Donnerstag, 21.01.2021

|

Der Nahwärme-Pionier Richard Fischer und sein Projekt

Die genossenschaftliche Anlage in Willersdorf versorgt rund 100 Häuser - 05.01.2021 07:57 Uhr

Richard Fischer aus Willersdorf vor seinem „Baby“: Der Motor ist eines von fünf Aggregaten, mit denen Strom produziert wird. Die Abwärme heizt das Dorf.

03.01.2021 © Foto: Edgar Pfrogner


Wie genau entsteht die Wärme, mit der Sie Ihr Dorf beheizen?

Richard Fischer: In den Biogasanlagen des Landwirts Paul Weber am Ortsrand werden Mais, Gülle und Mist vergoren. Mit dem entstehenden Gas erzeugen fünf Blockheizkraftwerke Strom. Die Abwärme von den Motoren leiten wir in das Nahwärmenetz ein, das die Häuser im Dorf mit Wärme zum Heizen und für Warmwasser versorgt. Die erste Intention der Anlage hier ist, Strom zu produzieren. Und dabei fällt eben Abwärme an, so wie bei einem Automotor auch. Und diese Wärme nutzen wir.

Wie viele Häuser im Dorf sind angeschlossen?

Richard Fischer: Willersdorf hat etwa 650 Einwohner in rund 160 Häusern. Inzwischen sind 98 davon an unser Netz angeschlossen, darunter auch drei Gaststätten, ein Hotel, die Grundschule und der neue Kindergarten. Es sind also auch große Abnehmer dabei. Allein das Hotel entspricht vom Energiebedarf her etwa fünf Einfamilienhäusern. Ein weiteres Wohnhaus kommt bald dazu, wir werden Anfang diesen Jahres also genau 99 Teilnehmer haben.

Sie haben sich bei der Gründung dazu entschlossen, das Projekt als Genossenschaft aufzuziehen. Wie kam das?

Richard Fischer: Die Genossenschaft ist als Initiative von Privatpersonen zustande gekommen. Das waren damals ein paar Nachbarn und ich. Wir wollten möglichst viele Bürger bei dem Projekt mitnehmen, deswegen die Genossenschaft. Wir arbeiten auch nicht zur Gewinnmaximierung, sondern zur Kostendeckung: Wir wollen kein Geld verdienen, sondern den größtmöglichen Nutzen für die Ortschaft, die Bürger und die Umwelt produzieren. Das Ziel der Genossenschaft war und ist eine regenerative Energieerzeugung.

Wie ging es nach der Initialzündung weiter?

Richard Fischer: Wir haben im Februar 2012 den ersten öffentlichen Info-Abend veranstaltet und die Genossenschaft im Oktober 2012 gegründet. Schon im Januar 2013 ist die erste Wärme geflossen. Damals haben wir im ersten Bauabschnitt 18 Haushalte versorgt. Inzwischen sind wir im dritten Bauabschnitt und unter fast allen Ortsstraßen liegt eine Wärmeleitung.

2015 haben wir den "Bioenergiepreis Oberfranken" gewonnen. Damals haben wir ungefähr die vierfache Menge Strom aus regenerativen Quellen erzeugt, als im Ort verbraucht wird. Inzwischen dürfte die Produktion das Sechs- bis Achtfache des Verbrauchs betragen. Bei der Wärme erzeugen wir etwa 60 bis 70 Prozent der Menge selbst, die im Dorf benötigt wird. Insgesamt haben wir über die Jahre hinweg rund 1,7 Millionen Euro investiert. 

Neben dem Nahwärmenetz betreiben wir auch das erste Carsharing-Projekt im Landkreis Forchheim. Wir stellen den Willersdorfern seit fünf Jahren ein Elektroauto zur Verfügung, das im alten Feuerwehrhaus geparkt wird, wenn es gerade nicht unterwegs ist.

Wer sein Haus ans Wärmenetz anschließen will, muss Mitglied der Genossenschaft werden?

Richard Fischer:  Ja, jeder teilnehmende Haushalt ist als Mitglied beigetreten.


Nahwärme: Wie sie funktioniert und wo ihr Dilemma liegt.


Ohne den persönlichen Einsatz der Protagonisten wird es kaum gehen – wie viel Zeit investieren Sie in Ihr Projekt?

Richard Fischer: Mit den Abrechnungen einmal im Jahr sind bis zu drei Tage Arbeit zum Teil bis spät in die Nacht verbunden. Es fällt aber permanent ein gewisser Verwaltungsaufwand an. Ich wende jede Woche einige Stunden auf. Das kann man sich vorstellen wie die Geschäftsführung für einen mittelständischen Betrieb. Neben der Verwaltung kümmern sich meine Vorstandskollegen und ich auch um die technische Netzbetreuung. Wir haben einen Mess- und Regeltechniker im Vorstandsteam, der kümmert sich um alle technischen Fragen. Ein weiteres Vorstandsmitglied koordiniert die Schnittstelle zur Biogasanlage.

Wie zuverlässig funktioniert die Technik? Oder anders gefragt: Mussten Ihre Kunden schon mal in der Kälte sitzen?

Richard Fischer: Es gab mal einen größeren Störfall, da ist der sogenannte Fermenter ausgefallen. Das war ziemlich am Anfang unserer Tätigkeit, wo wir auch noch nicht so die Erfahrung hatten. Wir haben aber für solche Fälle ein Notaggregat. Das ist ein mit Öl betriebener Heizkessel, so wie man das kennt. Außerdem können unsere beiden Pufferspeicher die Wärmelieferung im Notfall auch für gewisse Zeit überbrücken, wenn die Motoren mal nicht laufen sollten. Die Versorgungssicherheit ist also gewährleistet und frieren muss niemand.

INTERVIEW: MARTIN REGNER E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Willersdorf