30 Euro für einen Hotspot

3.2.2019, 20:04 Uhr
30 Euro für einen Hotspot

© Foto: Horst Linke

Kommuniziert wird über WhatsApp, Facebook, Twitter. Die schönsten Bilder gibt’s bei Instagram, die beste Musik bei Spotify. Wir kaufen im Netz ein und suchen auch unsere Partner im Netz. Kurz gesagt: Alle sind online und das Smartphone in der Hand ist längst so selbstverständlich wie der Schuh am Fuß.

Laut Bitkom (dem größten deutschen Verband für IT, Telekommunikation und neue Medien) nutzten 2018 bereits mehr als die Hälfte aller Bundesbürger ab 14 Jahren ein Tablet und 81 Prozent ein Smartphone. Das sind rund 56 Millionen Menschen, die mit ihrem Mobiltelefon fast ständig im Internet unterwegs sind — und das nicht nur in den eigenen vier Wänden oder am Arbeitsplatz: Die Verbindung ins weltweite Netz soll auch während des Familienausfluges in der Fränkischen Schweiz stehen.

Spätestens da aber klaffen sie — die berühmt-berüchtigten "Funklöcher". Mobilfunk oder gar freies öffentliches WLAN sind hier ungefähr so präsent wie Markus Söder in Berlin. Doch wie der Ministerpräsident als frischgebackener CSU-Chef nun öfter in die Hauptstadt muss, sollen die unzähligen "weißen Flecken" auf der digitalen Landkarte seiner Heimat gestopft werden.

"Bayern wird das erste Bundesland mit einem eigenen WLAN-Netz. Bis zum Jahr 2020 werden an die 40 000 Hotspots im BayernWLAN kostenfrei zur Verfügung stehen", wirbt das Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung (LDBV) auf seiner Internetseite. Unter diesem Namen firmiert die Behörde, die dem bayerischen Finanzministerium untersteht, seit Ende 2013 — also genau zu jener Zeit, als Söder dort Hausherr wurde.

Auf dem Walberla geht nichts

Der netzaffine Nürnberger ließ schon damals keinen Zweifel daran, dass die Digitalisierung des Freistaats ganz oben auf seiner politischen Agenda steht. Auch das "BayernWLAN", das 2016 in Angriff genommen wurde. Seitdem, verkündet das LDBV, seien bereits über 12 000 öffentliche Hotspots in Betrieb gegangen "und es werden zur Zeit monatlich 470 000 Gigabyte Daten von rund 4,1 Millionen Nutzern umgesetzt". Große Zahlen, hehre Ziele, die auf dem Papier durchaus Eindruck machen.

Anders sieht es aus, wenn man beispielsweise auf dem Walberla steht und mit dem Smartphone die Homepage des LDBV abrufen will: Keine Verbindung, heißt es dann. Hinzu kommt, dass das BayernWLAN an den kommerziellen Netzbetreiber Vodafone gebunden ist – und der Freistaat zunächst nur die Einrichtungskosten für zwei kommunale Hotspots fördert.

"BayernWLAN und Co. sind halt staatliche Leuchtturmprojekte", meint Steffen Winkler. Der 59-jährige Forchheimer ist ein "Freifunker" und hat damit, wie er es nennt, ein "digitales Ehrenamt" übernommen. Um die Jahrtausendwende in Berlin entstanden, hat sich der Freifunk als dezentrales, nichtkommerzielles und vor allem offenes Netzwerk von Privatpersonen etabliert, an dem sich inzwischen auch Gewerbetreibende, Vereine und öffentliche Einrichtungen beteiligen. Das Ziel der Bürgerinitiative: ein flächendeckendes, drahtloses WLAN-Netzwerk aufzubauen – ohne Restriktionen, ohne Werbung und vor allem kostenlos. Jeder, der sich in der Nähe eines Freifunk-Hotspots befindet, kann sich mit dem Netz verbinden.

