Montag, 18.11.2019

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1989 von der DDR nach Forchheim: Herzlich von Familie Schmitt aufgenommen

Jürgen Mischke und Peter Weiland sind bis heute dankbar - 09.11.2019 12:20 Uhr

Peter Weiland (links) und Jürgen Mischke (3. v. l.) wurden als DDR-Bürger 1989 von Annelore (rechts) und Reinhold Schmitt (2. v. l.) aufgenommen. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls haben sie sich getroffen und haben ihre einmalige Geschichte erzählt. © Foto: Berny Meyer


 Als sich am Abend des 9. November 1989 die Schlagbäume an den Grenzübergängen zwischen der DDR und der BRD öffneten, war Jürgen Mischke schon da. Noch nicht lang und noch nicht so, dass er es wusste: Aber er war angekommen. In Forchheim, der Stadt, die zu seiner zweiten Heimat werden sollte.

Drei Tage zuvor war er mit seinem Kumpel Peter Weiland aus Gröditz in Sachsen über die Tschechoslowakei in die BRD eingereist. Abgefahren ohne zu wissen, ob sich ihr Vorhaben überhaupt in die Tat umsetzen lässt. Nun saß er beim Forchheimer Heimatdichter Reinhold Schmitt und seiner Frau Annelore auf dem Sofa – und schaute gemeinsam mit ihnen gebannt auf die Fernsehbilder.

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"Ich konnte es nicht glauben", sagt er. Dass die Demonstrationen zu einer friedlichen Revolution werden könnte, daran habe er nicht zu glauben gewagt. "Durch meine Erfahrungen und meine Vorgeschichte habe ich ja gewusst, wie unmenschlich das System sein konnte", erklärt der heute 72-Jährige.

Innere Abkehr

Jürgen Mischke ist 35 Jahre alt, als er der DDR im Geiste den Rücken kehrt. Er war engagiert vorher, sagt er. Damit er seine Meisterausbildung als Industrieschmied machen konnte, war er in die SED eingetreten. Auch in der Kampfgruppe, einer Art paramilitärischer Organisation in großen Betrieben, war er aktiv. Zudem Gewerkschaftsfunktionär. Doch die großpolitische Wetterlage Ende der 1970er und Anfang der 80er Jahre, die Aufrüstung, der Nato-Doppelbeschluss und auch der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan ließen Zweifel aufkommen.

Eine schier endlose Schlange von DDR-Autos staut sich vor dem Grenzübergang bei Schirnding an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze, aufgenommen am 5. November 1989. © Foto: Claus Felix/dpa


Dazu kam eine erste persönliche Erfahrung mit dem "System DDR": "Ich sollte eigentlich nach der Meisterausbildung als Lehrmeister anfangen", erzählt der gelernte Industrieschmied. Er habe sich auf die Aufgabe in seinem Betrieb, dem VEB Stahl- und Walzwerk Gröditz, gefreut. Doch plötzlich stand sie nicht mehr zur Debatte. Auf die Frage nach dem Warum, erhielt er die Antwort: "Ihre Frau ist eben nicht zur Wahl gegangen." Wenn es mit der Tätigkeit als Lehrmeister noch etwas werden soll, sollte er doch mal darüber nachdenken, sich von ihr zu trennen, habe man ihm geraten.

"Ich wurde beruflich abgekanzelt"

"Da habe ich einen Strich gezogen", sagt er – und sich etwas getraut, was Einfluss auf sein gesamtes weiteres Leben als DDR-Bürger hatte: "Ich habe mein Parteibuch an die SED-Kreisleitung geschickt." Die Konsequenz: "Ich wurde beruflich abgekanzelt. Als Meister war ich nicht mehr tragbar."

Dabei blieb es natürlich nicht. 1989 dann gab es einen Punkt, an dem Jürgen Mischke nicht mehr in seinem Heimatland bleiben wollte. Gemeinsam mit seiner Frau, sie hat eine Ausbildung als Köchin und war Küchenleiterin in seinem Betrieb, hatte er einen Gasthof im Nachbarort übernehmen wollen. Alles war schon eingeleitet. "Das Fest zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober haben wir schon ausgerichtet", erzählt er. Unmittelbar danach kam die Absage. "Es hat einer bekommen, der in der Partei war."

Entscheidung zur Ausreise

Die Nachricht traf ihn hart. "Ab da ging es nicht mehr, ich wollte nur noch eins: raus". Das gesellschaftliche Klima hatte sich zu dieser Zeit bereits geändert: die Fluchtbewegungen über die ungarisch-österreichische Grenze, Montagsdemonstrationen, die Einreise der Fluchtwilligen aus der Prager Botschaft in die BRD – im Nachhinein ist klar: Das Ende der DDR war absehbar. Damals aber wusste keiner, wie es weiter geht, auch nicht Jürgen Mischke, als er am Abend des 4. November 1989 mit seinem Freund Peter Weiland die Entscheidung zur Ausreise traf.

