Freitag, 16.04.2021

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Annafest: "Ich vermisse Dich"

Ein persönlicher Rundgang durch einen ruhigen Kellerwald. - 03.08.2020 07:00 Uhr

Wo sonst kein Durchkommen ist, ist es 2020 im Kellerwald einfach leer. Nur wenige Keller haben geöffnet.

02.08.2020 © Foto: Patrick Schroll


"My love is your love." (Whitney Houston)

Läuft dieses Lied im Radio, sehe ich mich als kleinen Jungen in der Sommersonne am unteren Festplatz stehen, wie ich mit großen Augen die blinkende Lichter der Fahrgeschäfte verfolge, die mit ihrer Wucht aus unzähligen Tonnen in der Luft umherwirbeln. "Wollt ihr noch eine extra Runde, Runde, Runde...", schallt das Echo durch den Wald.

Bumm bumm, Bumm bumm. Das Herz hüpft freudig als wäre ich verliebt. Die Vorfreude steigt, sich in das Gedränge zu stürzen, Leute zu treffen, die man nur einmal im Jahr trifft. Zum Annafest. Doch heuer schlägt der Puls normal. Ein bedrückendes Gefühl, sich dem Kellerwald zu nähern. Ruhig ist es. Kein Gedränge, keine Musik, kein Echo, kein Wirrwarr. Aber sie sind trotzdem da: Forchheimerinnen und Forchheimer, die sich deshalb nicht die Stimmung verderben lassen und dem Annafest im Corona-Jahr 2020 ihren Tribut zollen.

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Liebeserklärung an das Annafest: Ein Rundgang durch den Kellerwald

Ka Annafest statt Alla Dooch Annafest. Bei einem Rundgang im leeren Kellerwald treffen wir Annafest-Fans, die Brauwastl-Crew aber auch die Schaustellerfamilie Lützelberger - mit einer süß-bitteren Nachricht an alle Annafest-Fans.


Dort, wo sonst die Gondeln von Orion II in die Höhe ragen und den Kellerwald abends in ein buntes Licht tauchen, ist nichts. Einfach nur blauer Himmel. Vereinzelt bewegen sich kleine Wolken am Horizont. Unten herrscht Stillstand. Niemand springt auf den Trampolinen, am Süßigkeiten-Stand ist wenig los. "Alla Dooch Annafest", schreit ein Plakat am Schindler-Keller niemanden entgegen. Vom Greif-Keller sind ein paar Stimmen zu hören. Vorbei am stummen Musikpodium geht es zum Brauwastl-Keller. "Miss you": "Ich vermisse Dich", baumelt ein kleines Herz aus Lebkuchen im Sommerwind.

"Ich bin total relaxed. Normalerweise stünden wir jetzt im Voll-Stress in der Lützelberger-Kurve. Zu unserem kleinen Stand am Brauwastl-Keller kommen schon ein paar Leute. Aber man kann das trotzdem alles gar nicht glauben: es gibt keine Musik, keine Leute, die unterwegs sind..." (Reinhold Lützelberger, Schausteller)

Langsam füllen sich die Tische zum Feierabend an einem Ka-Annafest-Tag. Niemand steht am Ausschank oder bei der Krugrückgabe. Ohne Virus würden sich hier jetzt die beiden Schlangen vermischen und für den ungeübten Annafest-Gänger in der Menge auflösen. Getrunken, getanzt, geschwitzt und gesungen wird zu Annafest-Zeiten normalerweise gemeinsam. Oder gewartet: vor den Toilettenhäuschen.

"Viele Kellerbesucher waren teilweise seit Jahren nicht mehr auf dem Annafest, weil ihnen der Trubel zu groß geworden ist. Sie finden es jetzt ruhiger und gemütlicher. Am Wochenende war viel los, da mussten wir Leute teilweise wegschicken, weil wir nicht alle Plätze bewirten dürfen."

Für spontane Gäste hält die Brauwastl-Crew eine "Not-Brotzeit" bereit. Sonst darf jeder mit Brot, Wurst und Käse kommen. Das kühle Bier im grauen Steinkrug auf den grünen Holzbänken kommt dazu. Ein typisches Annafest-Bild.

"Sonst sind hier die Straßen immer voll." (Kellerwaldbesucher)

Ich lausche. Und schlucke. Ja, sonst ist hier alles anders. Das auszusprechen, macht das Unglaubliche zu dem, was es ist: wahr. Ein Gänsehautmoment. Vorm Stäffala-Keller, vorbei an der vewaisten Lützelberger-Kurve, gibt es das passende Bild zu diesem Gefühl: ein Mundschutz liegt am Boden vor der verschlossenen Kellertür. Das Symbol schlechthin für Annafest 2020. Eine außergewöhnliches Jahr in der 180 Jahre langen Festgeschichte.

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Bier, Schausteller und Guinness-Rekord: Zehn Fakten zum Forchheimer Annafest

Hätten Sie gewusst, wie viele Schausteller sich jedes Jahr für das Annafest bewerben? Welchen Ursprung hat das Fest? Und welche Kosten bringt die Stadt für Werbung, Baumpflege und Aufräumarbeiten auf? Das Forchheimer Annafest im Faktencheck.


"Der Kellerwald hat auf jeden Fall Flair für ein Volksfest. Wir kennen das Annafest nur vom Hören-Sagen und sind dieses Jahr zum ersten Mal im Kellerwald." (Kellerwald-Besucher aus Baden-Württemberg)

Viele der oberen Keller sind verwaist. Der Glückshafen hat sich in einen Hafen für Fahrräder verwandelt. Vor genau 60 Jahren, 1960, hat das Rote-Kreuz die Bude zum ersten Mal betrieben. Ein Treffpunkt für Glückssuchende und so manch romantische Stunden. 2020 sind es rote Stoppschilder: "Zutritt nur mit Mundschutz". Und 2021? Wer weiß...

