Betrogene Senioren: 58-Jährige als kleines Rädchen vor Gericht

17.9.2020, 15:40 Uhr
Symbolbild: Eine Seniorin in Kunreuth ist um ihr Geld betrogen worden, in ganz Deutschland schlugen die Täter zu.

Symbolbild: Eine Seniorin in Kunreuth ist um ihr Geld betrogen worden, in ganz Deutschland schlugen die Täter zu. © Foto: sabinevanerp/Pixabay/Lizenz CC0

Zwischen November 2018 und November 2019 erleichterten Betrüger 16 Rentner in ganz Deutschland um rund 214 000 Euro. Einmal blieb es beim Versuch. Dabei erfanden die Täter enorme Glücksspiel-Gewinne von bis zu 2,7 Millionen Euro, schickten eine angebliche Notarin vorbei und machten auch vor 90-jährigen Senioren nicht Halt. Nun kam es am Landgericht Nürnberg-Fürth zum Prozess. Eines der leichtgläubigen Opfer, nennen wir sie Hedwig A., stammt aus Kunreuth.

An einem Montag im November klingelt bei Hedwig A. das Telefon. Als die 78-jährige Rentnerin aus Kunreuth sich meldet, ist am anderen Ende der Leitung eine Notarin. Die hat eine frohe Botschaft für die ältere Dame: 470 000 Euro Gewinn aus einer Lotterie. Hedwig A. kann ihr Glück kaum fassen. Nach so vielen Jahren endlich den Jackpot.

Gleich noch einmal eine Summe gefordert

Die angebliche Amtsperson kündigt noch den Anruf eines "Herrn Beck" an. Der arbeite bei der Zentralbank Berlin. Am nächsten Tag meldet sich der Mann dann auch mit vorgetäuschter Berliner Nummer und erklärt, bevor die 470 000 Euro ausgezahlt werden könnten, müsse noch eine klitzekleine Gebühr von 2300 Euro entrichtet werden. Noch am selben Abend taucht eine "Frau Maier" bei Hedwig A. auf und nimmt einen Umschlag mit dem geforderten Bargeld mit.

Weil es so gut läuft, setzen die Betrüger sofort nach. Einen Tag später ruft "Herr Beck" erneut an und redet etwas von 1700 Euro Mehrwertsteuer, die noch fällig seien. Das fiele doch bei einer knappen halben Million nicht ins Gewicht. Und wieder taucht "Frau Maier" in Kunreuth auf und verschwindet – mit Kuvert in der Tasche. Natürlich gibt es weder einen Lottogewinn, noch stimmen die Namen, mit denen es Hedwig A. zu tun bekommt. Eine Zentralbank Berlin existiert schon gar nicht.

Hintermänner im Kosovo

Das einzig Echte an der Aktion: Ihr Geld ist weg. Beziehungsweise woanders. Nämlich im Kosovo, wohin es "Frau Maier" umgehend transferiert hat. Dort sitzen die Hintermänner, derer man nicht habhaft wird. Wie die Logistiker, die "Frau Maier" aus Pristina per Smartphone zu den Geldumschlägen lotsen. "Es ist ungerecht, dass man immer nur die ,Läufer‘ erwischt", ärgert sich Rechtsanwalt Michael Löwe aus Fürth.

Mit dieser Masche hat die Balkan-Bande bundesweit Senioren um ihr sauer Erspartes geprellt. Im Telefonbuch sucht man sich Opfer mit altertümlichen Vornamen und wagt einen Versuch. Wenn es einmal keine hunderttausende Euros sind, dann sind teure Autos das Lockmittel. Im Prozess geht es neben Kunreuth um Fälle in Mittelfranken (Bad Windsheim), Oberfranken (Mistelbach, Bayreuth, Eckersdorf) und Unterfranken (Schöllkrippen). Die Drahtzieher schicken ihre Marionette aber auch nach Allershausen und Kiefersfelden (Oberbayern), Gaildorf und Hagnau am Bodensee (Baden-Württemberg), Remscheid (NRW), sowie Halberstadt (Sachsen-Anhalt).

58-Jährige als "kleines Rädchen"

Mal gibt sie sich als Notarin aus, dann will sie vom Finanzamt kommen. Bisweilen wird sie nicht gebraucht, wenn die Anrufer es mit psychologischen Tricks schaffen, dass die Opfer die Summen mit Western Union, Moneygram oder RIA Moneytransfer sogar selbst ins Nirgendwo versenden.

Gefangen hat die Kriminalpolizei Ansbach mit "Frau Maier" eine der "Außendienstmitarbeiterinnen". Die 58-Jährige aus Stockheim sitzt nun vor Gericht. Eine einfache Arbeiterin, Mutter und Großmutter, nicht vorbestraft. "Sie waren ein kleines Rädchen, aber eines mit einer wichtigen Aufgabe", so Staatsanwältin Renate Steinheimer. Sonst wären die Bandenchefs im Ausland nie an ihre Beute gekommen. "Sie hatten das größte Risiko und den kleinsten Gewinn".

Selbst Opfer eines ähnlichen Betrugs gewesen

Am Ende des Tages werden der Vorsitzende Richter Jonas Heinzlmeier und seine Kollegen der 13. Strafkammer "Frau Maier" wegen Beihilfe zum Betrug zu einer 22-monatigen Bewährungsstrafe verurteilen. Außerdem muss sie 1700 Euro an die Stiftung Opferhilfe Bayern zahlen. Dass "Frau Maier" so glimpflich davonkommt, liegt daran, dass sie nur als Gehilfin eingestuft wurde und tatsächlich keinen einzigen Euro an dem Betrug verdient hat.

Selbst als sie in Bayreuth und später in Remscheid auffliegt und mehrfach in Untersuchungshaft landet, kann sie nicht aufhören. Zu groß ist die Verzweiflung. "Frau Maier" ist nämlich nicht nur Täterin. Sie ist selbst Opfer ähnlicher Betrugsaktionen geworden. 160 000 Euro Schulden hat sie dabei aufgehäuft. Da hoffte sie auf Seiten der Betrüger, ihr Elternhaus retten zu können. Freilich steht sie nun nach "dem größten Fehler Ihres Lebens", wie es Richter Heinzlmeier nennt, vor einem Scherbenhaufen. Die Schulden sind noch höher geworden, die Ehe droht zu zerbrechen, ihren Arbeitsplatz hat sie verloren. "Sie ist eine betrogene Betrügerin", so ihr Verteidiger Löwe.