Montag, 21.10.2019

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Boxgalopp sprengt die Ketten der Volksmusik

Konzert in Heroldsbach: Rück- und Ausgriffe auf alle möglichen Stile und Richtungen: Schwung zurückgegeben - 17.03.2015 06:00 Uhr

Boxgalopp, das sind Carolin Pruy-Popp, David Saam, Heinrich Vilsner (v. li.) und Andreas Richter. Sie geben der Volksmusik einen kräftigen Stoß in Richtung Zukunft. © Pauline Lindner


David Saam hat beim Boxgalopp-Konzert zwischendurch seinen Vater Franz-Josef und dessen Sängerkollegen Edwin Dippacher und Sebastian Kraus auf die Bühne des Lindenhofs gebeten.

„Und dann . . .“ ist auch das Bayerische Fernsehen da gewesen; sein Thema ist die neue Volksmusikszene in und um Bamberg. „Und da“ lag es bei David Saam wirklich richtig, arbeitet der junge Musikethnologe doch seit seinem Studium in verschiedenen Besetzungen daran, Volksmusik (oder auch Volxmusik) wieder anhörbar zu machen.

Den Muff der Betusamkeit raus, dafür Anleihen bei ganz anderen Musikgenres und Musikkulturen rein — „und dann . . .“ geht das Publikum mit, denn es fühlt sich berührt und angerührt, hört fränkisch Vertrautes, nimmt den Schlenker vor allem in die Tonalität Ost- und Südosteuropas auf, erinnert sich an eine Zeile aus einem alten Schlager und kramt zu guter Letzt sogar in seinem Gedächtnis nach einem derb-anrüchigen (ganz wörtlich gemeint) Versla eines Kerwa-Liedlas.

Freies Spiel verpönt

„Ihr habt aber gut geklaut, bei wem eigentlich nicht?“ Carolin Pruy-Popp (Geige), die oberfränkische Volksmusikbeauftragte, reagiert im ersten Moment etwas negativ über die saloppe Formulierung für die mitreißende Musikmischung mit ihren Rückgriffen oder besser Ausgriffen über den traditionell-fränkischen durbetonten Klang hinaus.

Nicht nur aus den modischen Klezmer-Interpretationen kennt man sie, die virtuosen Vorschläge und Tonverzierungen gerade der Klarinettisten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben auch die fränkischen Musiker solche Spieltechniken beherrscht, nur — dieses freie lebenslustige Spiel war über Jahre nahezu verpönt.

Nun hat sie Andreas Richter aufgegriffen und damit herkömmlichen Melodien wieder den Schwung zurückgegeben, den sie einmal hatten, ehe freies Spielen unter Verdikt des Nicht-Originalgetreuen geraten war. Vom tümelnden Plattdüdeln mal ganz zu schweigen.

Das „Klauen“ ist über weite Strecken der Motor lebendigen, anrührenden Musizierens. Im musikalischen Kontext von Boxgalopp tauchten ein paar Klangmotive auf, die man sofort mit Brahms Ungarischen Tänzen verbindet.

Der freilich hat bei dieser Komposition seinerseits auf dem Balkan Gehörtes zurückgegriffen und hat sie in seiner Kompositionsmanier weitergesponnen und verarbeitet.

Von Norwegen nach Israel

„Und dann . . .“ steht damit Brahms keineswegs allein. Die Grenzüberschreitung ist vielleicht das Geheimnis, das Musik immer wieder interessant macht, weil neu, weil so noch nie gehört. Dafür gibt es ein gutes Beispiel: ein norwegisches Volkslied.

Ob es Friedrich Smetana gekannt hat? Jedenfalls setzt er einen Quintauftakt vor die Töne und schon sprudelt die Moldau nur so dahin. „Und dann . . .“ taucht das selbe Melodiestück — ohne den charakteristischen Auftakt — in der israelischen Nationalhymne wieder auf.

Andere Gefühlstiefe

Dieser Schiene des bewussten oder auch unbewussten Übernehmens bedient sich David Saam ganz besonders bei seinen Kompositionen und Arrangements für Boxgalopp und gibt den Stücken mit unterlegten Moll-Harmonien und Stajger-Strukturen eine andere Gefühlstiefe.

Er erzielt so genau den effektvollen Bogen zwischen vertraut und ungewöhnlich, der viele anspricht, die sonst Vorbehalte gegen etliche Musikgenres haben. Wie es eine ältere Besucherin ihm gegenüber beim Hinausgehen äußerte: „Das war mal eine Musik, die man mal verstanden hat.“

PAULINE LINDNER

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