Am nächsten Morgen setzten sie sich in Mischkes Lada. Nur mit Jacke und ohne viel Gepäck fuhren sie in Richtung Tschechoslowakei. Es sollte nur ein Tagestrip am Sonntag sein, war die offizielle Version. "Meiner Frau hatte ich gesagt, ich bringe jemanden zur Grenze, der raus will. Dass ich selbst weg wollte, wusste sie nicht", erzählt der Sachse.

Unterwegs hörten die Freunde, dass die Tschechen den Grenzübergang Schirnding aufgemacht hatten – und waren damit nicht die einzigen. "Als wir dort ankamen, sahen wir Schlangen von Trabis, tausende von Leuten, die darauf warteten, ausreisen zu können." Langsam ging es voran, im Schritttempo, aber immerhin.

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"Kurz vor Mitternacht überquerten wir die Grenze", erzählt er und ist noch immer beeindruckt: Wie ruhig und bedacht die Grenzposten den Andrang bewältigt haben, wie organisiert das Aufnahmeverfahren ablief – trotz der Ausnahmesituation, wie engagiert die BRD-Bürger waren, die Suppe und Tee brachten. All das werde er nicht vergessen, sagt Jürgen Mischke.

Ein erstes Ziel war für Peter Weiland und ihn klar: Forchheim. "Peter hatte dort Verwandtschaft, eine Cousine seiner Mutter." Und so kamen die beiden am 6. November mit ihrem Lada vor dem Haus von Annelore und Reinhold Schmitt an.

Ankunft in Forchheim

Die ahnten nichts von den plötzlichen Besuchern. "Ich will gar nicht verraten, was ich gesagt habe, als Peter und sein Freund vor der Tür standen", erzählt Annelore Schmitt. Nur soviel: "Ich war natürlich zu Tränen gerührt." Sofort habe sie den Sohn ihrer Cousine wiedererkannt. Die Schmitts hatten regelmäßigen Kontakt zu Annelores Verwandten in der DDR. Erst zwei Jahre zuvor besuchten sie Gröditz. Dass Peter und sein Freund nun bei ihnen in Forchheim bleiben konnten, war für das Ehepaar gar keine Frage.

Und das wiederum überraschte die Gerade-Eingereisten: "Eigentlich wollten wir nur guten Tag sagen und dann weiterfahren", erzählt Mischke und schmunzelt: "Aber die Schmitts haben uns nicht weggelassen." So zogen die beiden jungen Männer in die Einliegerwohnung, in der früher Reinhold Schmitts Mutter gelebt hatte, wurden von ihm mit Kleidung versorgt und waren für drei Monate Teil der Familie. So saßen sie am 9. November bei ihnen auf dem Sofa und verfolgten im Fernsehen die Ereignisse in der DDR.

Zwei Tage später feierte Annelore ihren Geburtstag. "Mit Biskuitstäbchen habe ich ein Brandenburger Tor auf meinen Geburtstagskuchen gelegt", erzählt sie und fügt an: "Um halb zwölf nachts kamen die Trabis." Darin Frau und Tochter von Jürgen Mischke und weitere Verwandte und Freunde der Schmitts. Luftmatratzen wurden aufgepustet, die Vereinigung gefeiert. "Es war eine bewegte Zeit damals", sagt Annelore Schmitt.

Neustart in Forchheim

Jürgen Mischke ist sich sicher: "Ohne die Familie Schmitt hätten wir es schwerer gehabt." Alle waren aufgeschlossen, in der großen Bekanntschaft waren die zwei "Ossis" die Sensation. Die Schmitts nahmen keine Miete, halfen bei Behördengängen und bei der Arbeitssuche. "Das hat uns so viele Türen geöffnet und den Start so sehr erleichtert, dafür bin ich ihnen heute noch dankbar", sagt er.

Jürgen Mischke bekam zunächst eine Stelle als Dreher in Eggolsheim. Im Januar holte er seine Frau und seine Tochter Jana von Gröditz nach Forchheim. Die 16-Jährige kam aufs Gymnasium. Die Familie bezog eine Wohnung in der Merianstraße. Weil es seine Frau etwas schwerer hatte bei der Jobsuche, entschied sich das Paar wieder für die Gastronomie: 1990 übernahmen sie das Vereinsheim des VfB, 1992 bis 2005 führten sie das Bräustübl in der Innenstadt – Forchheim wird zu ihrer zweiten Heimat. Auch für Peter Weiland, der ebenfalls noch hier lebt.

Dafür ist Jürgen Mischke dankbar. Allen Forchheimern, die ihm den Neustart ermöglicht haben, insbesondere aber Reinhold und Annelore Schmitt. Zum 30. Jubiläum des Mauerfalls wollte er diesen Dank öffentlich aussprechen – und erzählte deshalb seine Geschichte in den NN.

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