Ein Schaf unterm Weihnachtsbaum: Jungbauer Lukas Ziegler und sein Herzenswunsch

Patrick Schroll
Patrick Schroll

Redakteur Nordbayerische Nachrichten Forchheim

E-Mail zur Autorenseite

24.12.2019, 07:40 Uhr
Treue Seelen: Gänse und Huhn haben nur Augen für Lukas. Der 15-Jährige kümmert sich Tag ein, Tag aus um seinen Hof.

Treue Seelen: Gänse und Huhn haben nur Augen für Lukas. Der 15-Jährige kümmert sich Tag ein, Tag aus um seinen Hof. © Foto: Anja Hinterberger

Chico heißt das Schaf. Der Name kommt aus dem Spanischen und heißt übersetzt Junge. Warum Lukas Ziegler seinen Bock so getauft hat, das weiß der 15-Jährige nicht mehr. Doch bis heute verbindet Lukas etwas Besonderes mit dem Tier. Er wünscht sich seinen Chico wieder zurück auf seinen Hof - schon seit zwei Jahren. Die Liebe für das Schaf hat eine traurige Seite, die Leser vor zwei Jahren zu Tränen gerührt hat. 

Jungbauer Lukas Ziegler aus Wannbach packt an.

Jungbauer Lukas Ziegler aus Wannbach packt an. © Foto: Anja Hinterberger

Damals haben wir zum ersten Mal vom Jungbauern Lukas berichtet. Die Geschichte blieb den Lesern und der Redaktion der Nordbayerischen Nachrichten im Jahr 2017 im Kopf. Der Realschüler war 13 und hatte nur eines im Kopf: seinen selbsternannten "Wannbacher Tiergarten", wie er den Hof rund um sein Elternhaus liebevoll nannte. Bis heute ist die Leidenschaft geblieben. Sie lodert stärker als je zuvor. "Der Bauernhof ist mein Leben. Das habe ich mir aufgebaut", sagt der 15-Jährige.

Hier fühlen sich Gans und Huhn pudelwohl. Im Frühjahr kommen neue Legehennen, dann kann der Jungbauer mit der Zucht bedrohter Tierarten starten.

Hier fühlen sich Gans und Huhn pudelwohl. Im Frühjahr kommen neue Legehennen, dann kann der Jungbauer mit der Zucht bedrohter Tierarten starten. © Foto: Anja Hinterberger

Die Arbeit ist bisweilen hart. Sie zerrt auch schon mal an den Kräften des Schülers. Wenn er sich was in den Kopf setzt, dann zieht er es auch durch. Und wenn er bis Mitternacht werkelt. Die Motivation, die er an den Tag legt, ist auch dringend notwendig. Vor acht Jahren erlitt sein Vater einen Schlaganfall, ist seitdem pflegebedürftig und an den Rollstuhl gebunden. Lukas war zu dem Zeitpunkt fünf Jahre alt. "Seinen Vater kennt er gesund nur von Videoaufnahmen", sagt Mama Hildegund. Von ihm muss er die Energie geerbt haben, ist sich die Mutter sicher. Und die Leidenschaft. Lukas konnte gerade Laufen, da schnappte er sich die viel zu großen Gummistiefel und lief seinem Vater hinterher, zu seinen "Mähs".

Chico ist der Schlüssel zwischen Sohn und Vater

Chico ist der Schlüssel zwischen Sohn und Vater, der sich nach dem Schlaganfall nur noch schwer mitteilen kann. Chico haben beide mit der Flasche aufgezogen. Da war die Welt noch in Ordnung. Nachdem die Krankheit den Familienvater aus seinem bisherigen Leben gerissen hatte, versorgten die Zieglers ihre Schafe noch so lange, bis das Heu aufgebraucht war. "Dann mussten wir die Tiere wegbringen", sagt Hildegund.

Zumindest einen Teil des Schicksals, das über die Familie hereingebrochen ist, will Lukas umkehren. Er will nicht nur Chico zurück holen, sondern am liebsten gleich einer ganzen Schafsherde ein Zuhause geben. Lukas will einen Stall bauen, Material hat er sich schon gesichert. Fehlt nur noch die Zeit dafür. Es ist nur eines von mehreren Projekten, die demnächst anstehen.

