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Corona ist nur ein Fake? Dafür gibt es Riesenapplaus

Bei der 77. "Mahnwache" gegen die Pandemie-Maßnahmen unterstellen Redner Bill Gates furchtbare Pläne - 27.07.2020 16:37 Uhr

Die Besucherinnen und Besucher der Demonstration hatten auf den Auftritt eines Redners gehofft, der dann nicht gekommen ist.

© Foto: Thomas Weichert


Es war die 77. "Mahnwache" der selbst ernannten "Freiheitsbewegung Forchheim" auf dem Paradeplatz, die als große "Sonder-Kundgebung" mit 250 Teilnehmern von Carola Pracht-Schäfer und ihrem Mann Rainer Pracht aus Poxdorf angemeldet war.

Sonst stoßen die täglichen "Mahnwachen für Freiheit und Selbstbestimmung" in Forchheim auf wenig Resonanz. Weil diesmal jedoch der Ulmer Rechtsanwalt Markus Haintz, einer der führenden Köpfe von "Querdenken 731", der in der Szene der Gegner der Corona-Verordnungen zum "YouTube-Star" avanciert ist, angekündigt war, kamen diesmal rund 200 Demonstranten. Sie wurden jedoch enttäuscht, weil Haintz seine Teilnahme kurzfristig absagte.

Thesen sind bekannt

Dafür schickten die "Querdenker" Daniel Langhans, Verkaufstrainer und Unternehmensberater aus Ulm, der auch auf YouTube präsent ist. Diejenigen, die zu solchen Demonstrationen kommen, kennen die Thesen der Redner meist schon ganz genau. Es werden deshalb auch meist nur diejenigen damit erreicht, die ohnehin Gegner der Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie sind. Entsprechend groß sind Zustimmung und Applaus für die Rede- und Liedbeiträge. Nicht alle finden das aber gut, geschweige denn richtig.

Eine davon ist Inge Haller. Sie hat eine Eigentumswohnung mit schöner Terrasse am Paradeplatz: "Der tägliche Lärm ist inzwischen unerträglich. Ich kann nicht mehr arbeiten oder mal in Ruhe auf meiner Terrasse sitzen um mich zu entspannen", beschwert sich die Anwohnerin und schickt hinterher: Darüber sollte die Zeitung einmal berichten. So gehe es auch weiteren Anwohnern, sagt Haller, die die meisten der verbreiteten Aussagen der Redner für "unmöglich" hält.

Lärm wird in der Tat viel gemacht. Mit Trommeln, aber auch mit Tröten, die der Veldener Allgemeinmediziner Dr. Michael Lehmann mitgebracht hat und an die nicht wenigen Kinder verteilt. Lehmann, der seit drei Wochen im Ruhestand ist, spricht zur Impfpflicht.

Die gibt es im Fall von Masern für Kinder, die in Betreuungseinrichtungen wie Kita und Schule gehen und für Bewohner und Personal von Sammelunterkünften. Aktuell sei dieses Thema deswegen wieder, weil der "momentane Weltherrscher", Microsoft-Gründer Bill Gates, ein "Impffanatiker sei, der die Weltbevölkerung reduzieren will". Ist das nicht eine Verschwörungsschwurbelei? Nein, Gates habe dies selbst gesagt. Beweise: keine.

Menschenleben gerettet

Die Pockenimpfung, so Lehmann, war ein Segen, sie hat Menschenleben gerettet. Aber seitdem der Staat die Verantwortung für Impfschäden übernommen habe, ufere dieses Geschäft aus und männliche Jugendliche würden heute sogar gegen Gebärmutterkrebs geimpft – sagt jedenfalls Dr. Lehmann.

Seine Rede hört sich fast so an als entspringe sie aus dem Gruselkabinett eines Dr. Frankenstein, der einen künstlichen Menschen erschaffen will. Es werde, sagt er, gerade eine neuheitliche Impfmethode vorbereitet, die den menschlichen Organismus gentechnisch verändert. Das gab es bisher nur in der Tiermedizin. Er fürchtet, dass sich der Mensch nach dieser Impfung nicht mehr fortpflanzen könne. Beweise? Keine.

"Freiheit, Freiheit"

Nach einer Schweigeminute skandiert Lehmann "Freiheit, Freiheit" und fast alle stimmen ein. Die Bamberger Krankenschwester Beatrice Koza spricht, sie hat ihren Job, den sie sehr liebte, gekündigt, weil sie es nicht mehr ertragen konnte den ganzen Tag im Krankenhaus eine Maske zu tragen, sagt sie. Ihre Kinder will sie nicht mehr in die Schule schicken, wenn sie dort Maske tragen müssen. Unmöglich findet sie auch, dass eines ihrer Kinder vom Kindergarten heimgeschickt wurde, weil es Schnupfen hatte. Und dann auf das Virus getestet werden müsste, wolle es wieder hin.

Der Musiker Ernst Tosh verbreitet ein wenig Weltuntergangsstimmung, doch er kommt bei den Demonstranten an, die ihm zujubeln. "Ihr wurdet zum Schweigen gebracht und mit dem Maulkorb gequält. Zu lange habt Ihr geschwiegen, Eure Meinung verschenkt, sie ist auf Facebook geblieben und jede Form von Kritik, wird im Keime erstickt", singt Tosh.

Nach über zwei Stunden spricht Verkaufstrainer Langhans. Er ist, schon berufsmäßig, ein brillanter Redner. "Man muss die Herzen der Menschen erreichen", sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. "Jedes Volk hat die Regierung verdient, die es erträgt", so einer seiner Sprüche. Er teilt aus: "Frau Merkel, wo ist die Menschenwürde?" Und: "Liebe Bischöfe, wo seid ihr?"

Der Weltuntergang kommt

Immer wieder erntet Langhans mit solchen Fragen Applaus, besonders dann, wenn er Corona als Fake bezeichnet oder den Weltuntergang kommen sieht, wenn die gesamte Menschheit durch Impfungen gentechnisch verändert ist. Die ganze Welt soll digitalisiert werden, behauptet Langhans, der sich bereits im Krieg wähnt als er ein Flugblatt der Weißen Rose zitiert.

Eine Frau hat ihr Strickzeug mitgebracht, eine andere ist auf ihrer Isomatte fast eingeschlafen. Der Paradeplatz wird zum Wohnzimmer. Die Kinder rennen mit ihren Tröten durch die Reihen. Eigentlich dürften sie das nicht. Denn eine der Auflagen ist, dass nur Kinder des eigenen Hausstands zusammenkommen dürfen. Außerdem müssen die Abstandsregeln eingehalten, oder wo das nicht möglich ist, eine Mund-Nasenbedeckung getragen werden. Die Realität ist jedoch eine andere.

Überwacht wird das Ganze von der Polizei, die mit mehreren Streifenwagen vor Ort ist. Polizeihauptkommissarin Bianca Zapf, die den Einsatz leitet, meldet keine besonderen Vorkommnisse. Die Einsatzstärke der Polizei richte sich nach der angemeldeten Teilnehmerzahl, erklärt Zapf und betont, dass die Polizei diesmal auch für den Fall dabei ist, dass es zu einer Gegendemonstration kommt. Sonst kommt fast nie Polizei zu den "Mahnwachen". Denn zu klein ist die Zahl der Teilnehmer meistens.


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THOMAS WEICHERT

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