Sonntag, 15.12.2019

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Dorfladen 2.0: Mit Zigarre und Whisky in ein neues Zeitalter

Mit 25 Jahren investiert Florian Lochner eine sechsstellige Summe in seinen Getränkemarkt in Kirchehrenbach — Eine Zukunft mit Risiko - 31.08.2018 18:14 Uhr

Ein Blick in die Zukunft: Mit Spirituosen will Florian Lochner seinen Getränkemarkt auf den Wandel im Einzelhandel vorbereiten. © Foto: Aslanidis


Florian Lochner setzt noch eins drauf. Mit 25 Jahren. Als frisch gebackener Betriebswirt. Bis zur Eröffnung am 21. September muss das neue Stockwerk fertig sein. Über eine helle Holztreppe oder alternativ über einen Aufzug gelangen die Kunden seines Getränkemarktes dann unters Dach und dort aufs Sofa. Mit einer Zigarre im Mund und dem Whisky-Glas in der Hand werden sich die Kunden nicht wie im Getränkemarkt fühlen.

"Wir machen etwas, was kein Einzelhändler anbieten oder umsetzen kann", sagt der 25-Jährige. Hinter der Theke im künftigen "Schnapsstodel" steht das Fachpersonal, das nicht nur die Kunden berät, sondern ihnen feine Tropfen auch zur Probe serviert.

"Es ist der Versuch, unser Unternehmen nicht mehr so angreifbar zu machen."

Lebensmittelmarkt Lochner im Wandel der Zeit. © F.: Aslanidis


Der Angriff, er kommt von vielen Seiten für kleine Nahversorgermärkte bundesweit. Bei den Lochners, die in Kirchehrenbach seit 1928 Lebensmittel verkaufen, sind es die Namen der großen Ketten, die die Schlinge für die eigene Existenz enger ziehen. 350 Quadratmeter groß ist der Lebensmittelmarkt "Nahkauf Lochner". 2004 kam über die Straße hinweg, untergebracht in einem ehemaligen Stodel, der Getränkemarkt dazu.

Niemand muss verhungern

Zum Vergleich: Der Discounter-Markt Norma, seit 2003 am Ortsrand von Kirchehrenbach angesiedelt, bietet seine Produkte auf gut 900 Quadratmetern an. In Sichtweite kam im Nachbarort Weilersbach im Herbst 2017 mit 1200 Quadratmetern Verkaufsfläche ein Edeka-Markt hinzu.

In Kirchehrenbach führt Vater Erich Lochner zusammen mit seiner Frau und Angestellten den Lebensmittelmarkt im Herzen des Ortes. Sein ganzes berufliches Leben arbeitet er bereits in der Branche, die sich ständig wandelt. Der typische Familieneinkauf, so Lochner senior, findet heute oftmals auf dem Arbeitsweg statt, bei den großen Ketten und an den kleinen Geschäften vorbei.

"Auf der kleinen Fläche kann ich nicht das anbieten, was der große Markt anbietet", sagt der 55-Jährige. "Ich kann aber einen Haushalt versorgen." Verhungern müsse niemand. Er sieht die junge Generation in der Verantwortung. Kauft die nicht im Ort ein, verschwinden die Läden — nicht nur für die Jungen selbst, sondern vor allem für die älteren Bürger. Ihnen liefert Lochner den Einkauf auch bis vor die Haustüre.

Beim Einkauf entscheidet der Preis. Mehr denn je, sagt Lochner. Mit dem Werbespruch "Geiz ist geil" habe alles angefangen. Dabei könne er mit den Angebotspreisen der großen Konkurrenten mithalten.

Dass der Preis nicht alles ist für kleine Dorfläden, findet Thomas Laitsch. Er ist Geschäftsführer des Dorfladens Obertrubach, der im Dezember seine Eröffnung feiert (siehe Artikel unten). Laitsch: "Unser Laden ist nicht nur zum Einkaufen da, sondern soll auch ein Treffpunkt für die Bürger sein." Das Geschäft funktioniert auch als Kommunikationsort.

Einen solchen will Florian Lochner mit seinem "Schnapsstodel" etablieren. Bei seinen Kunden zählt er auch auf die jungen Leute, die zukünftigen Familien im Ort. "Einigen ist bewusster geworden, dass im Dorf etwas vorhanden ist." Bäcker, Metzger, Blumenladen, Banken, Ärzte, Apotheke oder Gasthäuser — sie alle zählen dazu und helfen sich gegenseitig. "Alleine wäre ich schon tot", sagt Lochner senior. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern vielerorts Realität. Nur dort, wo das Dorfleben floriert, kann etwas bestehen.

In Kirchehrenbach findet es in einem historisch gewachsenen Kern statt. Für die Konkurrenz ist darin kein Platz. Große Discounter suchen ihr Heil am Ortsrand, auf der vormals grünen Wiese. Dort ist Platz. Für Waren und Parkplätze.

"Die Konkurrenz spüren wir am Umsatzeinbruch", sagt Florian Lochner. "Es ist nicht so, dass der Kunde nicht mehr kommt, aber er kauft weniger ein." Ohne die Stammkundschaft, die den Lochners die Treue hält, wäre aus dem Vorhaben Getränkeladen 2.0 wohl nichts geworden.

Die Zeichen der Zeit erkennt der 25-Jährige auch in der Onlinewelt. Die Schwierigkeit im großen wie kleinen Einzelhandel: "Es hat sich schon sehr viel auf das Internet verlagert", sagt er. "Immer mehr Leute bestellen heute das Klopapier oder Shampoo online." Für Lochner ein Zeichen, dass die Menschen und damit seine Kunden immer flexibler werden. "Der Einzelhandel muss darauf reagieren." Lochner junior tut es mit einem Onlineshop und einer eigenen App.

Klopapier online

Über die Seiten im weltweiten Web können Kunden Produkte regionaler Erzeuger aus der Genussregion rund ums Walberla und gleichzeitig von bekannten Anbietern in den virtuellen Warenkorb legen. Mit der App will Lochner die lokale Gastronomie ansprechen. Künftig reicht ihnen nur ein Klick, um den Getränkevorrat aufzufüllen. Das soll Zeit, die es normalerweise für den Einkauf braucht, sparen. Lochner liefert die Waren ins Wirtshaus, bargeldlos. Abgerechnet wird digital, über die App.

Ob sich sein Plan am Ende auszahlt steht für den 25-Jährigen in den Sternen. Eines ist für ihn klar: "Wenn es in den nächsten Jahren nicht anläuft, habe ich keine andere Option, als dicht zu machen."

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