Einsatz für Asylunterkünfte

Getragen wird das Projekt von all jenen, die bereit sind, ihren privaten Internetzugang mit der Allgemeinheit zu teilen. Auf Steffen Winklers Handy ploppte damals in einem Wirtshaus in der Fränkischen Schweiz rein zufällig das freie WLAN des "Freifunks Franken" auf seinem Handy auf. Seitdem ist er dabei, baut in seiner Freizeit zusammen mit anderen Freifunkern in und um Forchheim Netze für die Allgemeinheit auf. Daneben druckt er Flyer und Broschüren, die auf die ehrenamtliche Arbeit aufmerksam machen. Denn: "Freifunk ist ein "Mitmach-Netz", sagt Winkler.

Deshalb gibt es auch keine Führungsgremien oder Hierarchien, es werden keine Mitgliedsbeiträge fällig, niemand muss sich vor einem Geschäftsführer verantworten. "Man kann uns eine Graswurzelbewegung nennen oder eine offene Interessengemeinschaft", sagt Sebastian Beck. Am liebsten aber bezeichnet der Erlanger sich und seine Freifunk-Kollegen als "Community. Der 29-Jährige ist ähnlich wie Steffen Winkler zufällig auf den Freifunk gestoßen, als er in Erlangen beim Döner-Essen war. Seine Motivation ist es, der Allgemeinheit mit seiner Technikbegeisterung "etwas zurückzugeben". Und sich für das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit und Zugang zu Information einzusetzen: Schon früh halfen die Freifunker mit, viele dezentral errichtete Flüchtlingsunterkünfte in der Region mit kostenlosem WLAN zu versorgen.

30 Euro für einen Hotspot

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Eine lose organisatorische Gliederung der Freifunker gibt es mit einer Art Dachverband (in Berlin), verschiedenen Regionalverbänden und über 400 Ortsgruppen. Gleichwohl können sowohl die Regionalverbände wie auch die lokalen Gruppen autonom arbeiten. Die fränkischen Communitys – in den Ballungsräumen Nürnberg, Fürth und Erlangen, aber auch in ländlichen Gemeinden wie Eckental, Forchheim und Ebermannstadt – haben sich im April 2009 zum Freifunk Franken zusammengeschlossen. Dazu kommen weitere Gruppen, beispielsweise in Rothenburg, Ansbach und Schwabach, die losgelöst von der Infrastruktur des Freifunks Franken eigene Netze aufbauen.

Muss man ein Technikexperte sein, um Freifunker zu werden? "Nein, überhaupt nicht", sagt Sebastian Beck. Wie Steffen Winkler kommt der 29-Jährige zwar aus der IT-Branche, bringt somit reichlich Fachwissen mit an Bord. "Und ja", gesteht Beck, "ich und viele andere sind schon kleine Nerds." Aber der größte Vorteil des Freifunknetzes sei seine Einfachheit: Mit geringem finanziellem Aufwand kann in kurzer Zeit ein öffentlicher Hotspot entstehen.

Dazu braucht es nur einen speziellen Router, der an den bereits bestehenden privaten Router angeschlossen und dann mit einer Freifunk-Software bespielt wird (siehe Grafik). Die Software (und ebenso eine Liste der entsprechenden Router) kann kostenlos auf www.freifunk-franken.de heruntergeladen werden. Dort gibt es auch eine detaillierte (und für Einsteiger verständliche) Anleitung zur Einrichtung des Netzes. Die Kostenrechnung fällt denkbar übersichtlich aus: rund 20 Euro für einen Einsteiger-Router, ein Netzwerkkabel für fünf Euro und der Stromverbrauch des Geräts, der vielleicht vier Euro im Jahr ausmacht. 30 Euro also – und das Freifunker-Dasein ist bezahlt.

Antenne auf dem Dach

Die Zusammenarbeit mit den Gemeinden beim Aufbau der öffentlichen WLAN-Versorgung gestaltet sich bislang eher schleppend: Im breit versorgten Großstadtgebiet Nürnberg/Fürth müssen Freifunker oft noch im Privaten tüfteln. In Erlangen dagegen funktioniert die Zusammenarbeit sehr viel besser, die Freifunker arbeiten Hand in Hand mit der Stadt und dem Citymanagement.

