Donnerstag, 04.03.2021

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36 Jahre an der Forchheimer Berufsschule: Günter Kraus unterrichtete 1300 Kinderpflegerinnen

Lehrer an der Berufsfachschule für Kinderpflege geht in Ruhestand - 23.02.2021 10:00 Uhr

Bei diesem interaktiven Abschlussprojekt der BFS Kinderpflege wurden über 100 Vorschulkinder aus den Praktikumsgruppen der Schülerinnen und Schüler zu einer Mitmachaktion eingeladen. In Gruppen aufgeteilt durchliefen sie verschiedene Stationen, in denen sie gemeinsam mit den zukünftigen Kinderpflegerinnen bastelten, Obstspieße zusammenstellten und Tänze einübten.

21.02.2021 © Archivfoto: Kraus


Herr Kraus, die letzten Wochen in Ihrem Beruf waren ganz anders als zuvor. Was sind am Ende Ihrer beruflichen Laufbahn die größten Herausforderungen?

Schwierig ist für mich vor allem, dass ich mich nicht persönlich von meinen Klassen verabschieden kann. Das will ich aber nachholen, wenn sie wieder in der Schule sind. Und natürlich war es auch für mich eine Herausforderung, den Unterricht auf online umzustellen. Die Unterrichtsinhalte sind bei mir eher theoretisch. Demzufolge mache ich viel über Videokonferenzen und das persönliche Gespräch. Außerdem
fallen derzeit für die Schülerinnen und Schüler die Praxisphasen weg. Normalerweise gehen sie einmal pro Woche in die Einrichtungen.
Dieses Jahr mussten wir diese Praxisphase vor Weihnachten im Block zusammenfassen.

 

Wenn Sie sich an die Anfänge Ihrer Laufbahn zurückerinnern: Wie war damals die Ausbildung zur Kinderpflegerin?

Sie war viel stärker am Thema Betreuung orientiert. Kindergarten war damals nur vormittags. Das pädagogische Konzept war dementsprechend anders ausgelegt. Die Übernahme von Erziehungsaufgaben oder pädagogisches Arbeiten stand nicht so im Vordergrund wie heute. Man ging davon aus, dass die Frauen zu Hause sind und die Kinder nur eine zeitweise Betreuung brauchen.

Die Ausbildung war also anders angelegt?

Genau. Die Ausbildung hat sich seitdem sehr viel mehr von der reinen Betreuung weg- und hin zu mehr pädagogischer Arbeit entwickelt. Damals waren zum Beispiel die Fächer, die ich unterrichte, Pädagogik und Psychologie, nur zweistündig, heute sind es vier Stunden pro Woche. Außerdem geht es heute auch mehr um die Umsetzung von pädagogischen Konzepten. Unterrichtsinhalte sind deshalb zum Beispiel auch Montessori- oder Waldorf-Pädagogik.

 

Wie waren anfangs die Berufsaussichten?

In den 1980ern und Anfang der 90er war es tatsächlich teilweise schwierig, für unsere Schülerinnen eine Stelle zu finden. Viele haben sich deshalb nach der Ausbildung in anderen Berufen beworben oder die Erzieherinnen-Ausbildung angehängt. Allerdings ist mit dem Recht auf Betreuung im Kindergarten 1996 und dem Recht auf einen Krippenplatz 2013 die Nachfrage regelrecht explodiert.

 

Günter Kraus. 

21.02.2021 © Foto: privat


Wie viele Schüler beginnen pro Jahr die Ausbildung zur Kinderpflegerin oder zum Kinderpfleger in Forchheim?

Es gab Zeiten, in denen wir 150 Bewerber hatten. Das hat sich inzwischen reduziert. Aber es sind immer noch genügend. Wir starten meist mit 50 Auszubildenden. Aufnahmevoraussetzung ist der Mittelschulabschluss.

Für unsere Schülerinnen und Schüler ist die Ausbildung aber eine nicht zu unterschätzende Herausforderung: Sie beinhaltet Nachmittagsunterricht und viele verschiedene Fächer. Somit gibt es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die in der Probezeit das Handtuch schmeißen. Pro Jahrgang bleiben ungefähr zwischen 35 und 40 Schülern übrig, die die Ausbildung auch abschließen.

 

In anderen Bereichen kommt die Diskussion über höhere Abschlüsse als
Voraussetzung für Ausbildungen auf. Ist es in der Kinderpflege auch so?