Ein Zuhause mit Schnickschnack

Die Scheune steckt deshalb gerade mitten in einer Erfrischungskur. Mit seinem Onkel hat Lukas die Scheune ausgeräumt und gepflastert. Über die Wintermonate will der Schüler noch eine Decke einziehen und den Dachbereich zum Getreidelager ausbauen. "Ich habe mir auch schon ein Rohrsystem für die Lagerung ausgedacht", sagt Lukas. Den fränkischen Baustil will er unbedingt erhalten. Um das Futter für seine Hennen selbst mischen und schroten zu können, hat er sich seine eigene Mischanlage in der Scheune installiert. "Je nach Alter der Hennen kann ich das dann neu anmischen." Bis März sollen die Grobarbeiten erledigt sein. Dann will Lukas seinen 16. Geburtstag mit seinen Freunden im Stodel groß feiern.

Überraschender Nachwuchs mitten in der Winterzeit.

Überraschender Nachwuchs mitten in der Winterzeit. © Foto: Anja Hinterberger

Es liegen noch Reste des ersten Schnees diesen Jahres auf der Wiese, als wir mit Lukas über seinen Hof laufen. Schnatternde Enten, gackernde Hühner und geschwätzige Gänse laufen aufgeregt umher, gucken uns neugierig an und spekulieren auf Futter. "Ich versuche, alles Getreide selbst anzubauen." Auf seinen eigenen Flächen und dazugepachteten. Eine Gans läuft schnurstracks auf uns zu, begrüßt uns freundlich. Lukas nimmt sie auf den Arm. Sie genießt die Streicheleinheiten. "Es ist der älteste Herr im Stall", sagt Lukas. Auch dieser namenlosen Gans hat er ein neues Zuhause gezimmert. "Mit allem Schnickschnack." Die Stalltür geht morgens automatisch auf und abends automatisch zu. Angenehmes Licht und wohlige Temperaturen im Inneren machen aus dem Bretterbau ein tierisches Wohnzimmer.

Eine kleine Version eines geplatzten Traumes

"In der Woche vor Weihnachten steht das große Schlachten an", sagt Lukas. Zur Weihnachtszeit landet manches Tier auf den Tellern von Freunden und Bekannten. Es ist die kleine Version eines großen, geplatzten Traumes: "Den alten Kuhstall wollte ich zum Schlachtraum ausbauen. Aber mit den ganzen Auflagen geht das ins Geld, also habe ich beschlossen, es zu lassen", sagt der 15-Jährige. Er hätte Fleisch von einst glücklichen Tieren verkaufen können, sagt er. Ein kleiner Regionalvermarkter.

Nicht nur haben seine Tiere hunderte Quadratmeter Platz zum Auslaufen, auch das Futter versucht Lukas auf seinen eigenen Ackerflächen anzubauen. "Ich arbeite quasi nach Bio-Richtlinien", sagt er selbstbewusst. Zertifizieren lassen möchte er sich aber nicht. Dann dürfte er beim Ackerbau gar keine Pflanzenschutzmittel verwenden und müsste das Unkraut maschinell beseitigen. Das koste Zeit und Geld. "Da bleibe ich lieber bei der konventionellen Landwirtschaft, aber so gut wie möglich auf Bio-Standard."

Ein eigenes Transportsystem für das eigenen Futter entsteht in der Scheune.

Ein eigenes Transportsystem für das eigenen Futter entsteht in der Scheune. © Foto: Anja Hinterberger

Der Verkauf alleine reizt den Schüler nicht. "Ich will sehr regional bleiben und auf alte Sachen setzen." Das ist sein Credo bei der Zucht seiner Tiere. Beiläufig arbeitet Lukas daran, vom Aussterben bedrohte Rassen für die Nachwelt zu erhalten. Bei den Gänsen sind das die Pommerngänse, bei den Hühnern die Mechelner, die auf der Roten Liste der bedrohten Nutztierarten in Deutschland stehen, weiß Lukas. Damit sein Vorhaben gelingt, sollen es die Hühner bequem haben. Im nächsten Jahr sorgt ein neues Fenster im Stall für mehr Tageslicht. Auch einen Wintergarten will Lukas bauen. Mit ihren nackten Füßen sollen die Tiere in der kalten Jahreszeit nicht mehr auf kalter Erde staksen müssen.

