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Samstag, 28.11.2020

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Blockade: Landwirte protestieren vor Lidl-Zentrallager in Eggolsheim

Rund 60 Landwirte haben Sonntagnacht das Lidl-Zentrallager blockiert - 26.10.2020 17:52 Uhr

Ein Protest von rund 60 Landwirten hat für mehrere Stunden die Lieferkette unterbrochen. 

26.10.2020 © NEWS5 / Merzbach, NEWS5


Die Landwirte stehen sehr stark unter Druck - das sagt Landwirt Josef Taschner, der am Sonntagabend mit rund 60 Kollegen die beiden Zufahrten zum Lidl-Zentrallager in Eggolsheim mit 15 Traktoren blockiert hat. Diese Zahlen nennt die Polizei Oberfranken in einer Pressemitteilung.

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Aus Protest: Landwirte blockieren Zentrallager bei Eggolsheim

Niedrige Preise für Milch- und Fleischprodukte, steigende Kosten und immer strengere Auflagen machen den landwirtschaftlichen Betrieben seit langem zu schaffen. Die Corona-Pandemie verschärft ihre Lage nun zusätzlich. Um auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen, haben rund 60 Landwirte in der Nacht auf Montag die Zufahrten eines Zentrallagers eines Nahversorgers bei Eggolsheim (Kreis Forchheim) blockiert. Die Polizei rückte mit mehreren Streifen an. Nach rund zwei Stunden wurde die Blockade aufgelöst.


Gegen 21.30 Uhr haben sich die Landwirte vor dem Lager versammelt. Durch die Blockade sei es den Liefer-Lkw nicht möglich gewesen, ihrer Arbeit nachzugehen. Deshalb rechnet Taschner damit, dass es heute zur Verzögerung bei der Lieferung diverser Lebensmittel in den Lidl-Märkten der Region kommen könnte oder manches Regal leer bleibt. "Das ist auch absolut gewollt von uns", sagt Taschner. Die Landwirte möchten damit ins Gespräch über ihre Arbeitssituation kommen. Die Protestaktion richtete sich gegen drei Akteure: Einzelhandel, Politik und Bürger.

Ob es gestern tatsächlich zu Lieferschwierigkeiten bei Lidl gekommen ist, ist unklar. Eine Nachfrage der Redaktion blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Offen blieb auch die Nachfrage, wie der Konzern mit der Kritik der Landwirte umgeht. Gerade im Discount-Bereich findet der Wettbewerb stark über den Preis statt. Das trifft nicht nur auf den Lidl-Konzern zu.

"Wir sind vom Einzelhandel sehr stark unter Druck geraten", sagt Taschner. Preise würden gedrückt, gleichzeitig führten Auflagen von der Politik dazu, dass die Landwirte immer teurer produzieren müssten. "Wir bitten um faire Preise. Wir haben nicht diese Handelsmacht. In Deutschland sind wir hunderttausende Landwirte, dagegen haben wir fünf große Food-Konzerne oder Einzelhandelskonzerne, die uns den Preis diktieren", so Taschner.

"Ohne uns muss niemand verhungern"

"Wir erwarten, dass die Bevölkerung und Politik auf uns aufmerksam werden", sagt Taschner und begründet damit den Protest. Ohne die Landwirte in der Region müssten die Menschen zwar nicht verhungern, aber wenn die Nahrungsmittel aus Übersee kommen, sei das nicht nur mit einem steigenden CO2-Ausstoß, sondern auch mit dem Abholzen der Regenwälder verbunden.

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Für Kunden tabu: Das Lidl-Logistikzentrum in Eggolsheim

Auf einer Fläche von 40.000 Quadratmetern erstreckt sich der riesige Gebäudekomplex des Discounters Lidl in Eggolsheim, von dem aus im Minutentakt Lkw ausschwärmen, um 116 Filialen zwischen Bamberg, Coburg und Nürnberg pünktlich zu beliefern. Wir haben dorthin geblickt, wo Kunden normalerweise keinen Zutritt haben.


Taschner stört sich deshalb auch an der Kritik, Landwirte würde nicht nachhaltig produzieren. "Wir müssen nachhaltig sein", stellt Taschner klar, sonst könnten die Äcker nicht über Jahre bewirtschaftet und an die nächste Generation weitergegeben werden. "Wir düngen genau so viel, was die Pflanze braucht und lassen den Boden nicht als Steppe, wie in Südamerika oder Asien, zurück." Die Landwirte störten sich daran, von der Politik immer neue Vorgaben zu bekommen, wie sie ihre Felder zu bewirtschaften haben. "Wir haben die Ausbildung dafür, aber jeder will uns etwas vorschreiben."

Zählt nur der Preis?

Kritik müssen aber auch die Verbraucher einstecken. "Der kauft immer nur billigst ein." Zwar gebe es auch teuere regionale Produkte, doch hierfür gebe es keine Nachfrage. Es werde ausschließlich nach Preis gekauft, unabhängig davon, wie die Nahrungsmittel produziert würden.

Die Polizei Forchheim ist von Mitarbeitern des Lidl-Zentrallagers von der Protestaktion informiert worden und ist mit zwölf Beamten im Einsatz gewesen, so Michael Ott, Dienstgruppenleiter der Polizei Forchheim. Die Landwirte zeigten sich "sehr kooperativ" und seien "gesprächsbereit" gewesen. Nach einer polizeilichen Aufforderung habe sich die Protestaktion aufgelöst, teilt das oberfränkische Polizeipräsidium mit. Nach rund zwei Stunden habe sich die Versammlung aufgelöst. Mehrere Lastwagen konnten das Betriebsgelände zunächst nicht verlassen, heißt es. Die Demonstranten verweilten bis gegen 0.30 Uhr vor dem Zentrallager.

Die geplante Zusammenkunft sei von den Demonstranten vorher weder beim Ordnungsamt noch bei der Polizei angemeldet worden. Die Polizei Forchheim führe Ermittlungen nach dem Versammlungsgesetz. Ob das Verhalten der Versammlungsteilnehmer strafrechtlich relevant ist, werde aktuell geprüft. Beim Landratsamt war die Protestaktion nicht angemeldet, sagt Pressesprecher Holger Strehl auf NN-Nachfrage.

Dieser Artikel wurde zuletzt am Montag, 26.10., 16.52 Uhr, aktualisiert.

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