Ja, die Diskussion, ob die Schüler unterqualifiziert sind, wenn sie erzieherische und pädagogische Aufgaben übernehmen, gibt es. Dem will man mit einer höheren Grundqualifikation entgegentreten, weil der Bildungscharakter oder die frühkindliche Erziehung in den Einrichtungen immer mehr in den Vordergrund rückt. Immerhin verbringen die Kinder einen großen Teil ihres Tages in den Kindertagesstätten. Das ist tatsächlich eine Herausforderung für die Zukunft.

Wie sehen Sie persönlich die Sache?

Ich erkenne natürlich die Hintergründe an. Allerdings bin ich der Meinung, dass es gut läuft. Die Jugendlichen, die bei uns sind, verändern sich im Laufe der zweijährigen Ausbildung. Sie bekommen ein Bewusstsein für ihre Verantwortung, müssen sich selbst immer wieder reflektieren und bekommen auch einen anderen Blick auf Kinder. Viele erklären zum Beispiel bei der Bewerbung, dass sie gern mit Kindern spielen und deshalb diesen Beruf wählen möchten. Doch sie lernen, analytischer zu denken, weil sie viel über Entwicklung, Förderung und Verhaltensauffälligkeiten wissen. Das ist es, was die Ausbildung inzwischen auch ausmacht: Die Schüler brauchen eine gewisse Grundkompetenz und ein Grundselbstvertrauen, dass sie sich als pädagogische Fachkräfte fühlen. Das müssen wir ihnen vermitteln. Und das gelingt uns in der Regel auch.

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Sind es denn nur 16-Jährige Mittelschüler, die sich bewerben?

Ganz und gar nicht. Aufgrund der guten Berufsaussichten haben wir Bewerber von 16 bis 40 Jahren. Darunter gibt es einige, die vorher andere Ausbildungen durchlaufen beziehungsweise abgebrochen haben oder auch Mütter. So hatte ich schon drei Mütter, die aus dem östlichen Ausland kamen und in ihrer Heimat Lehrerin waren. Weil ihre Ausbildung hier nicht anerkannt wird, haben sie sich für die Kinderpflege entschieden.

 

Wie hoch ist der männliche Anteil an Azubis?

Eher gering: Pro Jahrgang sind es etwa drei bis vier. Natürlich wäre mehr männliches Personal in den Kindertagesstätten wünschenswert. Denn Männer haben einen anderen Zugang zu den Kindern, mit ihnen kann man toben, raufen oder Fußball spielen. Leider stehen manche Eltern dem Thema Männer in Kindergarten und Krippe eher kritisch gegenüber. Ich finde das sehr schade.

 

Gibt es weitere Herausforderungen für die Zukunft?

Das Thema frühkindliche Bildung wird noch weiter in den Vordergrund rücken. Im Vergleich zu früher kommt es inzwischen häufiger vor, dass die Bildung im Kindergarten die im Elternhaus ersetzt. Das erfordert von unseren Schülern Teamarbeit und die Fähigkeit, mit den Eltern zu kommunizieren. Diese Kompetenzen werden in Zukunft noch stärker gefragt sein.

 

Wie wird sich das in der Ausbildung niederschlagen?

Das kommt bereits stärker zum Einsatz. In Deutsch ist es jetzt schon Teil der Abschlussprüfung, eine gespielte Situation im Team zu bewältigen. Dabei geht es zum Beispiel um die Planung eines Sommerfestes. Bewertet wird dann sowohl die sprachliche Kompetenz als auch die Teamfähigkeit.

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Und wie geht es jetzt im Ruhestand für Sie persönlich weiter?

Die Reiseplanungen mit meiner Frau, die auch vor kurzem in den Ruhestand gegangen ist, sind natürlich auf die Zukunft verschoben. Also nutze ich die Zeit wohl erst einmal zum Aufräumen. Ich habe zwei Kolleginnen, die meine Aufgaben übernehmen. Ihnen kann ich meine Materialien überlassen. Ich freue mich aber, wenn ich auch weiterhin den Kontakt zu meinen ehemaligen Schülerinnen und Schülern halten kann. Dafür gibt es eine Facebook-Gruppe, in der inzwischen 380 Ehemalige sind. Also bin ich auch in Zukunft nicht ganz abgehängt.

Wer sich bewerben will oder für die Ausbildung interessiert: www.bszfo.de/index.php/kinderpflege

INTERVIEW: JANA SCHNEEBERG

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