Auf dem Weg nach Hause nehme ich die bekannten Schleichwege im Wald. Aus Tradition. Ein Stück Annafest-Geschichte.

Ich freue mich auf die Fortsetzung.

Quiz: Erraten Sie alle elf Fragen zum Annafest in Forchheim?

© Ralf Rödel

Alladooch Annafest! Sind Sie ein echter Kellerwald-Profi? Dann testen Sie Ihr Wissen in unserem großen Annafest-Quiz! Wir haben elf knifflige Fragen für Sie herausgesucht.

© Ralf Rödel

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Frage 1/11:

Auf wen geht der Slogan "Alladooch Annafest" zurück?

Natürlich der "King Alladooch" persönlich! Eigentlich ist Ulrich Raab Chef des Jungen Theaters. Doch in Forchheim ist er vor allem als leidenschaftlicher Annafest-Fan bekannt, der im Kellerwald an keinem Tag fehlt. Raab betreibt auch eine eigene Fest-Homepage, entwirft das "Alladooch"-Annafest-T-Shirt - und tickert mit unserem Team im Liveblog auf nordbayern.de.

© VNP

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Frage 2/11:

Wann wurde das Annafest zum ersten Mal gefeiert?

Das Annafest entstand ursprünglich aus einer Wallfahrt nach Unterweilersbach, zu Ehren der heiligen Anna, der Mutter Marias. Am 26. Juli, dem Namenstag der heiligen Anna, machten sich die Wallfahrer auf den Weg. Als sie am Nachmittag zurückkehrten, wartete man im Kellerwald schon mit Essen und kühlem Bier, dass dort in den Felsenkellern lagerte, auf sie. Als dann noch der Forchheimer Schützenverein 1840 sein Hauptschießen vom Schießanger an der Regnitz in den Kellerwald verlegte, war das Annafest geboren.

© Ralf Rödel

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Frage 3/11:

Wie viele Bierkeller gibt es?

Genau 23 sind es - und ohne sie wäre das Annafest nicht das Annafest. Bierkeller hatten ursprünglich die Funktion, das Bier das ganze Jahr über kühl zu halten. Im Winter wurden sie mit Eis gefüllt und hielten so ihre Temperatur konstant bis in den Spätsommer. Da an viele Keller praktischerweise gleich ein Biergarten angebunden wurde, kommt daher auch die fränkische Redewendung "auf die Keller gehen".

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Frage 4/11:

Welchen Rekord hält das Annafest?

Mit 30.000 hat das Annafest die meisten Sitzplätze bei einem Freiluft-Volksfest weltweit. Oder anders gesagt: Es ist der größte Biergarten der Welt. Das zumindest deutschlandweit älteste Volksfest ist übrigens das Liborifest in Paderborn, das im Jahr 836 zum ersten Mal gefeiert wurde.

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Frage 5/11:

Wie viele Schausteller bewerben sich jedes Jahr?

300 Schausteller wollen jedes Jahr beim Annafest dabei sein. Bis zum Herbst haben sie Zeit, sich zu bewerben. Dann wählt eine Jury der Stadtverwaltung etwa 80 Schausteller aus, die dann im kommenden Sommer ihre Fahrgeschäfte und Buden aufbauen dürfen.

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Frage 6/11:

Warum wurde auf dem Annafest 1844 ein Mann erschossen?

An den 21. Juli 1844 erinnerten sich die Forchheimer noch lange. Denn bei einem Schützen-Wettbewerb auf dem Annafest wurde der 28-jährige Georg Stocker versehentlich erschossen. Seine Aufgabe war es, die Ergebnisse auf den Scheiben abzulesen. Dafür versteckte er sich in einem Graben oder Verschlag hinter den Schießständen und wartete, bis der Schütze geschossen hatte. Beim Schuss des Vereinsmitglieds Moses Moritz Zeiller kam er aber zu früh aus seiner Deckung - und wurde tödlich getroffen. Zeiller soll danach sogar so verzweifelt über den Unfall gewesen sein, dass er sich das Leben nehmen wollte - und nur durch seine Tochter davon abgehalten werden konnte.

© Ralf Rödel

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Frage 7/11:

Wie viele Besucher kommen jedes Jahr in den Kellerwald?

400.000 bis 500.000 Besucher strömen - je nach Wetter - in den Kellerwald. Damit zählt das Annafest zu den größten Volksfesten Deutschlands.

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Frage 8/11:

Seit wann dauert das Annafest elf Tage?

Schon seit 2014 darf einen Tag länger gefeiert werden! 1840 dauerte das Annafest nur einen Tag, in den 1950er Jahren wurde dann auf zehn Tage erhöht.

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Frage 9/11:

Wie hoch sind die Kosten für die Stadt Forchheim?

Für unter anderem Werbung, Baumpflege und Aufräumarbeiten schießt die Stadt Forchheim jedes Jahr 100.000 Euro zu.

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Frage 10/11:

Wie viele fränkische Brauereien sorgen für ausreichend Bier?

Insgesamt gibt es Bier von 18 verschiedenen fränkischen Brauereien. Immer mit dabei: die vier Forchheimer Traditionsbrauereien Neder, Greif, Hebendanz und Eichhorn. Das Annafest-Bier wird übrigens extra für das Event gebraut.

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Frage 11/11:

Seit wann dreht sich das Riesenrad?

Bereits seit 1986 dreht das Riesenrad "Orion II" im Kellerwald seine Kreise.

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Lust auf ein weiteres Quiz?

Dann hier entlang!

 

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