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Erinnerungen an Forchheim: Ein Wohnviertel, die ganze Heimat

Forchheim-Nord war das Ziel vieler Menschen für den Neustart nach Flucht und Vertreibung - 27.03.2021 17:46 Uhr

„Gemeinnützige Tat schuf neue Heimat“: Das ist noch heute in der Bammersdorfer-/Ecke Kantstraße an der Fassade eines Genossenschaftsbaus zu lesen.

26.03.2021 © Foto: Anestis Aslanidis


Als mir mein Vater beim Hohenberger in der Bamberger Straße eine neue Jeans spendierte und wir vom Inhaber selbst bedient wurden, begannen die beiden Herren eine Konversation über das Tragen langer Unterhosen in ihrer Soldatenzeit. Da war der Zweite Weltkrieg nahezu 20 Jahre vorbei.

In meinen Kinder- und Jugendjahren mischten sich die Themen Krieg, Flucht, Gefangenschaft oder ehemalige Heimat öfter in die Unterhaltungen der Elterngeneration. Selbst beim "Small Talk" genügte ein harmloses Stichwort (siehe oben) und man war am Thema jüngere deutsche Vergangenheit dran – aus sehr privater Perspektive.

Meine Eltern und Verwandten brachten mir ihr Leben von "damals" nahe, beginnend bei Kaiser Wilhelm. Die noch frischen Erinnerungen überwogen: Ich weiß nicht, wie oft mir mein Vater vom Krieg und von fünf Jahren russischer Kriegsgefangenschaft erzählt hat, wenn wir sonntags durch die Felder zum Örtelberg oder am alten Kanal entlang Richtung Bamberg liefen. Er musste seine Eindrücke an den Sohn loswerden – und der absorbierte. Mit sieben Jahren waren mir Städtenamen wie Welikije Luki oder Naltschick vertrauter als Böblingen oder Flensburg.

Meine Mutter beschrieb mir ihr Leben und Überleben in Dresden, die Flucht in den Westen, das Warten auf ihren Mann in Forchheim. Sie war zusammen mit Verwandten bei Hof an der damaligen Zonengrenze gefasst und zurückgeschickt worden, kein Schusswaffengebrauch, nur ein kurzer Gewahrsam.

Der zweite Fluchtversuch gelang. Einige aus dieser Fluchtgruppe kehrten noch einmal mit Rucksack und Handkoffer nach drüben zurück, um Wichtiges oder Wertvolles aus dem Familienbesitz zu retten.

Wohnungsnot und Linderung

Lange Zeit blieb diese Vorstellung von einer nächtlichen Flucht, zu Fuß und in kleinen Gruppen, haften. Erst spät in meinem Leben fand ich heraus, dass Forchheim und das Umland 1946 die schlagartige Ankunft von Zugtransporten mit tausenden Flüchtlingen und Vertriebenen bewältigen mussten.

Wobei viele Ankömmlinge infolge der plötzlich auftretenden und noch Jahre andauernden Wohnungsnot erst durch Zwangseinquartierungen zu einer Unterkunft fanden. Eine befreundete Mutter beschrieb mir ihre Erfahrungen nach der Ankunft: Massenlager in der Weberei, Notunterbringung in einem Gasthaus-Nebenzimmer und schließlich Bezug einer requirierten Wohnung in der Forchheimer Innenstadt.

Sie erwähnte das Wechselbad der Gefühle, wenn auf abwertende Behandlung eine wohltuende freundliche Tat folgte. Sie meinte: "Ich habe mich lange als Mensch zweiter Klasse gefühlt", und fügte hinzu: "Die Forchheimer, je näher die zur Martinskirche wohnten, desto stärker spürte ich die Ablehnung."


Out of Forchheim: Dank des Führerscheins.


Demgegenüber sehe ich den Neuanfang und die damaligen Lebensumstände unserer Familie, etwa zehn Jahre nach dem Kriegsende, in eine wesentlich weichere und hellere Wirklichkeit eingebettet, in meinem sehr subjektiven Rückblick. Nach einem kurzen Intermezzo in der Von-Brun-Straße siedelte sich unsere Familie 1954 im Stadtnorden an, bis mein Vater 2002 im hohen Alter von dort wegzog. Bereits als wir einzogen, umfasste das neue Wohngebiet ein weiträumiges Areal, vormalig Sandgruben, Äcker, Wiesen, Obstgärten und Müllkippen. "Gemeinnützige Tat schuf neue Heimat", so war das gedacht und so ist es heute noch an der Stirnseite eines damals errichteten Hauses zu lesen.

