Künstler versenkte Quader in der Altstadt

Drei neue Stolpersteine: Forchheim erinnert an 14 deportierte Juden

26.10.2021, 17:56 Uhr
Forchheim gedenkt der Mitbürger, die zur NS-Zeit deportiert wurden: Mit den letzten drei nun verlegten Stolpersteinen sind alle Quader in Forchheims Straßen zum Gedenken an die 14 von hier deportierten Juden eingelassen

Forchheim gedenkt der Mitbürger, die zur NS-Zeit deportiert wurden: Mit den letzten drei nun verlegten Stolpersteinen sind alle Quader in Forchheims Straßen zum Gedenken an die 14 von hier deportierten Juden eingelassen © Roland Fengler, NNZ

Nun haben alle 14 aus Forchheim deportierten und in der Fremde ermordeten Juden einen Stolperstein. Der Künstler Gunter Demnig aus dem hessischen Elbenrod ließ es sich nicht nehmen, selbst die Quader ins Pflaster der Wiesentstraße und der Hauptstraße einzulassen. Die kleinen Denkmäler erinnern an Flora Heller (1886-1941), Berta Sundheimer (1872-1943) und Grete Zeidler (1889-1941).

Die große Geste ist nicht seine Sache. Nur wenige Minuten dauert es, dann hat Demnig den Stolperstein vor der Wiesentstraße 16 versenkt. Hier im sogenannten „Kirchner-Haus“ befindet sich heute mit „Mein & Fein“ ein Geschäft für Brautmoden. Beinahe hätten die Fotografen den entscheidenden Augenblick verpasst.

Während aus der Lohmühlgasse sanfte Geigenklänge herüberwehen, wird der kleine mit Messing ummantelte Betonklotz festgeklopft. Alexander Zinck, Musiklehrer am Ehrenbürg-Gyymnasium Forchheim spielt auf seiner Violine eine melancholische Melodie. Das glänzende Viereck erinnert an Flora Heller, die wie ihre Untermieterin Grete Zeidler vor fast genau 80 Jahren ins Baltikum verschleppt worden ist. Am 27. November 1941 begann für die alleinstehenden, ledigen, älteren Frauen das Martyrium.

Bislang 80.000 Stolpersteine verbaut

Auf seiner Tour war der Aktions-Künstler zuvor in Ried nahe Augsburg und in Moosburg bei Freising. Man merkt Demnig sein Alter nicht an, am Mittwoch wird er 74 Jahre geworden sein. Da wird er gerade in Grünsfeld im Main-Tauber-Kreis am größten dezentralen Denkmal Europas weiterbauen. „Inzwischen sind es mehr als 80.000 Stolpersteine.“

Auch der unendliche Strom vorbeirauschender Fahrzeuge, der sich über die Hundsbrücke ergießt, kann die Gedenkstunde nicht stören. Dass es so schnell geht mit der Verlegung ist auch Rudolf Neumann und seinem Kollegen Sebastian Prell zu verdanken. Die Männer des städtischen Bauhofs haben die nötigen Vorbereitungen getroffen und gehen Demnig mit Fäustel, Kelle und Besen tatkräftig zur Hand.

Die "unsichtbare Frau" aus Forchheim

Auf dem Weg bleibt etwas Zeit, um sich mit den Lokalhistorikern zu unterhalten, die seit Jahren die Zeit des Nationalsozialismus in Forchheim und Umgebung erforschen: Manfred Franze aus Ebermannstadt und Rolf Kießling aus Buckenhofen. Aber auch mit Dieter George vom Heimatverein Forchheim, der die Stolpersteine finanziert hat. Der Tross bewegt sich wenige Meter weiter und stoppt vor der Wiesentstraße 1.

Die drei Frauen Grete Zeidler (1889-1941), Berta Sundheimer (1872-1943) und Flora Heller (1886-1941) lebten in Forchheim, bis sie deportiert wurden.
 

Die drei Frauen Grete Zeidler (1889-1941), Berta Sundheimer (1872-1943) und Flora Heller (1886-1941) lebten in Forchheim, bis sie deportiert wurden.   © Roland Fengler, NNZ

Heute befindet sich hier die Buchhandlung „S´blaue Stäffala“. An selbiger Stelle wohnte bis zu ihrer „Umsiedlung“ Berta Sundheimer. Sie gilt den Schülern der Klasse 10A des Ehrenbürg-Gymnasiums Forchheim, die das Leben der drei Holocaust-Opfer beleuchten, als „unsichtbare Frau“. Sie lebte in einem kleinen Zimmer, kam nie auf die Straße und wurde dennoch ins KZ Theresienstadt deportiert.

Systematisch ausgegrenzt

Die letzte Station des Spaziergangs durch die Geschichte endet vor der Hauptstraße 11. Die Ironie der Geschichte will es, dass im ehemaligen Kaufhaus Rosenthal und späteren Modehaus Heilmann nun ein „Lagermeister“ seine Dienste anbietet. Inzwischen hat der leichte Nieselregen aufgehört. Grete Zeidlers letzte Zuflucht zeigt, dass die Ermordeten mitten in der Stadt gelebt haben. Dass sie aber spätestens seit 1933 nicht mehr dazugehörten.

Sie wurden systematisch ausgegrenzt, sie wurden zu Nummern degradiert, wie Pfarrerin Ute von Seggern von der evangelischen Johanniskirche erwähnte. „Nun wollen witr ihnen ihren Namen wiedergeben.“ Die Schülerinnen Lena Blümlein und Teresa Dippold (Patenschaft für Berta Sundheimer), Diana Rogowski und Marie Pfeil (Patenschaft für Flora Heller), sowie Panna Ujvári (Patenschaft für Grete Zeidler) wollen sich auch in Zukunft um die Pflege ihrer Stolpersteine kümmern.