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Dienstag, 07.04.2020

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Aufgehängte Krähen sorgen im Kreis Forchheim für Entsetzen

Die früher weit verbreitete Praxis wird auch heute noch vereinzelt angewandt - 14.01.2020 15:11 Uhr

Eine kopfüber aufgehängte Krähe – hier an einem umzäunten Abschnitt auf einer Wiese nahe Pinzberg – verwest vor sich hin. Im Landkreis Forchheim ist das kein Einzelfall. © Gunter Brokt


Kopfüber baumeln gefiederte Leiber an den Zäunen, aufgehängt an einer pinkfarbenen Schnur, die um ihre Beine gebunden ist. Die schmutzigen Flügel wehen im Wind, die Kadaver verwesen. Teils ist schon das blanke Skelett zu erkennen und bis zuletzt der Schnabel. Nein, das ist nicht der Anfang einer Horror-Geschichte Edgar Allan Poes, keine Szene aus einem Gruselfilm: Wir befinden uns im Jahr 2020 auf einem Feldweg bei Pinzberg, am Rand eines abgezäunten Areals, auf dem junge Bäume und Sträucher in säuberlich angeordneten Reihen kultiviert werden. Es sind tote Krähen, die da hängen – augenscheinlich, um ihre lebenden Artgenossen abzuschrecken.

Der Forchheimer Gunter Brokt ist einer der renommiertesten Naturschützer des Landkreises, unlängst wurde er für seine Verdienste im Arten- und Vogelschutz von Umweltminister Thorsten Glauber mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit Jahren stößt Brokt im Landkreis immer wieder auf solche toten, aufgehängten Vögel. „Meistens an den Zäunen von Obstbaumschulen“, sagt der ehrenamtliche Naturschutzwächter und Vize-Vorsitzende des Forchheimer Landesbundes für Vogelschutz. Häufig bekäme er zurzeit Anrufe von Menschen, die Brokt bitten, etwas dagegen zu unternehmen. Er vermutet, dass die zur Familie der Rabenvögel gehörenden Krähen mutwillig abgeschossen oder vergiftet wurden, um als Vogelscheuchen herzuhalten.

Wie im Mittelalter

„Im finsteren Mittelalter hat man Menschen aufgehängt, die Leichen blieben hängen, dann sind die Krähen gekommen“, erklärt Brokt. Obwohl Raben und Krähen zu den intelligentesten Vogelarten gehören, waren sie im Volks- und Aberglauben als „Toten-“ oder „Galgenvögel“ verschrieen – und sind es bei manchen offenbar bis jetzt. „Ich habe geglaubt, dass wir heutzutage schon so weit wären, dass man weiß, wie nützlich und wichtig Krähen für den Erhalt des natürlichen Gleichgewichts sind“, sagt Brokt. Er verweist darauf, dass die Vögel gerne Ungeziefer vertilgen und damit zur natürlichen Schädlingsbekämpfung beitragen. Weil sie auch zu Aas nicht nein sagen, sind sie ein wichtiger ökologischer Faktor bei der Beseitigung toter Tiere.

Doch die Vögel fressen auch pflanzliche Nahrung wie Beeren, Nüsse, Getreide und Samen, sie picken im Boden nach Würmern und sind deshalb oft keine Wunschgäste in Baumschulen oder auf Getreideäckern. In Bayern dürfen Rabenvögel zwischen Mitte Juli und Mitte Februar bejagt werden. Aus dem Landratsamt Forchheim heißt es dazu: „Im vergangenen Jagdjahr wurden im Landkreis 1108 Rabenkrähen durch Jäger geschossen“, weil es sehr viele dieser Vögel gebe und die Jagd das „einzige erlaubte Mittel zur Dezimierung“ sei. Landratsamt und Untere Naturschutzbehörde betonen die „große Belastung“ der Krähen für die Tierwelt, „da beispielsweise viele Junghasen getötet werden und die Gelege von Bodenbrütern geplündert werden“.

Erhöhte Seuchengefahr?

Was aber ist mit den nun aufgehängten Tieren? Dass sich verwesende Krähen in unmittelbarer Nähe der Feldwege befinden – auf denen Spaziergänger und Kinder unterwegs sind –, hält das Landratsamt für unbedenklich: „Das Vergrämen von Rabenkrähen durch aufgehängte Kadaver war früher weit verbreitet. Von einer erhöhten Seuchengefahr ist bei einzelnen aufgehängten Tieren nicht auszugehen.“ Dass die Vögel nicht geschossen, sondern vielleicht gezielt vergiftet wurden, wie von Brokt vermutet, dafür gebe es „momentan keine Anhaltspunkte“, sagt ein Landratsamtssprecher.

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