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Corona betrifft alles und jeden - auch im Kreis Forchheim

Mein Thema 2020: Wie die Pandemie auch den Landkreis Forchheim veränderte - 30.12.2020 13:04 Uhr

Im Zeichen der Pandemie: 2020 ist heute schon ein historisches Jahr, an das sich die Welt erinnern wird. Auch in und um Forchheim war der Alltag geprägt vom Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus, von Enttäuschungen, kleinen Hoffnungsschimmern, Skepsis, Spaltung – aber auch von Zusammenhalt.

28.12.2020 © Collage: NN


Damals, als die Fotos von Feiernden im Corona-Kostüm eintrafen, fragte ich meine Redaktionskollegen: "Ist das nicht ein bisschen geschmacklos?" Immerhin litten in China bereits Millionen unter dem Virus, die Mega-Stadt Wuhan stand unter Quarantäne, es gab Zehntausende Infizierte, es gab Tote. Hätte man es während der großen Aids-Epidemie nicht auch als pietätlos empfunden, sich an Fasching als HI-Virus zu verkleiden? Oder als "Miss und Mister Ebola"?

Na ja. Corona, das schien halt weit weg und bald verschwunden.

Kurz nach Fasching aber veränderte sich etwas – eine arg logische Folge, sobald winzige organische Strukturen es schaffen, in einer vollvernetzten Welt eine Krankheit auszulösen, gegen die es keine wirksame Behandlung gibt: Der Beginn einer Pandemie, die wirklich alles und jeden betrifft.

Am 11. März hatte der Landkreis seinen ersten bestätigten Corona-Fall, ein Lehrer am Gymnasium Fränkische Schweiz in Ebermannstadt. Einen Tag später ist ein Mitarbeiter der Sparkasse Forchheim erkrankt. Tags darauf gibt es drei weitere Fälle. Am 16. März ruft der Freistaat Bayern den Katastrophenfall aus. In Deutschland sind da schon fast 5000 Infektionen nachgewiesen – darunter zwölf Menschen, die Covid-19 nicht überlebt haben.

Schwer, sich zu gewöhnen

Und was vor wenigen Wochen am gefühlt anderen Ende der Welt geschah, tritt jetzt bei uns ein: Alles wird dicht gemacht, nur unverzichtbare Einrichtungen wie Krankenhäuser, Lebensmittelgeschäfte und Apotheken bleiben geöffnet. Der Kontakt zu anderen Menschen soll auf ein Mindestmaß begrenzt werden. (Groß-)Veranstaltungen werden abgesagt. Begriffe wie "Homeoffice", "Homeschooling", "Hygieneregeln", "Risikogruppen" und "systemrelevant" bestimmen den Alltag. Unsinnige Phänomene, insbesondere das Hamstern von Klopapier, gesellen sich dazu.

Ich persönlich fühle mich zum ersten Mal, seit ich denken kann, in meiner Freiheit eingeschränkt, tun und lassen zu können, was ich will – solange ich anderen nicht schade. Dummerweise könnte ich jetzt anderen schaden, wenn ich tue und lasse, was ich will. Sich daran zu gewöhnen, als Wohlstandskind geboren, aufgewachsen und erwachsen geworden in diesem Wohlstandsland, fällt mir erst mal schwer.

Am Klinikum Forchheim ist man vergleichsweise gut aufgestellt: Wegen der Fusion mit dem Krankenhaus in Ebermannstadt wurde hier zuletzt investiert – statt wie andernorts abzubauen oder ganze Häuser zu schließen. Der Landkreis übersteht die "erste Welle" glimpflich. Dennoch sind vier Menschen zu beklagen, die im Kampf gegen Covid-19 ihr Leben verlieren. Es gibt aber auch gute Nachrichten – wie die eines 74-jährigen Forchheimers, der nach knapp einem Monat auf der Corona-Intensivstation geheilt wieder nach Hause gehen kann. Das befürchtete Riesenchaos im Gesundheitssektor bleibt aus. Es erspart uns jene schrecklichen Bilder wie in Norditalien oder New York: Den Anblick der vielen Leichensäcke, der Kliniken, die nicht wissen wohin mit den Toten, der Ärzte und Schwestern am Ende ihrer Kräfte.

Der Preis, den wir dafür zahlen: Ganze Berufsbranchen stehen mit dem Shutdown von einem Tag auf den anderen am Abgrund. Wirte ohne Gäste, Läden ohne Kunden, Künstler ohne Publikum, Veranstalter ohne Perspektiven. Symbolisch hierfür ist in Forchheim auch die Absage des 180. Annafestes. Mit Liefer- und Abholangeboten versuchen sich Gastronomen über Wasser zu halten. Und Solidarität wird gelebt: Von Heroldsbach bis Gößweinstein, von Kleinsendelbach bis Unterleinleiter – in allen Gemeinden werden Einkaufsdienste für Risikogruppen eingerichtet, oft durch private Initiativen; Nachbarn helfen sich.

Dann naht der Sommer und es sieht aus, als würden sinkende Neuinfektionszahlen zur Regel werden. Eine Regel, die sich schon wieder radikal geändert hat. Bald zählt der Landkreis annähernd 2500 entdeckte Infektionen in diesem Jahr, darunter fast 50 Covid-Tote.

Wir leben heute in grundlegend anderen Zeiten als noch an Fasching vor zehn Monaten. Dass ein "Bundeskanzler Söder" vom Hirngespinst zur realistischen Möglichkeit wurde, ist nur eine politische Folge der Pandemie. Wirtschaftlich sind die Konsequenzen noch nicht abzuschätzen. Im Oktober, kurz vor den nächsten Teil-Schließungen, ergab beispielsweise eine Umfrage unter den Mitgliedern der Forchheimer Händlervereinigung HeimFOrteil: Jeder Zweite bewertete seine Geschäftslage als "kritisch". Und am 16. Dezember kam der zweite große Shutdown.

Schwer, sich zu verstehen

Lustig ist an diesem Virus nichts mehr, schnell vorbei wird die Sache auch nicht sein. Und die gelebte Solidarität, die es zu Beginn gab, hat spürbar nachgelassen: Absolut berechtigte Kritik an Überreaktionen der Politik wird bisweilen durchmischt oder gar vereinnahmt von grob fahrlässigem Unfug, der im Internet massenhaft (re-)produziert, geteilt und auf die Straßen und Plätze getragen wird. Auch in Forchheim.

Zuletzt hoffe ich auf 2021 als ein Jahr der Veränderung – im optimistischen Sinne. Besonders im gesellschaftlichen Miteinander. Denn das betrifft auch alles und jeden. Länger, als uns Corona betreffen wird.

PHILIPP ROTHENBACHER

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