Hier wuchs keine kleine eingesprenkelte Neuansiedler-Enklave, sondern ein eigenständiger Stadtteil mit Dienstleistungsversorgung und Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf. Wir lebten in einer von hunderten Genossenschaftswohnungen. Nahezu alle Erwachsenen und manche Heranwachsenden in der weiteren Nachbarschaft blickten auf ein Leben vor und nach Flucht oder Vertreibung zurück. Letzteren Zeitabschnitt teilte ich mit ihnen — oder doch nicht. Für mich bedeutete Forchheim-Nord nicht die neue, sondern die einzige Heimat.

Das Leben der Anderen

Gleich einmal an dieser Stelle: Mich hat nie jemand in der Stadt Forchheim spüren lassen, dass ich nicht dazu gehören würde, von wegen Flüchtling. Nach der Einschulung begegnete ich Kindern aus allen Stadtteilen und schloss neue Freundschaften. Mein erster innerstädtischer Freund Karl nahm mich in das enorme Anwesen der Stadtapotheke mit, ich bestaunte alles: Riesenwohnung, Innenhof, dreistöckige Dachböden.

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Wenn Antagonismus, dann trat er im frühen Schülerdasein entlang konfessioneller Linien zutage. "Die Hünd’, die evangelischen, die hau’ mer her", dieser Satz ist von meinem Freund Peter als authentisch, im katholischen Sektor der Zentralschule gesprochen, bestätigt worden.

Ein nicht-evangelischer Freund aus der Stadtmitte ließ mich einmal wissen, dass die Nordbevölkerung, selbst die katholische, als "Geschwartel" weitgehend ignoriert wurde; man hatte keine Freunde im Norden. Das galt nicht mehr am Gymnasium. Dessen Jahresbericht listete allerdings zum Schülernamen auch den Beruf des Vaters und die Konfession auf. Damit Eltern nachblättern konnten, ob ihre Kinder auch in einem statusgenehmen Freundeskreis verkehrten?

Eine unsichtbare Trennlinie, die Distanz zu den Einheimischen, blieb Sache der Erwachsenen aus Sachsen, Pommern, Schlesien, Böhmen. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern nie im Leben eines der alten Forchheimer Bürgerhäuser zu einem Privatbesuch betreten haben. Meine Mutter fand keinen Draht zu Besonderheiten der fränkischen Lebensart, zum Beispiel im Kulinarischen: Riffala oder Bohnakern blieben ihr so fremd wie Chop-Suey. Sie gewöhnte sich nur schwer an den fränkischen Slang, sprach anfangs noch deutlich sächsisch und wurde einige Male in einem Laden der Innenstadt nicht bedient. Von einer Nachbarin erfuhr ich, wie sie sich bei der Geburt ihres ersten Kinds im alten Forchheimer Krankenhaus von den Ordensschwestern dermaßen schlecht behandelt fühlte, als Flüchtling und dazu evangelisch, dass sie die nächste Entbindung in Erlangen vornehmen ließ. Die Diskriminierung schlug überall einmal zu.

Wer öffnet die Tür?

Ich wuchs in einem vornehmlich sächsisch-schlesischen Umfeld auf. Dies hatte viel mit der Dresdener Firma Loesch zu tun, die sich 1949 in Forchheim angesiedelt und einen Teil der Belegschaft mitgebracht hatte; mein Vater fand dort nach seiner Rückkehr Anstellung. Wir hatten Loesch-Verwandtschaft, besuchten Loesch-Kollegen, fuhren mit denen in die Fränkische oder in den Urlaub. Die Eltern gingen zum Loesch-Faschingsball, die Männer spielten Skat, nicht Schafkopf, tranken Slivovitz, keinen Zwetschger. Wenn über die Jahre einmal neue Bekannte dazu kamen, stammten diese aus Prag, Krefeld oder Göttingen. Weithin kein Draht zu Alt-Forchheimern.

Unsere Familie schwamm mit im kleinbürgerlichen Mainstream des Stadtnordens — bescheidene Menschen, Arbeiter, Angestellte und Beamte der weniger bedeutenden Ränge, unter einer Glocke von Biederkeit, Ordnung und klein portioniertem Streben. Die Hausnummer neben uns beherbergte den höchsten sozioökonomischen Status, einen Architekten.

