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Digitaler Unterricht: Verlorene Schüler-Generation oder Zukunftsmusik?

Schuldirektor: "Müssen Schüler fit machen für die digitale Welt und Gefahren erklären" - 26.11.2020 06:00 Uhr

Im Homeschooling reduziert sich Schule auf die reine Wissensvermittlung. Das ist zu schaffen, aber Schule ist mehr, findet Harald Pitter. Soziales Miteinander, die Zusammenarbeit mit der Lehrkraft als Person, das gegenseitige Unterstützen der Schüler, das mache Schule aus. Und all das bleibe im Homeschooling auf der Strecke.

24.11.2020 © imago images/MiS


Insgesamt eineinhalb Wochen lang musste die Ebermannstädter Realschule vor und nach den Herbstferien wegen mehrerer Corona-Infektionen geschlossen werden. Distanzunterricht hieß es damit plötzlich wieder für alle Beteiligten. Eine Situation, der sich mehrere Schulen in Franken stellen müssen. Wie lief der Unterricht aus der Ferne? Und welche Schlüsse lassen sich aus den Homeschooling-Phasen für die Zukunft ziehen? Wir baten Schulleiter Harald Pitter um eine Bilanz.

Herr Pitter, wie sind Sie in diese unvorhergesehene Phase des erneuten Homeschoolings gestartet?

Es stimmt, die Phase ist sehr überraschend gekommen. Das heißt aber nicht, dass wir unvorbereitet waren. Wir hatten im Frühjahr ja schon Erfahrungen sammeln können und haben daraus unsere weiteren Entwicklungsschritte abgeleitet.

Was bedeutet das genau?

Auf der technischen Seite haben wir zum Beispiel die Software angepasst und auf ein Schüler-, Eltern- und Lehrer-Informationssystem umgestellt. Schulmanager heißt das. Die Grundlagen dafür haben wir bereits im letzten Schuljahr gelegt. Jetzt sind wir froh, dass wirklich 99 Prozent aller Eltern, Schüler und Lehrer angemeldet sind und tatsächlich damit arbeiten können. Es war uns sehr wichtig, alle Beteiligten mit einem System zu erreichen.

Harald Pitter ist seit 2018 Schulleiter der Staatlichen Realschule in Ebermannstadt. Der studierte Pädagoge trat 1986 in den Schuldienst ein. Von 2000 bis 2005 war er Zweiter Realschulrektor an der Staatlichen Realschule in Gerolzhofen. Bevor er als Schulleiter nach Ebermannstadt wechselte, war der 60-Jährige Sachgebietsleiter im Bereich „Zusammenarbeit von Schule und Verein“ an der Bayerischen Landesstelle für Schulsport. Er unterrichtet die Fächer Sport, Biologie und Informatik und lebt in Buttenheim.

24.11.2020 © Foto: Pitter


 Wie können Sie diese Software im Distanzunterricht einsetzen?

Wir haben im Schulmanager verschiedene Module, durch die wir den Distanzunterricht abdecken können. Es gibt zum Beispiel ein Lernmodul, in dem jeder Lehrer Unterrichtsmaterialien einstellen kann, vom Dokument über Bilder bis hin zu Erklärvideos. Auch die Schüler können hier ihre Arbeitsergebnisse hochladen. Außerdem gibt es einen Bereich, der sich das digitale Klassenbuch nennt. Dort sehen auch die Eltern, welche Hausaufgaben die Kinder aufhaben.

Wie kann man sich so einen Unterrichtstag vorstellen?

Der Unterricht orientierte sich am Stundenplan. 7.45 Uhr gab es einen Morgengruß vom Lehrer, bei dem die Anwesenheit der einzelnen Schüler abgefragt wurde. Danach teilte sich der Unterricht auf in Teile, die von den Schülern selbstständig erarbeitet wurden, und Teile, bei denen ein Austausch mit dem Lehrer möglich war. Dafür haben wir in unserem Schulmanger zum Beispiel auch ein Chat-System.

Gab es auch Videokonferenzen?

