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Die Gastro-Branche rund um Forchheim nagt am Hungertuch

Gastronomen fordern Öffnungs-Perspektive - Umweltminister Glauber warnt vor "Inzidenzgläubigkeit" - 02.03.2021 15:38 Uhr

Die Gastronomen Dieter Bogatz (links) von der gleichnamigen Kaffeerösterei und Christopher Kraus vom Restaurant „Zum Alten Zollhaus“ stehen vor leeren Plätzen am Paradeplatz in Forchheim.

01.03.2021 © Foto: Patrick Schroll


"Die Hungrigen speisen, die Durstigen tränken und die Fremden beherbergen." Das steht auf einer Fahne der Stadt Forchheim, die am Montagmorgen auf dem Paradeplatz die Botschaft der Gastronomen an die Politiker zusammenfasste. Die Branche startet in den fünften Lockdown-Monat und die Lage wird für die Betriebe immer bedrohlicher. Die Gastronomen fordern eine schrittweise Wiedereröffnung. Die Priorität liegt auf den Außenbereichen, wo die Ansteckungsgefahr sehr gering sei.

Christopher Kraus ist 38 Jahre alt, Familienvater, Unternehmer und Arbeitgeber in Forchheim. Seit einem Jahr sind die in seinem Restaurant "Zum Alten Zollhaus" Beschäftigten in Kurzarbeit. Was solle er seinem Mitarbeiter sagen, der sich ein Haus gekauft hat und abbezahlen muss?

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Zwar verkauft auch Kraus sein Essen über die Straße, die Einnahmen flössen aber komplett in die Mitarbeiter. Um sie halten, um ihnen ein Gehalt zahlen zu können. "Meine Bitcoins stehen in der Immobilie in der Hauptstraße", sagt Kraus. Der Koch hat vor 14 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, sein Kapital in das denkmalgeschützte Gebäude in der Innenstadt gesteckt.

Schließungen stehen bevor

Er will damit sein Auskommen und später seinen Ruhestand bestreiten. Auf Dauer könne er den Betrieb im Lockdown-Modus nicht weiterführen. "Irgendwann kommt der Punkt, an dem es mehr Sinn macht, die Immobilie zu verkaufen und sich vom Verkaufserlös in den nächsten 30 bis 40 Jahren den Lohn ausbezahlen zu lassen."

Der Tisch ist gedeckt, Gäste kommen aber keine. Die Gastro-Branche befindet sich im Lockdown und macht vor der Kapelle auf dem Walberla auf sich aufmerksam.

01.03.2021 © Foto: Alexander Sponsel


Dass sich Gastronomen verstärkt mit dem Gedanken beschäftigen, ihr Geschäft aufzugeben, bestätigt auch Constanze Bogatz von der gleichnamigen Kaffeerösterei in der Hornschuchallee. "Wir wissen nicht, wie wir die Ausbildung noch sicherstellen sollen", sagte sie. Phasenweise seien Betrieb und Berufsschule über Monate geschlossen gewesen.

Die Dehoga, die Vereinigung der Hotellerie und Gastronomie, forderte gestern mit der Aktion "Gedeckter Tisch" deshalb deutschlandweit eine Perspektive. "Für viele Betriebe ist es höchste Zeit, wieder öffnen zu können, für manchen schon zu spät. Die Zahlen, die auf dem Tisch liegen, sind katastrophal", fasste Dehoga-Kreisvorsitzender Georg Hötzelein die Situation im Landkreis zusammen. "Ohne Perspektive macht das auch keiner mehr mit", sagte Kraus. Für seine Branche nimmt Hötzelein in Anspruch, mit Hygienekonzepten und Kontaktnachverfolgung über Gästelisten eine "kontrollierte Atmosphäre" schaffen zu können. "Es ist besser, wenn sich die Menschen bei uns als privat treffen."

Freifahrtschein für Stunden

Darüber hinaus schlägt Gastronomin Bogatz vor, mit der neuen App Luca Schritte in Richtung Öffnung zu unternehmen. Die App könne Infektionsketten schneller erkennen und zwischen Gastronom, Gast und Gesundheitsamt bestehe ein verschlüsselter und anonymer Datenaustausch. Vor dem Café- oder Restaurantbesuch checkt der Gast per QR-Code ein. Wird er im Nachgang positiv auf das Virus getestet, sei mit seiner Zustimmung eine schnelle Kontaktnachverfolgung möglich. Auch Schnelltests brachten die Gastronomen ins Gespräch. Zentral auf dem Parade- oder Rathausplatz könnten Passanten sich testen und bei einem negativen Ergebnis für mehrere Stunden einen Freifahrtschein fürs Einkaufen, Essen, Kaffeetrinken oder für den Besuch einer Veranstaltung erhalten, so Kraus.

Der Restaurantbetreiber warnt davor, bei der Diskussion um schrittweise Öffnungen nur den Blick auf die Inzidenzwerte zu richten. "Mir fehlt in der Diskussion Ehrlichkeit: Wir werden eine Inzidenz von 35 nicht vor Mai oder Juni hinbekommen." Es gelte, auch die Auslastung der Krankenhäuser und den Impf-Fortschritt zu berücksichtigen.

Umweltminister Glauber: "Perspektivlos und unangepasst"

Das sieht auch Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (FW) so. Von der Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch erwartet er keine bloße Verkündung einer Lockdown-Verlängerung. "Das ist perspektivlos und unangepasst", sagte er im Gespräch mit den Forchheimer Gastronomen. Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) hat "kein Verständnis mehr, den Lockdown fortzuführen". Er fordert eine "Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen" ein. Seiner Meinung nach seien die Hygienekonzepte in der Branche erfolgreich gewesen. Der Landtag müsse eine Öffnungsperspektive vorlegen, appellierte auch FDP-Abgeordneter Sebastian Körber und kritisierte Bayerns FW/CSU-Regierung.

CSU-Landtagsabgeordneter Michael Hofmann ließ die Kritik von SPD und FDP jedoch nicht gelten. Zu den Gastronomen sagt er: "Sie werden von mir nicht verlangen können, dass ich Ihnen nach dem Mund rede." Er wolle das Gespräch über "sinnvolle Konzepte" suchen. Viele Punkte müssten berücksichtigt werden. Hofmann sicherte zu: "Wo Sie mich überzeugen, werde ich mich dafür einsetzen."

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