Depressionen und Stress

Brennpunkt Klassenzimmer: Was Schülern im Kreis Forchheim Hoffnung gibt

26.7.2021, 15:52 Uhr
Zwei Grundschüler rangeln miteinander: Auseinandersetzungen in der Pause oder auf dem Schulweg kommen auch an der Martinschule in Forchheim immer wieder vor.

Zwei Grundschüler rangeln miteinander: Auseinandersetzungen in der Pause oder auf dem Schulweg kommen auch an der Martinschule in Forchheim immer wieder vor. © Foto: colourbox.de

Auf dem Pausenhof hat Max andere Schüler geschlagen. Unvermittelt. Der Achtjährige tritt immer aggressiver auf. Warum Max mit Fäusten austeilt, ist ein Rätsel. Und es würde wohl auch eines bleiben, gäbe es Natalie Grünert nicht. "Ich bin keine Lehrerin, sondern Helferin", sagt sie zu Max. Sie nimmt sich Zeit für den Jungen. Zeit, die sich eine Lehrkraft im Schulalltag nicht nehmen kann. Der Auslöser der Tat bliebe wohl im Dunkeln.

"Sie werden dafür bezahlt, mein Kind zu erziehen"

Und dass das Aufgabenfeld für Lehrerinnen und Lehrer neben dem reinen Bildungsauftrag immer größer wird, gerade auch in den ersten Jahrgangsstufen, bestätigt Grundschullehrerin und FW-Kreisrätin Daniela Drummer. "Viele Fälle werden von der Mittelschule auf die Grundschule vorverlagert. Es gibt viele Trennungskinder, die emotional belastet in die Schule kommen. Die Erziehungsverantwortung ist gestiegen. Der Satz: 'Sie werden dafür bezahlt, mein Kind zu erziehen', kommt öfter vor", sagt Drummer. Und: "Kinder werden frühreifer." Das ist ein Grund, warum die Jugendsozialarbeit an Schulen (Jas) bereits bei den Jüngsten in der Grundschule ansetzt, nachgefragt und notwendig wird.

"Andere Kinder machen mich wütend. Wenn ich austeile, geben sie Ruhe"

Grünert hat in der Martingrundschule einen eigenen Raum für die Jugendsozialarbeit zur Verfügung. Dort trifft sie sich mit Max, um mit ihm ausführlich zu sprechen. "Alles was hier besprochen wird, erfährt niemand anders", beruhigt Grünert den Jungen. Sie will ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Nur so kann sie sich dem Kern des Problems nähern. Dafür können mehrere Treffen notwendig sein. "Das Kind entscheidet, was es preisgibt."


Natalie Grünerts Erkenntnisse sind preiswürdig


Mit Spielen, Büchern oder einem großen Hund als Kuscheltier nähert sich Grünert dem Achtjährigen. Max hält eine Gefühlsscheibe in der Hand. Ein Stück Pappe. Er dreht den Zeiger auf "wütend". "Warum wirst du wütend?", fragt Grünert. "Andere Kinder machen mich wütend. Wenn ich austeile, dann geben sie Ruhe", sagt Max. Nach den nächsten Treffen mit dem Zweitklässler wird Natalie Grünert verstehen, was die Gewalt bei dem Jungen auslöst. Und im schlimmsten Fall - falls das Kindeswohl gefährdet ist - auch das Jugendamt einschalten müssen.

Viele Fälle an der Martinschule: Jas-Stelle wird ausgebaut

Die Geschichte von Max ist von der Jugendsozialarbeiterin erfunden, spielt sich im Alltag so oder so ähnlich tatsächlich an Schulen ab. Seit 20 Jahren gibt es in Bayern die Jas an Schulen, wird immer bedeutender und weiter ausgebaut. "Das erleichtert uns die Arbeit an den Schulen", sagt Schulrätin Cordula Haderlein. "Ein Lehrer kann einfach nicht alles. Diese Arbeit wird professioneller von den Leuten geleistet, die es gelernt haben."

Prävention, also Eingreifen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist: Hier setzt die JAS an. An der Martinschule arbeitet Natalie Grünert ab September daher auf einer Vollzeitstelle und auch in den Ferien. Probleme richten sich schließlich nicht nach dem Kalender. "Wir haben uns an der Martinschule abgearbeitet, weil es so viele Fälle gibt. Es ist sehr herausfordernd."

Im Landkreis werden ab Herbst dann zehn Jas-Vollzeitkräfte im Einsatz sein. Zum ersten Mal auch an einer Realschule (Gräfenberg). Acht Mittel- und vier Grundschulen und das Förderzentrum in Forchheim profitieren von den Einsatzkräften. Ein Jas-Einsatz wäre auch an Berufsschulen möglich. Mit dem Aktionsplan "Aufholen nach Corona" verdreifacht der Freistaat die Förderung einer jetzt neu geschaffenen Jas-Stelle an Schulen, von 16.360 Euro auf 49.000 Euro im Jahr. Befristet bis 2023.

Burn-Out, Depressionen: Jede Familie kann davon betroffen sein

Grünert ist an den beiden Standorten der Martingrundschule (Kersbach und Forchheimer Innenstadt) im Einsatz. Rund 350 Schüler gehen dort zur Grundschule, um knapp 50 Einzelfälle im Jahr kümmert sich Grünert. Am Schulstandort in der Innenstadt haben 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. Hier liegt Konfliktpotenzial. Aber nicht nur dort. "Kinder haben ein großes Päckchen zu tragen. Burn-Out, Depressionen. Das kann in jeder Familie vorkommen." Das wirkt sich auch auf die Kleinsten aus.

Wie lässt sich der Erfolg der Jugendsozialarbeit messen? Nicht eindeutig, sagt Martin Hempfling. Er ist im Landratsamt für das Thema zuständig. "Die Jas ist einer der riesigen Faktoren, warum die Ausgaben für die Jugendhilfe im Landkreis im deutschlandweiten Vergleich moderat wächst", sagt er. "In der Schule werden Probleme viel schneller erkannt und es kann eine Lösung gefunden werden. Das sind Fälle, die dann nicht beim Jugendamt landen."

Auch die Kinder haben zur Jas eine Meinung. Im Zimmer der Jugendsozialarbeiterin hängt ein Plakat. Schüler haben darauf ihre Notizen hinterlassen. Darauf steht: "Frau Grünert ist eine Hoffnung für uns."

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