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Bildung in Zeiten von Corona: Forchheimer Schulen kommen vom Kreide- ins digitale Zeitalter

Unterricht zu Hause: Wie steht es um die Chancengleichheit? - 25.05.2020 06:00 Uhr

Die Schulen sind nicht vom Kreidezeitalter in das digitale Zeitalter gestürzt, sondern beschäftigen sich seit längerem mit dem Thema, erklärt Forchheims Schulrätin Cordula Haderlein im Interview. Die derzeitige Situation beschleunige den Prozess. Dennoch ist noch viel zu tun. © Foto: Julian Stratenschulte/dpa


Und so geht fast jeder seinen eigenen Weg: Der eine hinterlegt eine Kopiensammlung in der Schule zum Abholen, der nächste schreibt einen Wochenplan mit genauen Anweisungen für jeden einzelnen Tag, wieder andere erstellen Videos, laden Materialien via Dropbox hoch oder laden ihre Schüler zu Videokonferenzen ein. Doch was ist mit der Gleichheit der Lernbedingungen? Dazu sprachen wir mit Cordula Haderlein, der Leiterin des Forchheimer Schulamtes, und ihrem Kollegen Markus Hahn, der für den Fachbereich Grundschulen zuständig ist."

 

Frau Haderlein, Herr Hahn, jeder Lehrer reagiert auf die derzeitige Herausforderung anders. Kann man da noch von gleichen Chancen für alle Schüler sprechen?

Markus Hahn: Tatsächlich ist es einer der zentralen Punkte, mit denen wir uns gerade beschäftigen. Hintergrund ist zum einen, dass jeder Lehrer und jede Lehrerin anders arbeitet - und das haben die Kollegen auch schon vor Corona getan. Zum anderen muss man aber auch wissen, dass nicht in jeder Familie die gleichen technischen Voraussetzungen vorhanden sind. Es gibt zum Beispiel Schulen im Stadtgebiet Forchheim, in denen nicht einmal die Hälfte der Schüler für ihre Lehrer zuverlässig digital erreichbar sind. Die Lehrer müssen also auch aus diesem Grund individuelle Lösungen für ihre Klassen finden.

Markus Hahn ist der für Grundschulen zuständige Schulrat im Staatlichen Schulamt. Er übernahm diesen Posten 2019. Zuvor war er Rektor der Grundschule Herzogenaurach © Foto: Roland Huber


Wie sehen diese zum Beispiel aus?

Markus Hahn: Manche fahren nachmittags von Haus zu Haus, um ihren Schülern die Materialien zu bringen. Manche haben analoge Abholsysteme, wo im Austauschverfahren Material für die Schüler bereit gestellt wird und erledigte Aufgaben abgegeben werden können. In anderen Klassen funktioniert das digitale Lernen schon sehr gut. Da können den Schülern zum Beispiel schon digitale Wochenpläne zu Verfügung gestellt werden. Es kommt also immer auf die Situation und die Struktur vor Ort an - und das führt natürlich dazu, dass unterschiedlich gelernt wird.

Cordula Haderlein: Man muss aber wissen, dass es auch vor Corona individuelles Lernen schon im Mittelpunkt stand, denn jeder Schüler bringt nun einmal unterschiedliche Voraussetzungen mit.

 

Gibt es denn Eltern, die sich in diesem Punkt an Sie wenden?

Cordula Haderlein: Es gibt vereinzelt Beschwerden von Eltern. Doch die beziehen sich eher darauf, dass die Eltern an ihre Grenzen kommen, was die zeitliche und auch die nervliche Belastung angeht und dann fordern, dass die Schulen wieder öffnen. Man muss aber dazu sagen: Wenn Eltern mit dem Weg, den der Lehrer ihres Kindes eingeschlagen hat, nicht zurecht kommen, wenden sie sich zunächst an den Lehrer selbst und dann an die Schulleitung. Mein Eindruck ist aber, dass die Lehrer es angesichts dieser Ausnahmesituation insgesamt gut meistern.

 

Cordula Haderlein ist 2017 ins Forchheimer Schulamt gewechselt. Zuvor war sie Schulleiterin der Adalbert-Stifter-Schule. 2019 übernahm sie die fachliche Leitung im Schulamt. © Foto: Roland Huber


Dennoch ist digitales Lernen etwas, in das die meisten Lehrkräfte nun hereingestolpert sind. Wie geht es weiter?

Cordula Haderlein: Das ist so nicht ganz richtig. Die Schulen sind nicht vom Kreidezeitalter in das digitale Zeitalter gestürzt, sondern beschäftigen sich seit längerem mit dem Thema. Durch den Digitalpakt und die daran gebundenen Fördermittel haben sich die Schulen mit der Digitalisierung auseinandergesetzt und eigene Medienkonzepte erstellt. Sie haben sich überlegt, wie und mit welchen Medien sie künftig arbeiten wollen, welche Hard- und Software genutzt werden kann. Auch wenn hier noch nicht alle Gedanken zu Ende geführt worden sind – sie haben nicht bei Null angefangen. Natürlich wird das durch die jetzige Situation weiter gepuscht.

 

Bekommen Lehrer etwas an die Hand, an dem sie sich jetzt in Sachen digitales Lernen orientieren können?

Markus Hahn: Ja. Online-Fortbildungen sind gerade stark im Kommen. Viele Kollegen lassen sich weiterbilden, wie sie zum Beispiel einen Videochat nutzen können oder wie sie digitale Lernmaterialien erstellen. Die Seminarplätze sind entsprechend schnell ausgebucht.

 

Werden die Lehrkräfte auch nach der Corona-Pandemie mehr auf diese Art des Lernens setzen?

Cordula Haderlein: Davon bin ich überzeugt. Viele machen jetzt die Erfahrung, wie man digitale Inhalte in den Unterricht einbinden kann und werden das sicher auch in Zukunft tun. Zudem werden jetzt Lehr- und Lernmaterialien erweitert, denn nicht alles, was in den Schulbüchern steht, ist digital verfügbar. Wichtig ist dabei, dass wir auch bei der Ausstattung nachbessern.

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Wie könnte das aussehen?

Markus Hahn: Einige Sachaufwandsträger versuchen schon jetzt, den Schulen mehr digitale Medien zur Verfügung zu stellen. Ich habe auch von Zuschüssen in Höhe von 150 Euro gehört, die die Eltern für den Kauf von Technik erhalten sollen, oder von Leihgeräten.

Cordula Haderlein: Leihgeräte für Schulen, die sie bei Bedarf an die Schüler vergeben können, halte ich für den richtigen Weg. Dann könnte auch höhenwertige Technik angeschafft werden. Insgesamt passiert gerade viel und es wird noch viel passieren.

Interview: JANA SCHNEEBERG

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