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Eine mitreißend kalte Suppe im vollen St. Gereon

Das Nürnberger Tanzensemble „Gazpacho“ fasziniert mit ein wenig Mozart und viel spanischer Süße - 05.06.2013 17:38 Uhr

Klaus Jäckle (Gitarre), Andrea Grüner (Kastagnetten) und Wolfgang Pessler (Fagott) sind „Gazpacho“.

05.06.2013 © Udo Güldner


Die Drei von der Tanzstelle begeisterten das Publikum mit gut gewürzten Häppchen und machen Appetit auf mehr. Wenn Klappern zum Handwerk gehört, dann ist Andrea Grüner mit ihren Kastagnetten eine Meisterin. Schon alleine, wie sie in Isaac Albeniz’ „Astrurias“ den Gitarristen Klaus Jäckle durch die karge Landschaft im Norden der iberischen Halbinsel begleitet. Wie einst Sancho Pansa seinem träumenden Don Quixote, weicht sie ihm rhythmisch nicht von der Seite. Sie folgt ihm durch die wüste Steppe, hört sich mit ihm sein sehnsüchtiges Liebeslied vor einem Burgfräulein an und kehrt, bezaubert vom poetischen Saitenspiel, zurück. Als Zuhörer vergisst man bei soviel aufregender Musik, dass der Minnesang des in der falschen Zeit lebenden Ritters ein Schlag ins Wasser war.

Perfektes Zusammenspiel

Was an den wunderbar warmen und weichen Farben liegt, mit denen „Gazpacho“ die Mischung aus drei Jahrhunderten über heißer Glut anrührt. Das Trio verfügt nicht nur über die technischen Fertigkeiten, sondern auch über das Einfühlungsvermögen und die Ausdruckskraft, deren leidenschaftliche Klänge bedürfen. Auch wenn sie mit scheinbar unterkühlter Miene, wie die namengebende eiskalte Gemüsesuppe, aufgetragen werden. Den musikalischen Eintopf, der andalusische Schärfe, Pariser Eleganz und romantische Süße in sich vereint, verfeinern die drei Notenköche mit Dekorationen. Wer ein zweistündiges Mozart-Potpourri erwartet, wird enttäuscht. Denn nur zu Beginn erklingt der Fandango aus der „Hochzeit des Figaro“, währenddessen sich Graf Almaviva und sein Kammerdiener Figaro über das andere Geschlecht unterhalten („Ja, ja, so machen’s alle Weiber“). Danach aber entschädigt ein wilder Ausritt in die Welt der spanischen Folklore, der französischen Oper und der exotischen Moderne, garniert mit Südfrüchten lateinamerikanischer Provenienz.

Dass auch Ballettmusik flamencohaft klingen kann, zeigt Manuel de Fallas „Dreispitz“. In Form einer spanischen Farruca tanzt hier ein Müller über die Bühne, einerseits expressiv, andererseits sehnsüchtig, immer aber ergreifend. Denn eigentlich ist die Farruca ein Flamenco für Männer, den aber von Beginn an auch Frauen in Hosen getanzt haben. Dem Stierkampf nachempfunden, kreist ein rotes Tuch, und Andrea Grüner wirbelt nicht nur appetitanregend durch die kleine Kapelle. Aus dem Geräusch wird der Rausch. Nicht minder temperamentvoll klingen Erique Granados’ „Danzas españolas“. Die können ihre arabische, sprich maurische, Herkunft keinen Takt lang verleugnen.

Mit seinem Fagott gibt sich Wolfgang Pessler ganz dem dunklen Timbre und den dynamischen Nuancen hin, die Ermanno Wolf-Ferrari in seinen „Strimpellata“ (Klimpereien) notiert hat. Dabei gelingen dem Mitglied des Nürnberger Opernhauses wunderbar innige Momente. Wolfgang Pessler kann aber auch schelmisch und keck auftreten, oder humorvoll karikierend.

Aberwitziges Tempo

„Gazpacho“ kommt ohne akustische Geschmacksverstärker aus, verwendet nur beste kompositorische Zutaten und lässt das Ergebnis nicht verkochen. Klaus Jäckles große Stunde schlägt mit einer „Großen Kleinigkeit“. So hat der Gitarren-Papst Francisco Tarrega sein „Gran Jota“ überschrieben. Im Wechsel zwischen Erzählung und Gesang bringt der Virtuose sein Instrument zuerst zum Singen und später zum Reden, setzt den Saiten mit aberwitzigem Tempo, komplizierten Griffen und großer Hingabe zu. Liebe, Leid und das Leben insgesamt verstecken sich im fulminanten und zugleich märchenhaften Nationaltanz Aragons, der innige Idylle ebenso kennt wie überbordende Emotionen. Ungeheuerlich, welche Möglichkeiten des Ausdrucks und der Gestaltung in einer Gitarre schlummern können.

Ohne George Bizets „Carmen“ darf ein solch mitreißender Konzertabend natürlich nicht enden. Weshalb die Hartholz-Muscheln noch zu glühenden Verehrern des Franzosen werden, der nie einen Fuß auf den Boden des Nachbarlandes gesetzt hat. Der Bissen Bizet „Draußen am Wall von Sevilla“ mundet, auch weil er als Seguidilla in ansprechender Gedichtform gefasst ist. Unfassbar, mit welchem Temperament, welcher Contenance und welcher Präzision da drei Instrumente und ein Körper das Versmaß in Bilder umsetzen. Am Ende verlangt das Publikum, nun selbst auf den Geschmack gekommen, noch einen Nachschlag.

UDO GÜLDNER

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