Wenn man per Zufallsauswahl in verschiedenen Mietshäusern im Viertel bei beliebigen Parteien geklingelt hätte, wer hätte da geöffnet? Ein Brotverdiener, männlich, und eine Vollzeithausfrau/-mutter, das "klassische Familienmodell"? Sicherlich, doch wie oft mussten Mütter arbeiten, um für das Familieneinkommen zu sorgen oder es aufzubessern? Dann rückten nicht selten die Großmütter in den Lebensmittelpunkt. Großmütter waren zahlreich und wichtig in unserer Nachbarschaft, behielten tagsüber den Nachwuchs im Auge, versorgten ihn. Ich erinnere mich an nicht wenige Dreigenerationenhaushalte mit und ohne Männer, an Kinder, die nur mit ihren Großeltern zusammenlebten, und an alleinlebende Frauen. Im Unterschied zu einer Kriegerwitwe schien eine ledige oder geschiedene Frau, die für ihren Lebensunterhalt und vielleicht noch für ein Kind zu sorgen hatte, ein Grund für Getuschel zu sein, das auch meine Kinderohren erreichte.

Nicht alle Flüchtlinge sind gleich

Sobald meine Kinderaugen einen Kriegsversehrten wahrnahmen, verspürte ich den Zwang hinzusehen, um gleich wieder verlegen wegzuschauen. Die "seltsamen" Bewegungen eines Beinamputierten auf Krücken konnte ich noch in eine Art Normalität einordnen, der Anblick eines Kriegsschüttlers blieb verstörend und unbegreiflich. Manche dieser stets hageren Männer kamen in die Häuser und baten um einen Groschen. Als man in Deutschland bereits vom Wirtschaftswunder sprach. Meine Eltern entschieden sich für den Umzug in eines der neuen Y-Häuser. Hoher Wohnkomfort in 4-Zimmer-Einheiten mit Aufzug, Zentralheizung und Müllschlucker, das lockte eine für Forchheim-Nord und den sozialen Wohnungsbau ganz neue demographische Schicht an: Nun fühlten sich Ärzte, erfolgreiche Selbstständige, ein Ex-Oberst der Luftwaffe, Firmen- oder Geschäftsinhaber und höhere Angestellte hier heimisch. Die Y-Häuser, beinahe eine exklusive Adresse, damals.

Geografisch sehr nahe und weit weg von wachsendem Wohlstand beherbergte die Büg die "Baracker", so abgestempelt, selbst wenn sie in den noch wenigen Häusern dort wohnten. Wer am Nordbahnhof lebte, kam aus dem Glasscherbenviertel. Ausgegrenzte und Außenseiter unter Flüchtlingen, hierüber schrieb Natascha Wodin sehr eindringlich. In ihrem Buch "Die gläserne Stadt" habe ich viele Orte, Namen und die Stimmung wiedererkannt. Aus der Zeit, als ich Zeitschriften austrug, dominiert die Erinnerung an ein sogenanntes raues Pflaster und an üppige Trinkgelder von Menschen in miserablen Wohnbedingungen.

Das Prädikat "Piefke"

Zwischen 1939 und 1961 verdoppelte sich Forchheims Einwohnerzahl nahezu. Durch die Ansiedlung der Firmen Piasten, Loesch, Waasner und Köhler erlebte die Stadt eine zweite Industrialisierung. Die von weit weg waren angekommen. Im späten Teenager-Alter besaß ich genug Selbstbewusstsein, um ein wenig von oben herab über das Altfränkische zu lästern. Forchheim gab nie vor, kein Provinznest zu sein. Die Stadt war lange Zeit ganz alter Kern und überhaupt nicht fränkisch modern, das machte sich überall bemerkbar.

Wir im Neubauviertel hatten Kanalisation, die Innenstädter benutzten nicht selten noch Toiletten in wasserspülungsfreier Holzbauweise. Meine schnodderigen Kommentare kamen bei einigen bevorzugten einheimischen Mädels nicht gut an und ich erhielt das Prädikat "Piefke", aber nicht für lange. Ich spreche schließlich fließend Fränkisch.

THOMAS WALTHER E-Mail

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