30 Euro für einen Hotspot

© Foto: Freifunk Franken

Auch in Forchheim kooperieren Rathaus und Freifunk. Die dortige Stadtverwaltung hat sich übrigens bewusst gegen das BayernWLAN entschieden, wie Forchheims Wirtschaftsförderer Viktor Naumann erklärt. "Wir setzen bei unserem eigenen Stadtnetz lieber auf einen regionalen Anbieter statt auf Vodafone", so Naumann. Genutzt wird "FoOne", die Eigenmarke der Stadtwerke Forchheim.

Innenstädte schön und gut – außen vor bleiben oft Randbereiche und Kommunen auf dem flachen Land. Auch hier bieten die Freifunker eine Alternative, oft genügt schon ein bisschen Platz auf dem Hausdach, das ein Gönner zur Verfügung stellt: Mit sogenannten Richtfunkantennen, die wie kleine Satellitenschüsseln aussehen, sind die ehrenamtlichen Digitalarbeiter dabei, ein weiträumiges Übertragungsnetz aufzubauen. Die Antennen machen eine Datenübertragung über große Distanzen möglich, die selbst kleinste Weiler mit Internet versorgt. Orte also, die in den Funkmasten-Überlegungen der großen Anbieter von keinerlei Interesse sind.

Wie aber sind jene Privatleute geschützt, die einen Freifunk-Router aufstellen – und damit selbst zum Internetanbieter, zum "Provider" werden? Ein Beispiel, das bis vor Kurzem alles andere als abwegig war: Jemand loggt sich in einen freien Hotspot ein und lädt sich Kinderpornos herunter, begeht also eine Straftat – und am Ende kann dafür auch der Netzanbieter rechtlich belangt werden.

Erst im Juni 2017 schaffte der Bundestag diese sogenannte Störerhaftung für Betreiber von WLAN-Netzen in Deutschland ab. Im Zuge dieser Gesetzesänderung besitzt auch der Freifunk Franken inzwischen das "Ordensprivileg". Er genießt, wie die großen Telekommunkationsanbieter, einen rechtlichen Sonderstatus und muss in der Regel keine rechtlichen Konsequenzen fürchten, wenn ein Freifunk-Nutzer eine Straftat im Internet begeht. "So schützen wir die Aufsteller auch rechtlich", erklärt Winkler.

Eines verbindet ohnehin alle Freifunker, ein moralischer Ethos: "Kein Schindluder mit den Nutzerdaten treiben", formuliert es Sebastian Beck. "Denn theoretisch wäre das möglich, die Daten kommen ja unverschlüsselt bei unseren Freifunk-Servern an." Allerdings würde die Einsicht, die Weiterverarbeitung oder gar der Verkauf solcher Daten dem Kern des Freifunkerwesens widersprechen. Und weil auch volle Transparenz ein Freifunk-Motto ist, können im Internet auf https://monitoring.freifunk-franken.de der Status und die Knotenpunkte sämtlicher Freifunk-Router Frankens betrachtet werden. In Echtzeit. Und von allen.

So funktioniert der Freifunk Franken:

Wer sich über einen Freifunk-Hotspot einloggt, gelangt nicht direkt ins Internet: Das Signal durchläuft zunächst einen gesicherten VPN-Tunnel ("virtuelles privates Netzwerk") und kommt dann bei einem Freifunk-Rechner (dem Server) an, der in einem Rechenzentrum steht. Erst danach wird die Verbindung mit dem Internet hergestellt.

Der private Datenverkehr eines Freifunk-Anbieters beziehungsweise "Aufstellers" ist vom Datenverkehr der Nutzer des offenen WLAN also abgekoppelt, weil sich der Aufsteller eines Freifunk-Routers weiterhin über seinen privaten (mit einem individuellen Passwort geschützten) Router direkt mit dem Internet verbindet.

Der Freifunker haben einen Aufruf an den Bundestag gestartet, ihr Engagement als gemeinnützig anerkennen zu lassen. Infos auf: www.digitales-ehrenamt.jetzt

 

 

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