Eine Gans: „Der älteste Herr im Stall“, sagt Lukas.

Eine Gans: „Der älteste Herr im Stall“, sagt Lukas. © Anja Hinterberger

Lukas hilft sich selbst, fackelt nicht lange und denkt Schritte voraus. Seine Mutter versetzt das regelmäßig ins Staunen. Kaum war bekannt, dass der Innenhof der Ebermannstädter Realschule einen neuen Pausenhof bekommen soll, sprach Lukas schon bei seinem Schuldirektor vor. "Ich habe gedacht, das macht Sinn: Die alten Pflastersteine fahren wir nach Wannbach." Und auch der Direktor war von der Weitsicht des Schülers begeistert. Baustellenarbeiter kippten eine Fuhre voller Pflastersteine in den Zieglerischen Hof und für Lukas begann die Arbeit: Er pflasterte den Innenhof neu.

Voller Tatendrang blickt Lukas in die Zukunft. 2020 startet sein letztes Schuljahr, danach will er in die Lehre gehen, vielleicht als Mechatroniker. "Ein Beruf ist wichtig, damit ich nebenbei meine Landwirtschaft machen kann." Ganz uneigennützig fällt die Berufswahl nicht. "Was ich da lerne, kann ich auch auf meinem Hof nutzen." Er soll weiter wachsen. Bis dahin paukt er, in der wenigen Zeit die bleibt, für den Schulabschluss.

"Wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, will ich mir schottische Highland-Rinder, holen." Die Tiere mit ihren langen Hörnern und zotteligen Haaren sollen auf seinen Wiesen ungestört weiden können. Nicht nur wegen ihres Aussehens will Lukas die Tiere nach Wannbach holen. "Das ist eine robuste Rasse, die man ganzjährig außen lassen kann. Sie wachsen langsam, dadurch haben sie eine bessere Fleischqualität."

Trotz Rückschläge eine Kämpfernatur

Zurück im Esszimmer wartet ein lecker duftender Linseneintopf. Papa, Mama und Sohn lassen sich ihn schmecken. Die Familie ist es, die auch an Heilig Abend zählt. "Als erstes stellt Lukas immer die Krippe auf", sagt Mama Hildegund. Fürs frische Moos geht er in den Wald. Oder dieses Jahr auf das Scheunendach. Dort wächst genug davon. Abends spielt Lukas in der Kirche im Posaunenchor, danach kommt die Familie an der Festtafel zusammen.

Ist denn schon wieder Weihnachten? Einer von mehreren Familienhasen.

Ist denn schon wieder Weihnachten? Einer von mehreren Familienhasen. © Foto: Anja Hinterberger

Chico wird nicht unter dem Baum liegen, aber vielleicht ein neues Fahrrad. "Damit ich von A nach B komme", sagt Lukas. Einen Antrag auf einen vorzeitigen Führerschein haben die Behörden dieses Jahr abgelehnt, ärgert sich seine Mama. Lukas hätte mit dem Traktor die Arbeit auf dem Hof einfacher erledigen können. Doch die Familie lässt sich nicht unterkriegen. Lukas ist eine Kämpfernatur. Er glaubt nicht nur fest an seinen Traum, er lebt ihn auch. Mit allem, was dazugehört. "Manchmal weiß man nicht, wie man es richtig macht, was man ihm raten soll", sagt Hildegund. Lukas ist zuversichtlich: "Lass mich einfach machen, ich mache es schon richtig."

Und auch ganz ohne Worte lässt sein Papa keine Zweifel daran aufkommen, wie stolz er auf seinen Sohn ist.

Keine Kommentare