon im Erdreich neben dem Hochschulgebäude, denn als Heizung dient ein sogenannter Eisspeicher.

Rund 300 Kubikmeter Wasser lagern in einem unterirdischen Behälter, und wenn dieses Wasser im Winter gefriert, wird bei dem Kristallisationsprozess Energie freigesetzt. Diese Energie wird dann über ein mit einem Wasser-Glykol-Gemisch gefülltes Rohrsystem aufgenommen und zu einer Wärmepumpe weitergeleitet. "Im Sommer dagegen, wenn das Eis allmählich schmilzt, können wir das für die Kühlung des Gebäudes nutzen", erklärt Vogt.

Weitere moderne Technologien wie ein nach einem ähnlichen physikalischen Prinzip arbeitender Heizzaun oder die Fassadenlamellen aus unbehandeltem Douglasienholz, durch die der Wind strömen und das Gebäude auf diese Weise klimatisieren kann, sorgen dafür, dass der neue Campus ein Plus-Energie-Gebäude ist. Das heißt, dass auf dem Areal im Jahresverlauf mehr Energie gewonnen wird, als das Gebäude für den Betrieb benötigt.

Bereits ein zweites Gebäude geplant

"Mit dem Strom, der durch die Photovoltaikzellen produziert wird, kann man zwölf Zwei-Personen-Haushalte versorgen", erzählt Vogt stolz. Die hier Studierenden bekommen also direkt vor der eigenen Haustür vor Augen geführt, was umweltbewusste Bauherren in Sachen "Nachhaltige Gebäudetechnik" – so heißt die Studienrichtung in der neuen Außenstelle in Feuchtwangen – schon jetzt alles an Optionen haben.

Im Wintersemester 2015/2016 hat der Lehrbetrieb in dieser neuen Studienrichtung begonnen, für die sich damals drei Studierende des Studiengangs Angewandte Ingenieurswissenschaften entschieden hatten. Seitdem hat sich die Zahl der Studenten jedes Jahr in etwa verdoppelt, und in absehbarer Zeit soll der Campus um ein zweites Gebäude erweitert werden. Angesichts des Klimawandels bekommt das Thema nachhaltiges Bauen eine immer zentralere Bedeutung, Fachleute auf diesem Gebiet sind auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt.

"Die ersten drei Studierenden schreiben nun nach sieben Semestern ihre Bachelor-Arbeit, einer davon hat bereits einen Job", sagt Gernot Vogt. Zudem versuche man, eng mit der Bayerischen Bauakademie zusammenzuarbeiten, die direkt neben dem Campus ihren Sitz hat.

Mittlerweile laufen auch mehrere über Drittmittel finanzierte Forschungsprojekte in der neuen Außenstelle der Hochschule Ansbach, die außerdem durch die ebenfalls neu gegründete "Drohnenakademie Bayern" unterstützt wird. Die immer intelligenteren Flugroboter ermöglichen ebenfalls zukunftsweisende Anwendungen am Bau, und so surren immer wieder Drohnen über die Felder und Wiesen neben dem Hochschulgebäude.

"Hier ist der Einsatz unbedenklicher als auf unserem Campus in Ansbach, wo ja alles ziemlich dicht bebaut ist", erklärt Professor Helmut Roderus, Gründungsdekan der Fakultät Medien der Hochschule Ansbach und Initiator dieser Drohnenakademie. Man habe in dieser Hinsicht schon Lehrgeld bezahlt, denn die allererste Drohne der neuen Hochschuleinrichtung sei dort bei Dreharbeiten – wahrscheinlich wegen eines technischen Fehlers – abgestürzt. Darum sei der sichere und rechtskonforme Umgang mit den ferngesteuerten Fluggeräten ein Schwerpunkt dieser neuen Studienrichtung.

Kontrollflüge mit Wärmebildkameras

Drohnen spielen eine immer wichtigere Rolle im Medienbereich, und so haben Roderus’ Studenten unter anderem schon den Bayerischen Rundfunk mit Luftaufnahmen von der BR-Radltour unterstützt oder ein E-Learning-Video für das Bezirksrathaus in Ansbach gedreht. "Jetzt wollen wir aber zusätzlich den Spagat zu den angewandten Wissenschaften schaffen, und da gibt es eine Fülle von Möglichkeiten", sagt der Dozent. Zum Beispiel könne man bei Bauprojekten die unterschiedlichen Bauphasen dokumentieren oder mit Hilfe von Wärmebildkameras die Dämmung von Gebäuden prüfen – und das alles erheblich präziser und kostengünstiger als mit den bisherigen Mitteln.

Eine weitere interessante Anwendung ist die Photogrammetrie, bei der Drohnen ein Gebäude abfliegen und dabei abertausende von Fotos machen. Mit Hilfe einer speziellen Software kann dann eine extrem detaillierte dreidimensionale Abbildung generiert werden, und ein 3D-Drucker könnte dann ein maßstabsgetreues Modell des erfassten Gebäudes fertigen.

"In der Architektur und beim Denkmalschutz sind da eine ganze Reihe von Anwendungen denkbar", erklärt Helmut Roderus. Inzwischen arbeite man auch mit der Universität Würzburg zusammen, wo man sich mit der Entwicklung von neuen Drohnen beschäftigt.

All diese neuen Möglichkeiten wie auch die Klimatisierung eines Gebäudes mittels eines Eisspeichers seien erst durch die Digitalisierung möglich geworden, ergänzt Gernot Vogt. "Die Steuerungstechnik für solche Entwicklungen ist sehr komplex, da ist eine ganze Menge Knowhow dafür nötig." Und dieses Knowhow in Sachen klimafreundlicheres Bauen soll in Feuchtwangen kontinuierlich ausgebaut werden. 

ANDRÉ AMMER

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