Ja, es gab die Möglichkeit für Klassenkonferenzen. Dafür nutzen wir Microsoft Teams. Doch ein kompletter Unterricht ist so nicht möglich. Das gibt die Infrastruktur einfach noch nicht her. Sowohl von Seiten einiger Schüler, die dafür einen Internetanschluss mit großer Bandbreite brauchen. Aber auch vom Datendurchlass. Wenn wir während der Schulschließung mit allen unseren 700 Schülern Unterricht per Videokonferenz gemacht hätten, wäre das System zusammengebrochen. Die Videoschaltung hat sich daher vor allem in der direkten Kommunikation zwischen einzelnen Schülern und Lehrern bewährt. 

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Es klingt so, als ob der Corona-Ausnahmezustand die Digitalisierung in Ihrer Schule deutlich voran gebracht hat.

Wir werden von unserem Sachaufwandsträger, dem Landkreis Forchheim, schon länger in dieser Entwicklung gut unterstützt. Wir haben in jedem Raum zusätzlich zur analogen Tafel ein digitales Klassenzimmer mit Laptop, Beamer, Dokumentenkamera und W-Lan-Anschluss. Dazu haben wir einige Klassensätze I-Pads, die wir verwenden können. Wir waren also schon auf einem guten Weg. Auf diesem gehen wir weiter voran. Aber wir haben diesen Prozess noch nicht abgeschlossen.

Was muss noch passieren?

Wir brauchen weitere Endgeräte für Schüler und Lehrer. Das ist beantragt im Rahmen der verschiedenen Fördermaßnahmen für die Digitalisierung. Dazu brauchen wir weitere Infrastruktur wie die Glasfaserleitung zur Schule, die geplant ist. Was wir aber nicht vergessen dürfen, ist die inhaltliche Komponente. Wir müssen die Schüler fit machen für die digitale Welt, ihnen erklären, welche Potenziale und welche Gefahren im Netz schlummern. Sie müssen lernen, wie Datenschutz funktioniert, wie soziale Netzwerke arbeiten und wie sie Fakenews erkennen. Auch da gibt es noch viel zu tun.

Wie blicken Sie auf die weitere Entwicklungen in den Wintermonaten, die noch durch Corona geprägt sein werden?

Ich denke, wir schaffen das. Aber ich muss auch sagen: Trotz digitalem Einsatz ist der Präsenzunterricht nicht 1:1 zu ersetzen. Sogar der momentane Unterricht mit Maske ist besser als der Distanzunterricht.

Was ist für Sie das Hauptproblem?

Durch die Krise erleben wir derzeit sowieso nur einen Teil dessen, was Schule ausmacht: es gibt keine Konzerte, keine Schulveranstaltungen, keine sportlichen Wettkämpfe. Durch das Homeschooling aber verlieren wir einen weiteren wichtigen Bestandteil: das soziale Miteinander, die Zusammenarbeit mit der Lehrkraft als Person, das gegenseitige Unterstützen der Schüler.So bleiben letztlich nur die Inhalte. Die bringen wir auch über die Distanz rüber. Aber das sollte Schule doch nicht ausschließlich ausmachen. Die ideale Form ist für mich daher ein Präsenzunterricht mit Ausschöpfung aller digitalen Möglichkeiten.

Das heißt, sie versuchen auch im Präsenzunterricht die digitalen Lernformen beizubehalten?

Genau. Wir müssen lernen, dass wir die Lernformen kombinieren. Wenn es uns gelingt, die digitalen Möglichkeiten im Präsenzunterricht zu nutzen, wird sich der Unterricht verändern und modernisieren.

Das klingt alles trotz der Situation positiv. Dabei sprechen manche schon von einer verlorenen Schüler-Generation...

Das sehe ich anders. Ob Eltern, Schüler oder Lehrer, jeder gibt in diesen Zeiten sein Bestes, damit es eben keine verlorene Generation wird. Unsere Anstrengungen liegen deshalb auch besonders auf den Abschlussklassen. Wir führen im Rahmen der Hygieneregeln die Berufsorientierung in der neunten Klasse durch. Und wir bereiten unsere Zehntklässler auf die Abschlussprüfungen vor. Denn da geht es um die Zukunft und um weitere Werdegänge. Abgesehen davon sehe ich es positiv: Die Kinder haben in diesen Zeiten ganz andere Kompetenzen erworben, die ihnen in der Zukunft sicher helfen werden. Ich möchte keinesfalls von einer verlorenen Generation sprechen.

Interview: JANA SCHNEEBERG

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